Guardini akut | KW 24

Über Verwundbarkeiten in der Coronakrise

Im Tod sind wir alle gleich, aber gibt es so etwas wie eine „Gleichheit vor dem Virus“?
Von Jürgen Manemann

'Nackt in der Badewanne' verkündete Madonna in einem Videoclip, dass das Coronavirus "der große Gleichmacher" sei, und stellte dabei erleichtert fest: "Wenn das Schiff untergeht, gehen wir alle zusammen unter." Eine solche Aussage zeugt von Blindheit gegenüber den unterschiedlichen Verwundbarkeiten, denen unterschiedliche Menschen aufgrund unterschiedlicher Gefährdungen in der Coronapandemie ausgesetzt sind.

Das Virus – ein großer Gleichmacher? Für Madonna liegt in der Vorstellung von der gleichmachenden Todeskraft des Virus ein Trost, muss sie doch nicht allein untergehen. Wenn andere mitsterben, sei das eigene Sterben nicht ganz so schwer – so ihre Annahme. Allerdings lässt sich das eigene Sterben, auch nicht ein Stück weit auf andere abwälzen. Im Blick auf das Coronavirus wäre zu formulieren: Wir gehen alle unter, aber nicht gemeinsam. „Corona“ bedeutet Seuchentod – und das ist ein sehr einsamer Tod.

Das Virus kann jeden Menschen treffen – aber es trifft nicht jeden. Analog zur Forderung der Gleichheit vor dem Recht wäre deshalb die Forderung nach Gleichheit vor dem Virus zu stellen. Dabei wäre so von Gleichheit zu sprechen, dass die Forderung zur Gleichbehandlung die spezifische Benachteiligung von bestimmten Menschen in der Coronakrise nicht zudeckt, sondern offenlegt und anerkennt. Gleichheit vor dem Virus – das hieße mit den spezifischen Eigenperspektiven dieser Menschen auf ihre Verwundbarkeit zu beginnen. Die Aufgabe bestünde also darin, unsere Rede von Gleichheit im Blick auf konkrete Menschen mit ihrer spezifischen Verwundbarkeit angesichts sozio-politischer und kultureller Hegemonien zu befragen. Eine solche Rede von Gleichheit besäße das Potenzial, ein gesellschaftskritisches Solidaritätsempfinden hervorzurufen.

Menschen sind nicht gleich verwundbar. Wir wissen das, aber wir wissen das scheinbar nur im medizinischen, nicht im dezidiert politischen Sinn. So sprechen wir von "vulnerablen Personen", den "Risikogruppen". Es gibt Gefährdungen, denen nicht alle Körper gleich ausgesetzt sind. Diese Erkenntnis benötigen wir heute dringender denn je. In der gegenwärtigen Krise könnte eine differenzsensible Wahrnehmung von Verwundbarkeit ein Solidaritätsempfinden mit den Menschen hervorrufen, die aufgrund spezifischer Verwundbarkeiten und Verwundungen stärker gefährdet sind.

Aber die Wahrnehmung von Verwundbarkeit führt nicht zwangsläufig zu Solidarität. Sie birgt auch Risiken in sich. So besteht etwa die Gefahr, dass gerade die Wahrneh­mung der spezifischen Verwundbarkeit anderer eine Erinnerung an die eigene Verletzlichkeit generiert, die kein Solidaritätsempfinden auslöst, sondern Furcht, und zu neuen Herrschaftsformen führt. Potenzielle Verwundbarkeit geht immer auch mit der Gefahr des Missbrauchs einher. Des Weiteren ist zu bedenken, dass die Kennzeichnung "vulnerabel" eine Markierung nach sich ziehen kann, die zu einer Stigmatisierung der vulnerablen Person führt und deren Ausgesetztheit zur Folge hat. Wer Gleichheit vor dem Virus fordert, muss deshalb kritisch fragen: Wer spricht wie, wo, wann und mit welcher Absicht von Verwundbarkeit?

Es gilt, politische, gesellschaftliche und soziale Verhältnisse zu etablieren, die unsere Empfindsamkeit für die spezifische Verwundbarkeit anderer fördern. Diese Empfindsamkeit ist die Voraussetzung dafür, die Menschenwürde des einzelnen zu erfahren und anzuerkennen. Es ist unsere Würde, die sich allen Versuchen, unser Leben zu bepreisen, widersetzt. Mit der Forderung nach Gleichheit vor dem Virus geht der Aufruf einher, die unterschiedlichen Verwundbarkeiten als politisch inszenierte Gefährdungen wahrzunehmen und sich für deren Abschaffung einzusetzen.


Prof. Dr. Jürgen Manemann ist Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover und Mitglied des Präsidiums der Guardini Stiftung. Seine Forschungsschwerpunkte sind neuere Demokratietheorien und Umweltphilosophie. Seine jüngste Veröffentlichung heißt "Demokratie und Emotion. Was ein demokratisches Wir von einem identitären Wir unterscheidet" und ist beim transcript Verlag erhältlich.

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