Rückblick

Guardini Salon | Die Vermessung der Macht

In Kooperation mit dem Deutsch-Russischen Forum veranstaltete die Guardini Stiftung am 18. September 2019 den dritten Guardini Salon in ihrer Galerie. Thema dieses Abends war die "Vermessung der Macht" – es diskutierten die in Greifswald und Moskau lehrende Literaturwissenschaftlerin Ekaterina Poljakova und der Berliner Jesuitenpater Hermann Breulmann. Für den musikalischen Rahmen sorgte das Trio SCHO mit Gennadij Desatnik  an der Gitarre und der Violine, Valeriy Khoryshman am Akkordeon und Alexander Franz am Kontrabass.

Als Diskussionsgrundlage auf dem blauen Sofa diente Dostojewskis berühmtes Poem "Der Großinquisitor" aus dessen letztem Roman "Die Brüder Karamasow".  Große Literatur, die die Frage nach dem Wesen des Menschen thematisiert: Die Gier nach Macht, die Herausforderung unbegrenzter Freiheit, die Verlockung verantwortungslosen Glücks. Das Schwinden des "echten Glaubens". Ja schließlich: Die trotz allem hartnäckig sich haltende Sehnsucht nach Erlösung.

Der österreichische Maler und Publizist Haralampi G. Oroschakoff las die Schlüsselszene aus dem Werk, in welcher der Großinquisitor mit dem aus Liebe zu den Menschen auf die Erde zurückgekehrten Sohn Gottes ins Gericht geht. Ekaterina Poljakova, die bereits in ihrer Dissertation zu Dostojewski arbeitete, attestierte dem Autor, in schönster existenzialistischer Manier an seiner religiösen Absicht zu scheitern. Beide Gäste diskutierten angeregt über den Dissens zwischen der römisch-katholischen Kirche und der Orthodoxie, die Poljakova als zwei Lungenflügel desselben Leibes bezeichnete.

Immer wieder umkreisten die Diskutanten die Frage nach dem Glauben der Vielen auf der einen und der Auserwählten, Privilegierten auf der anderen Seite. Pater Hermann Breulman beschloss den Abend mit einem Zitat des ungarischen Schriftstellers Sandor Marais aus dessen Roman: "Himmel und Erde": "Der Mensch betrachtet Dome seit langem als Kunstwerke, wandelt unter ihren Spitzbögen, bestaunt die Kunstschätze. Und all das aufmerksam und höflich, vielleicht begeistert. Aber dann geht das Leben in seiner Traurigkeit […] darüber hin. Und eines Tages beginnen wir die einfachen Menschen zu beneiden, die in Florenz, Chartre, Paris zum Beten in die Kirche kommen, oder um ein Nickerchen zu machen oder auch nur, um sich in Erinnerung zu verlieren, ins Halbdunkel der Dome einkehren und keinerlei Ahnung haben von den Kunstwerken, vor denen sie knien. Ihre Ahnungslosigkeit ist der wahre Sinn eines Domes."

Fotos: Frizzi Krella

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