Guardini akut | KW 26/2021

lavabo

Von Norbert Hummelt

die stille war ein bestimmter geruch .. niemals
ging ich mit dem weihrauchfaß, das mußten
wahrscheinlich andere tragen, die das besser

konnten als ich, oder es kam einfach selten
zum einsatz. doch war es mir wie soll ich
sagen eine gewisse zeitlang ein glück, daß

ich öfters den kelch tragen durfte nach der
spendung der kommunion wenn ihn der
priester gereinigt hatte legte er einen deckel

darüber dessen namen ich nicht erinnere, er
wurde mir wohl auch nie gesagt. darüber kam
ein weißes tuch zu liegen, es heißt womöglich

lavabotuch, darunter verschwanden meine hände
wenn ich den kelch beiseite trug. u. war es am ende
dasselbe tuch welches man zur bereitung reichte

wenn sich der priester die hände wusch? in unschuld
wasche ich meine hände .. ich kann mich gar nicht
an worte erinnern, es fehlte mir an unterweisung

u. niemals wurde mir korrekt gezeigt wie man vor
dem evangelium sich stirne mund u. brust bekreuzigt.
der ganze muff aus der sakristei kommt aus dem

tiefsten keller herbei, doch meine hände bleiben
verschwunden sie sind noch unter dem weißen tuch
u. niemand zeigte mir seine wunden die stille war

ein bestimmter geruch. es wurde wahrscheinlich
nicht richtig gelüftet doch hab ich die sakristei
nicht gehaßt, u. niemals wurde ich dort angefaßt.

© Norbert Hummelt 2021
Grafikdesign Anja Matzker


Norbert Hummelt studierte Germanistik und Anglistik in Köln und lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Er ist Lyriker, Essayist und Übersetzer und schreibt auch fürs Radio. Für sein lyrisches Gesamtwerk wurde er 2018 mit dem Hölty-Preis ausgezeichnet, zuletzt mit dem Rainer-Malkowski-Preis 2020. Er ist Mitglied des Fachbeirats Literatur der Guardini Stiftung.

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