Rückblick | Fachkonferenz "Kirche, Kippa, Kiez und Koran: Wie verortet sich Religion in der Stadt?"

Wie verortet sich Religion in der Stadt? Das war die Leitfrage einer zweieinhalbtägigen Konferenz der Guardini Stiftung, in deren Rahmen Architekten, Theologen, Historiker und Sozialwissenschaftler die Perspektiven des gesellschaftlichen Miteinanders mit religiösen Gruppen ausloteten, auf historische Muster verwiesen und einen zeitgemäßen Umgang mit sakralen Nischen im urbanen Raum debattierten.

Den Auftakt der Veranstaltung in den Räumen des Tagesspiegels bestritt, nach einem Grußwort des Präsidenten der Guardini Stiftung Michael Rutz, der Architekt Wolfgang Lorch (TU Darmstadt) mit einer einführenden Keynote. Lorch ist u. a. als Architekt von Sakralbauten wie der Neuen Synagoge in Dresden bekannt. Entlang der vier symbolträchtigen Begriffe „Kirche“, „Kippa“, „Kiez“ und „Koran“ arbeitete er heraus, dass, anders als bei profanen Bauwerken, religiöse Zentren in einem säkularen Umfeld unweigerlich zum Politikum werden. Anhand konkreter Beispiele – der alten Dresdener Synagoge, der Synagoge am Jakobsplatz in München, improvisierten Hauskirchen in China und dem in Berlin geplanten „House of One“ – wies Lorch nach, dass Gotteshäuser in einem gesellschaftlichen Spannungsfeld maßgeblich zur Bildung kultureller Identitäten beitragen.

Die anschließende Podiumsdiskussion wurde von Tagesspiegelredakteur Bernhard Schulz moderiert. Die Runde vervollständige der Theologe und DDR-Bürgerrechtler Frank Richter, der als ehemaliger Geschäftsführer der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche über die historisch kontaminierte und politisch aufgeladene Architektur referierte. Am Tag der Wiedereröffnung des historischen Gebäudes habe er bedingte Freude empfunden: Einerseits sei der Trümmerberg ein unverzichtbarer Ort der Erinnerung gewesen, andererseits ziehe der rekonstruierte Sakralbau nun auch Menschen in seinen Bann, die sonst zu Religion keine Verbindung hätten.

Der Hauptteil der Tagung wurde am 30.11.2018 in der Guardini Galerie veranstaltet. Projektleiter Ludger Hagedorn eröffnete den Tag mit einer kurzen Einführung in das Projekt und das Thema der Veranstaltung. Danach sprach der Religionssoziologe Gert Pickel (Universität Leipzig) über „Religiosität in Städten – Formierungen zwischen religiösem Pluralismus und Säkularisierung“. Der Säkularisierungstheoretiker widmete sich der Frage nach dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Stellenwert von Religion, insbesondere im urbanen Raum. Säkularisierung, so Pickel, sei kein isolierter Prozess, sondern setze sich aus mehreren Prozessen zusammen, die gleichzeitig ablaufen.

Das erste Panel mit dem Titel „Stadt im Islam: Traditionelle Strukturen und gegenwärtige Entwicklungen“ wurde von insgesamt drei Referenten bestritten: Håkan Forsell (HU Berlin), der bereits den Auftaktworkshop 2017 mit einem Beitrag begleitet hatte, sprach über „Die Medina als räumliche und soziale Verkörperung des islamischen Rechtssystems“. Sein Vortrag vermittelte einen Eindruck kultureller, ästhetischer, symbolischer und religiöser Stadtkonzepte in islamisch geprägten Ländern. Es folgte ein Beitrag von Ulrike Freitag (Leibniz-Zentrum Moderner Orient), der „Religiös geprägte Einrichtungen in islamischen Städten“ thematisierte. Anhand des Beispiels der Süleymaniye Moschee in Istanbul erläuterte sie die religiöse, architektonische, soziale und gesellschaftliche Positionierung von Moscheen im Stadtgefüge. Der Architekt Farzad Akhavan schließlich sprach vergleichend über die iranische Stadt Isfahan und die preußische Hauptstadt im 18. Jahrhundert sowie ihre Weiterentwicklung im 19. Jahrhundert.

Nach der Mittagspause hatten die Studierenden der KHSB Berlin und der BTU Cottbus-Senftenberg Gelegenheit, die Ergebnisse der Workshops und Exkursionen zu präsentieren, die im Rahmen der Hochschulkooperation stattgefunden hatten. Zunächst stellte Maryam Hammer-Barber (KHSB Berlin) gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Doman Nemez ihr Projekt vor: „Die Herz Jesu Kirche im Prenzlauer Berg als urbaner Ort“. Sie thematisierten in ihrer Präsentation sowohl die Architektur und das Bildprogramm als auch die soziale und gesellschaftliche Verortung der Kirche in Berlin. Justus Gärtner, Student am Lehrstuhl Städtebau und Entwerfen (BTU Cottbus-Senftenberg), und Dipl.-Ing. Christoph Dieck, wissenschaftlicher Mitarbeiter ebenda, führten in die sehr umfangreiche und gelungene Posterpräsentation zu „Postsäkularen Netzen in der Stadt am Beispiel Cottbus“ ein. Moderiert wurde die Präsentation von Kulturreferentin Heinke Fabritius (Siebenbürgisches Museum in Gundelsheim am Neckar), die die Hochschulkooperation fachlich betreut.

Der Schwerpunkt des zweiten Panels am Nachmittag lag, unter der Moderation der praktischen Theologin Ruth Conrad (HU Berlin) auf dem Themenkomplex „Zwischen Baukultur und Sozialbauten: Kirche(-n) in der Stadt“. Die Theologen Jakob Johannes Koch (Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz) und Thomas Erne (Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart, Philipps-Universität Marburg) stellten Nachhaltigkeits-, Nutzungs- und Umnutzungskonzepte von Kirchenbauten beider großer christlicher Konfessionen vor. Pfarrerin Katrin Rebiger (Heilig-Geist-Gemeinde Berlin) ergänzte die Ausführungen durch das Fallbeispiel ihrer eigenen Gemeinde. Reiner Nagel (Bundesstiftung Baukultur) gab einen Einblick in den aktuellen Baukulturbericht 2018/19 mit dem Fokus auf religiösen Bauten. Während dieses Panels wurde einerseits deutlich, wie sehr die Kirchen um Zukunftsperspektiven für ihre Bauten ringen; andererseits kamen viele innovative Konzepte für die Nutzung und Instandhaltung sakraler Räume zur Sprache. Alle Referenten betonten eindringlich die nach wie vor bestehende kulturelle Bedeutsamkeit von Kirchenbauten und unterlegten dies auch statistisch.

Am Ende des Tages lud die Guardini Stiftung zu einer musikalisch-literarischen Abendveranstaltung ein, bei der die Sopranistin Irene Kurka und der Dichter Joachim Sartorius den Assoziationsraum rund um das Spannungsfeld Stadt und Religion mit lyrischen und musikalischen Beiträgen über die akademische Betrachtung hinaus erweiterten. Während Joachim Sarotrius unter dem Titel „In Tunis lügen die Palmen“ zwölf Gedichte las, in denen die Großstadt als Kulisse der Meditationen des lyrischen Ichs diente, trug Irene Kurka zwei zeitgenössische Kompositionen vor: Zum einen eine Vertonung des Sartotius-Gedichts „Irakisches Alphabet“ von Walter Zimmermann, zum anderen eine Neuinterpretation der „Lamentationes“ des Jeremia von Martin Wistinghausen.

Zum Abschluss der Konferenz führte der Stadtführer Ralph Jakisch (Cross Road) die Konferenzteilnehmer im Rahmen einer Exkursion nach Berlin-Kreuzberg. Anhand verschiedener Sakralbauten erklärte er die Transformation, die der Multi-Kulti-Bezirk in den letzten 25 Jahren durchlaufen hat. Der Weg führte von der ehemaligen Jerusalemkirche zum Jüdischen Museum, von dort weiter zur Heiligkreuz-Kirche die sich als Treffpunkt für sozial Benachteiligte etabliert hat. Auch die Meylana- und die Omar-Moschee prägen das Kreuzberger Stadtbild und tragen ihren Teil zur Bewältigung der sozialen Herausforderungen in den Kiezen bei. An der Michaelskirche am Engelbecken – ganz in der Nähe des Cemevi der Alevitischen Gemeinde – verabschiedete Ralph Jakisch die Konferenzteilnehmer.


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