Guardini akut | KW 5/2021

Diplomatie in Zeiten der Coronapandemie

Die "Jahrhundert-Katastrophe" (A. Merkel) der Coronapandemie wirkt sich auf fast alle Lebensbereiche aus. Das gilt auch für die Diplomatie – für ihre Arbeitsweisen und ihre Inhalte.  
Von Dr. Hans-Dieter Lucas

"Diplomatie ist Arbeit in Menschenfleisch" – ob dieses Bismarck zugeschriebene Diktum so gesagt wurde, ist nicht erwiesen. Es beschreibt jedenfalls treffend einen Wesenszug von Diplomatie als eine Arbeit, für die Kontakt und Kommunikation konstitutiv ist. Zwar hat es Diplomatie mit den Beziehungen zwischen Staaten, internationalen Organisationen sowie mehr und mehr auch NGOs zu tun – am Ende aber geht es immer darum, Menschen zu überzeugen, zu bewegen, mit ihnen zu verhandeln. Seit jeher vollzieht sich diese Arbeit von Angesicht zu Angesicht. Mit Corona hat sich dies wesentlich verändert. Diplomatische Direktkontakte werden auf ein Minimum beschränkt, Botschaften und Außenministerien, die Zentralen der internationalen Organisationen arbeiten überwiegend im Homeoffice. Konferenzen und weite Dienstreisen fallen bis auf wenige Ausnahmen weg. An ihre Stelle sind – wie in vielen anderen Bereichen – unzählige Videokonferenzen getreten. Dabei zeigt sich zum einen, dass vieles per Videokonferenz und im Homeoffice bewältigt werden kann. Nicht jede Dienstreise und jedes In-Persona-Meeting sind unverzichtbar – insbesondere dann, wenn es um Routinevorgänge geht. Zum anderen werden allerdings die Grenzen des virtuellen Instruments deutlich. Komplizierte Verhandlungen lassen sich digital kaum erfolgreich führen. So ist schwer vorstellbar, dass die viertägigen, äußerst komplizierten Verhandlungen der europäischen Staats- und Regierungschefs in Brüssel Anfang Juli 2020 über den historischen Wiederaufbauplan in Höhe von 750 Mrd. Euro auf dem Video-Weg hätten zum Erfolg geführt werden können. Aus eigener Erfahrung als deutscher Verhandlungsführer kann ich sagen, dass die extrem komplexen, mehrjährigen Verhandlungen mit dem Iran über das iranische Nuklearprogramm auf virtuellem Weg mit Sicherheit nicht 2015 in ein Abkommen gemündet wären. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern.

Bei Verhandlungen spielen Dinge wie persönliches Kennenlernen auch jenseits des Verhandlungstisches und Aufbau von Vertrauen eine gar nicht zu unterschätzende Rolle – neben den "eigentlichen" Sachfragen. Dass persönliche Beziehungen sich in Zeiten von Corona schwieriger entwickeln als zu "normalen" Zeiten, spüre ich nun auch als neuer deutscher Botschafter in Frankreich. Noch mehr gilt dies, wenn die Verhandlungspartner unterschiedlichen Kulturkreisen mit verschiedenen Weltbildern und Mentalitäten angehören. Hier zeigen sich die Grenzen des Rationalitätsparadigmas, auf das virtuelle Kommunikation nicht selten setzt. Insofern bin ich davon überzeugt, dass Diplomaten nach der Krise vielleicht insgesamt etwas weniger reisen werden, dass aber komplizierte Fragen auch nach Corona das Gespräch und die Verhandlung von Angesicht zu Angesicht erfordern.

Der zweite Punkt hat mit den Inhalten von Diplomatie zu tun. Diese globale Krise hat einerseits völlig neue Fragen aufgeworfen, andererseits bekannte Fragen in neuem Licht und mit größerer Dringlichkeit erscheinen lassen. Zu den neuen Fragen gehört etwa die Notwendigkeit, die Maßnahmen der EU-Mitgliedsstaaten so weit wie möglich abzustimmen – mit Blick auf Teststrategien, Impfstoffbeschaffung und Impfstrategie bis hin zur Frage, wie wir in der Krise mit den Grenzen in der EU umgehen. Bei allen Unvollkommenheiten bis heute ist eine für die EU lebensgefährliche Renationalisierung des Krisenmanagements verhindert worden. Mit dem EU-Wiederaufbauplan wurde zudem eine wichtige Grundlage gelegt, um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise zu mildern und diese zugleich als Chance zur Modernisierung zu nutzen.

Schließlich erscheinen bekannte Fragen in einem neuen Licht. Etwa: Der unaufhaltsam erscheinende ökonomische, aber auch machtpolitische Aufstieg Chinas wird durch die Coronakrise noch beschleunigt, der Abstand zur anderen Weltmacht wieder ein Stück kürzer. China und auch Russland erweisen sich für die EU als strategische Rivalen, wenn sie in der Pandemie auch durch eine aktive Masken- oder Impfdiplomatie versuchen, ihren Einfluss in unserer Nachbarschaft auszudehnen. Schließlich: Wie selten zuvor hat die Coronakrise unsere im Grunde bekannten Verwundbarkeiten und Abhängigkeiten bloßgelegt, zunächst in einem für unsere Bürgerinnen und Bürger existenziellen Bereich: dem der Gesundheit. Mehr noch: Corona hat in grundsätzlicher Weise die Frage nach der Widerstandskraft, der politischen wie infrastrukturellen Resilienz, der westlichen Demokratien angesichts systemischer Schocks von der Art dieser Pandemie aufgeworfen. Der von der Coronakrise besonders gebeutelte traditionelle "politische Westen" – die EU und die USA – wird sich mit dieser Frage künftig verstärkt auseinanderzusetzen haben. Denn ein Blick auf die volatile und zugleich präzedenzlos vernetzte Welt des 21. Jahrhunderts zeigt, dass wir auch „nach Corona“ nicht davon ausgehen können, vor neuen Pandemien oder Mega-Krisen – klimabedingt oder aufgrund von Anschlägen auf unsere kritische Infrastruktur, etwa im Cyber- oder Energiebereich – sicher zu sein. Insofern ist die Coronakrise ein Weckruf. Deshalb sollten wir auch inmitten dieser Krise, die alle politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräfte in Anspruch nimmt, nicht vergessen, dass es vitale Fragen auch "jenseits von Corona" gibt. Diese treten derzeit zwar notgedrungen in den Hintergrund. Eins ist aber schon jetzt sicher: Sie werden nach der Pandemie mit Macht auf die Tagesordnung von Politik und Diplomatie zurückkehren und nach europäischen und internationalen Antworten verlangen. Auszeiten von der Geschichte sind uns nicht vergönnt.


Dr. Hans-Dieter Lucas hat in Bonn sowie Paris Geschichte, Politische Wissenschaft, Rechtswissenschaft und Katholische Theologie studiert. Er trat 1985 in den Auswärtigen Dienst ein. Stationen seines diplomatischen Werdegangs waren Moskau, Washington und Brüssel. Zuletzt hatte er von 2015 bis 2020 die Leitung der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der NATO inne. Seit September 2020 ist Dr. Lucas Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Frankreich, ausgezeichnet als Ritter der französischen Ehrenlegion. Er ist Mitglied des Präsidiums der Guardini Stiftung.

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