Guardini akut | KW 50

"Ich bleibe Priester"

Ein Gespräch mit Pater Damian Bieger OFM über seinen Umzug nach Köln und seine neue Tätigkeit als Beauftragter für Geschichte und kulturelles Erbe der Deutschen Franziskanerprovinz
Von Andreas Öhler

 

Pater Damian, Sie haben mit Ihren franziskanischen Mitbrüdern im Sommer 2020 Ihre Wirkungsstätte, die Kirche Sankt Ludwig in Wilmersdorf, verlassen. Fehlt Ihnen Ihre alte Aufgabe?

Das waren großartige Jahre für mich, diese Berliner Zeit. Aber als Franziskaner weiß ich, dass ich mich nicht an Orte binde, sondern dahin gehe, wo ich gebraucht werde.

Wie kam diese Entscheidung zustande?  

Das war ein Prozess. 2016 hat unser Orden eine Evaluation angestoßen, all unsere Gebäude und Projekte auf den Prüfstand zu stellen. Das Schöne war, dass dabei nicht vorrangig Rentabilitätskriterien den Ausschlag geben sollten, sondern auch spirituelle Maßstäbe miteinbezogen wurden. Alle Mitbrüder konnten sich in die Entscheidung einbringen, an welchem Ort sie gerne welche Arbeit verrichten wollten. Es gab mehrere Findungsprozesse, wir wurden extern beraten. Drei Jahre später 2019 wurde eine Liste mit zwölf Häusern erstellt, in die nun personell investiert wird.

In Deutschland leben 240 Franziskanermönche in 30 Klöstern und Konventen. Die meisten von ihnen sind über 80 Jahre alt, nur 15 Mönche sind derzeit unter 50. Ist das ein Rückzugsgefecht?

Mit Blick auf die Geschichte sehe ich es so: Es gab immer Phasen in unserer Ordensgeschichte, Aufs und Abs. Aber es ging immer wieder weiter, wenn auch anders als zuvor. Im nächsten Jahr jährt sich die Ankunft der Franziskaner zum 800. Mal. Es gab ein Jahr zuvor, 1219, einen Versuch in Deutschland Fuß zu fassen, aber das ist erst mal krachend an den mangelnden Sprachkenntnissen der Brüder gescheitert. Doch die Ordensbrüder hatten aus der Schlappe gelernt, kamen wieder, dieses Mal besser vorbereitet.

Sie sind seit dem 1. September 2020 Beauftragter für Geschichte und Kulturelles Erbe der Deutschen Franziskanerprovinz. Wie sieht Ihre neue Tätigkeit aus?

Das Amt gibt es seit 2016. Im Matthäusevangelium gibt es die Stelle, wo Jesus von dem klugen Hausvater spricht, der aus seinem reichen Vorrat Altes und Neues hervorholt. Wir haben in unserer Provinz zu wenig Platz, um alles aufzubewahren. Also muss die Provinz die Entscheidung treffen, was wir auf Dauer behalten wollen. Ich sondiere die Altbestände an Büchern, Schriften, Kunstwerken und liturgischen Gegenständen immer mit dem Impetus, wie wir aus dem Reichtum unserer Geschichte heraus die gegenwärtigen und zukünftigen Fragen besser beantworten können. Und das kann nicht in dem Sinne geschehen, dass man nur auf dem alten Zeug gluckt. Das wäre eine unsachgemäße Wahrung des kulturellen Erbes.

Wie macht man es richtig?

Ich nenne ein Beispiel aus der letzten Zeit: Wir haben jetzt, weil wir einen Raum brauchen, in dem wir unsere Kunstgegenstände unterstellen können, damit angefangen eine ehemalige Studienbibliothek aufzulösen. Da standen auch Inkunabeln. Den Altbestand haben wir per Depositalvertrag an das Erzbistum Köln übergeben. Dort werden die alten Werke der Wissenschaft zugänglich gemacht. Sie werden katalogisiert, inventarisiert und später ins Netz gestellt.

Fangen Sie da bei Null an?

Inventarisiert in Papierform ist der größte Teil unseres Kulturgutes schon. Aber in unterschiedlicher Qualität. Und wir stehen vor einem aktuellen Problem, dass wir nach der Auflösung einiger unserer Häuser sehr viel Kunst, Plastiken und liturgisches Gerät haben und wir nun sehen müssen, wo wir das fachgerecht lagern und was wir davon weggeben.

Dürfen Sie als Orden Bestände veräußern, um von den Einnahmen zu leben?

Wenn es um liturgische Dinge geht, haben wir ganz konkret den Plan, die Sachen in Länder zu geben, die nicht so gut ausgestattet sind, etwa in die Ukraine, nach Brasilien oder Afrika. Dort werden die Geräte weiterverwendet.

Inwieweit hilft Ihnen die fff, die Fachstelle für franziskanische Forschung, bei der Arbeit?

Mit denen stehe ich in engem Kontakt und wir kooperieren, wenn es um den Bereich "geschriebene und zu erzählende Geschichte" geht, der meiner Betreuung obliegt.

Publizieren Sie auch selbst etwas?

Ich schreibe gerade die Biografie eines Mitbruders, der auf der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gelebt hat. Ich bin eigentlich neuzeitlicher Kirchenhistoriker und habe auf diesem Forschungsgebiet publiziert. Sammeln, Digitalisierung ist die Pflicht meiner Arbeit, aber die Kür ist das Schreiben. Das sagt mir sehr zu.

Fehlt Ihnen die Seelsorge?

Ich bleibe Priester, kann also weiterhin Gottesdienst feiern, kann predigen und die Beichte hören, das reicht mir.


Pater Dr. Damian Bieger OFM stammt ursprünglich aus Köln und trat 1990 in den Franziskanerorden ein. Er studierte Theologie in Bonn und Jerusalem und wurde in Frankfurt a. M. promoviert. Von 2013 bis 2020 war er als Pfarrvikar in der Gemeinde St. Ludwig in Berlin-Wilmersdorf tätig und lebt seit Kurzem wieder in Köln als Beauftragter für Geschichte und Kulturelles Erbe der Deutschen Franziskanerprovinz.

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