Das triadische Konzept

1. Die alleinstehenden Kultursäulen und das Guardini-Dreieck

Wissenschaft, Kunst und Religion sind tragende Säulen jeder Kultur, wichtige Bezugs- und Orientierungssysteme für das Handeln der Menschen, wesentliche Quellen ihres Selbstverständnisses und Lebensgefühls und damit bestimmende Kraftfelder im menschlichen Leben und Zusammenleben. Dies gilt sowohl für die Gesellschaft im Großen, in deren unterschiedlichen Organisationen diese Bereiche wichtige Funktionen wahrnehmen, als auch für den einzelnen Menschen selbst, welcher als denkendes, fühlendes und hoffendes Wesen die Welt und sein Leben in ihr zu erfassen versucht.

Im Kern ihres Wesens eigenständig – und in vielen ihrer Intentionen unabhängig, ja oft unvereinbar – bahnen sich Wissenschaft, Kunst und Religion Wege in ihre unterschiedlichen Lebens- und Verständnisräume, von wo aus sie den Menschen und den Sinn der menschlichen Existenz aus ihrer jeweils eigenen Perspektive und auf ihre besondere Weise zu erklären versuchen.

Obgleich sich somit die von Wissenschaft, Kunst und Glauben bestimmten Weltperspektiven auf sehr unterschiedliche Erkenntnisräume beziehen, die anscheinend nur wenig miteinander zu tun haben, und die darauf begründeten Weltbilder und -interpretationen folglich ebenfalls sehr unterschiedlicher Natur sind, scheint es dennoch ein Grundbedürfnis des Menschen in seiner Sinnsuche zu sein, sich nicht mit den jeweiligen Erkenntnissen und Erklärungen dieser vordergründig isolierten Bezugsbereiche zufrieden zu geben, sondern sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sie in ihrer gegenseitigen Bedingtheit miteinander in Beziehung zu bringen, um so die Welt als Ganzes und den eigenen Ort darin besser zu erfahren und zu verstehen.

Diesem Anliegen Gewicht und Stimme zu geben, war ein wichtiges Motiv für die Gründung der Guardini-Stiftung, an deren 20jährigem Bestehen hier erinnert wird. Seitdem hat die Guardini-Stiftung dem transdisziplinären Dialog zwischen Kunst, Wissenschaft  und Glauben eine stabile organisatorische Form gegeben und damit ein bis dahin so nicht existierendes Forum als Raum für interdisziplinäre und transdisziplinäre Aktivitäten – Nachdenken, Gespräche, Meinungsaustausch, Diskussionen – etabliert, um seitens der Christen diesen wichtigen fach- und disziplinübergreifenden Prozess in geeigneter Weise anzustoßen und voranzutreiben, wie es im Gründungsaufruf heißt:

„Mit dem „Forum Guardini“ soll das Experiment gewagt werden, auf diese Fragen Antworten zu finden. Künstlern, Wissenschaftlern und engagierten Christen soll eine Begegnungsstätte eröffnet werden, die ihnen einen geeigneten Rahmen zu intensiven Kontakten und Gesprächen in ökumenischer Offenheit bietet. Der Reiz des Experiments liegt nicht nur darin, dass die drei Bereiche miteinander ins Gespräch kommen, sondern auch in der Erwartung, dass sie sich in lebendigem Aufeinanderwirken kreativ befruchten. „ (Forum Guardini, Aufruf, 1987)

Insbesonders sollte mit der Gründung der Guardini-Stiftung im Jahr 1988 unter der vereinigenden symbolischen Figur des Dreiecks, das in seinen Eckpunkten die Kultursäulen Kunst – Wissenschaft – Glaube, in seinen Seiten deren gegenseitige Beziehungen und in seiner Fläche deren gemeinsames kulturtragendes Fundament repräsentiert, dem breiten unvoreingenommenen Diskurs der Christen mit der Kultur ihrer Zeit eine tragfähige, stabile  Organisationsform gegeben werden.

2. Das Ungenügen einer rein wissenschaftlich-rationalen Welterklärung

Die jüngere Vergangenheit stand dem obigen Anliegen nicht ungeteilt günstig  gegenüber. Der in den letzten zwei Jahrhunderten durch die Industrialisierung bewirkte durchgreifende Wandel von einer bäuerlichen Agrargesellschaft zu einer vorwiegend vom technisch-wissenschaftlichen Rationalismus geprägten Zivilisation,  deren Herausbildung einerseits mit  vielschichtigen gesellschaftlichen Umwälzungen und schmerzhaften geistigen Entwurzelungen einherging, verengte den Blick vieler Menschen auf eine rational-materialistische Weltsicht. Dies ist intellektuell nachvollziehbar und wird verstärkt durch die  revolutionären Erkenntnisse auf fast allen Gebieten der Naturbeschreibung – von Quantentheorie bis Kosmologie, von Medizin und Neurowissenschaft bis Genforschung, von Klimaforschung bis Chaostheorie, von Ökonomie bis Ökologie, von Landwirtschaft bis Nahrungsmittelproduktion, nicht zuletzt gestützt durch die Erfolge der Mathematik, der Computerentwicklung und der Medienvernetzung, um nur einige in ihren Auswirkungen weitreichende Beispiele zu nennen, in deren Folge sich neue, ihrem Wesen nach säkulare Orientierungspole herausbildeten. Dadurch verfestigte sich in vielen Menschen der Glaube an die Möglichkeit einer umfassenden rational-wissenschaftlichen Erklärung der Welt und der menschlichen Existenz. Dieser Glaube wird nachdrücklich gefördert durch die überragende Bedeutung von Wissenschaft und Technik in fast allen praktischen Lebensbereichen, wie etwa der Arbeitswelt und der Wirtschaft, wo diese Art von Denken heute zu einem gemeinsamen Nenner der globalisierten Welt geworden zu sein scheint.

Solche rein wissenschaftlich-rationalen Interpretationen der Welt sind aber für die meisten Menschen letztlich nicht überzeugend. Die Gründe liegen erstens in der Art der wissenschaftlichen Theorien und Modelle, deren hoher Abstraktions- und Komplexitätsgrad es sogar dem Fachwissenschaftler nicht leicht machen, ihren „wahren Gehalt“ und ihre allgemeine Verbindlichkeit angemessen zu beurteilen, zweitens im Eigenverständnis der Wissenschaftler selbst, die sich in vielen Fällen der hohen Idealisierung und der unvermeidlichen Grenzen ihrer Beschreibungen wohl bewusst sind und somit auch der grundsätzlich eingeschränkten Gültigkeit ihrer Aussagen, und drittens in der Natur vieler naturwissenschaftlicher und technischer Problemstellungen, die ihrem Wesen nach häufig  einen erkennbar interdisziplinären oder sogar transdisziplinären Charakter zu haben scheinen.

Die letztere Problematik tritt am auffälligsten dort zutage, wo wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Machbarkeit unmittelbare – häufig unvorhersehbare – gesellschaftliche Auswirkungen haben, wie z.B. bei der Kernenergie, Medizin, Genforschung, Landwirtschaft, Warenproduktion, Städte- und Landschaftsbau, also in Bereichen, in denen die wissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Lösungen unmittelbar in das Leben oder die Natur eingreifen und damit unvermeidlich auch ethische, moralische, ästhetische oder juristische Fragen aufwerfen, deren Beantwortung für den Einzelnen oder für die gesamte Gesellschaft von existentieller Bedeutung sind. Es liegt auf der Hand, dass überzeugende Antworten hierzu nur auf der Grundlage einer breiten fachübergreifenden Diskussion gefunden werden können. Hier einerseits menschlich erstrebenswerte Ziele zu setzen, aber  andererseits  ebenso auch deutliche Grenzen zur Vermeidung von schädlichen Entwicklungen aufzuzeigen, sind außer den Wissenschaften insbesondere die Kirchen aufgerufen, aber auch die Künste, welche in ihrer Art ein empfindlicher Seismograph für das Lebensgefühl und den Zustand der Gesellschaft sowie für deren Vorrat an Inspiration und visionärer Kraft sind.

Damit dies gelingen kann, bedarf es einer intensiven Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft, Kunst und Glauben, d.h. eines konstruktiven, mutigen Gedanken- und Argumentaustausches der unterschiedlichen Standpunkte und Weltauffassungen, um schließlich für uns alle zu  akzeptablen Lösungen zu kommen. Dies setzt allerdings in allen drei Bereichen nicht nur die grundsätzliche Bereitschaft zu einem gegenseitigen Verständnis, sondern auch ein gegenseitiges Verständlichmachen der unterschiedlichen Positionen voraus.

Trotz des guten Willens, der hierzu allerseits bekundet wird, ist auch heute ein solch grundlegender Austausch zwischen Wissenschaft, Kunst und Religion, der zwangsläufig auch ihr eigenes Selbstverständnis berühren muss, keineswegs selbstverständlich und nicht selten mit frustrierenden Erfahrungen verbunden. Geprägt durch ihre unterschiedlichen Zielsetzungen,  Erkenntniswege, Begriffssysteme, Weltbilder,  Arbeitsweisen und nicht zuletzt auch durch ihre jeweilige spezifische Fachsprache, welche in der Regel alle „Fachfremden“  ausschließt, gleichen die verschiedenen Bereiche heute nach wie vor mehr oder weniger isolierten Inseln, deren Bewohner im wesentlichen auf ihre eigene überschaubare Welt beschränkt sind. Dies belegen zahlreiche interdisziplinäre Veranstaltungen, auf welchen es den Vertretern der verschiedenen Disziplinen zwar in der Regel gelingt, mit eindrucksvoller Klarheit zwar jeweils die Gesichtspunkte des eigenen Fachs darzustellen, sie aber eher nicht so oft in der Lage sind, die in der „fremden“ Sprache eines anderen Fachs vorgebrachten Gesichtspunkte der anderen Seiten aufzunehmen und im Lichte der eigenen Disziplin zu reflektieren. Man hat den Eindruck, als seien die verschiedenen Bereiche in weitgehend getrennte „Fachwelten“ zerfallen, in denen die Menschen unserer Gesellschaft je nach Beruf und Neigung gezwungen sind, sich mehr oder weniger als Spezialisten einzurichten. Die in ihrer Lebenswelt und besonders in ihrem Arbeitsleben zutage tretende erzwungene Fokussierung auf die technisch-wissenschaftliche Welt, die Welt der Kunst oder die Glaubenswelt mit nur noch losen Beziehungen untereinander, macht es den Menschen heute schwer, ihr Leben als Ganzes auf einer sinnstiftenden breiten kulturellen Basis zu verstehen und zu gestalten.

3. Organisation und Formen des transdisziplinären Dialogs

Es ist ein zentrales Anliegen der Guardini Stiftung, dieser faktischen Spaltung unserer Kultur durch Förderung von interdisziplinären Kontakten und Begegnungen entgegenzuwirken. Eine wichtige organisatorische Rolle spielen dabei regelmäßig tagende Fachbeiräte, die aus ihrer Sicht und Kompetenz in vielfältiger Weise im Sinne des Guardini-Dreiecks wirksam sind. In diesem Organisationssystem nimmt der 1999 konstituierte Fachbeirat Transdisziplinäre Wissenschaften, in dem sich Persönlichkeiten engagieren, die ein breites Spektrum aktueller Wissenschaft und Forschung repräsentieren – so zur Zeit aus Philosophie, Astronomie, Naturwissenschaft, Technik, Geisteswissenschaft, Geschichtswissenschaft, Gesellschafts- und Politikwissenschaft, Pädagogik, Rechtswissenschaft, Medizin, Psychologie,  Ökonomie, Ökologie, Medienwissenschaft – die Aufgabe wahr, wissenschaftliche Positionen in einem sehr weiten Verständnis einzubringen, um sie einerseits in diesem interdisziplinären Spannungsfeld mit ihrem spezifischen Gewicht exemplarisch zur Geltung zu bringen, sie aber andererseits auch dem unvoreingenommenen Diskurs mit den unterschiedlichen Disziplinen und den anderen Kulturbereichen auszusetzen.

In diesem Sinne werden unterschiedliche Arten von Veranstaltungen durchgeführt:

a) Triangel-Kolloquien

Die in der Regel mehrmals im Jahr organisierten Triangel-Kolloquien, deren Name die symbolische Grundform und das damit gemeinte Programm des Guardini-Dreiecks zitiert, stellen einen Schwerpunkt der Arbeit dieses Fachbeirats dar, wo Wissenschaftler, Künstler und Theologen für einen, zwei oder drei Tage zusammenkommen, um aus den spezifischen  Sichtweisen der einzelnen Disziplinen  Themen von einer hinreichend transdisziplinären Breite darzustellen und in einem breiten Kreis gemeinsam zu diskutieren. Durch ein solches Unterfangen wird bei den Teilnehmern ein Lernprozess angestoßen, durch welchen nicht nur das oben dargelegte „Sprachproblem“ überwunden, sondern auch mögliche Berührungsängste zwischen den einander fremden Disziplinen abgebaut werden sollen. Als besonders hilfreich haben sich hierzu Triangel-Kolloquien mit einem ausgesprochen fachübergreifenden Thema erwiesen, wo die verschiedenen  Disziplinen ihre unterschiedlichen Standpunkte, Argumente und Erkenntnisse in den gemeinsamen Diskussionsrahmen – üblicherweise einer Wochenendveranstaltung – zwanglos einbringen können.

Durch die Vielfalt und Polarität der unterschiedlichen Beiträge wird auf diese Weise ein positives Spannungsfeld für eine fruchtbare inter- und transdisziplinäre Diskussion erzeugt.

Dazu werden im wesentlichen zwei Wege verfolgt:

b) Vortragsveranstaltungen, Kolloquienreihen, Podiumsdiskussionen

Neben der festen Form der regelmäßigen Triangel-Kolloquien gibt es auch eine Vielfalt von gelegentlichen Veranstaltungen, um einerseits Großprojekte der Guardini-Stiftung, wie z.B. Kunstausstellungen, durch darauf bezogene Vorlesungen, Disputationen oder Vortragsreihen  zu ergänzen und zu vertiefen, oder andererseits auch, um bei wichtigen gesellschaftlichen Ereignissen – wie etwa Kirchentagen – aus der speziellen Sicht der Guardini-Stiftung Akzente zu setzen. Eine herausragende Veranstaltung war in dieser Hinsicht die vom Fachbeirat Transdisziplinäre Wissenschaft als Beitrag zum ersten „Ökumenischen Kirchentag“, 2003 in Berlin organisierte Vortrags- und Diskussionsreihe „Was ist der Mensch“ mit den Schwerpunktfeldern „Bildung“, „Identität“ und  „Religion“.

c) Jour Fixe

Gelegentlich wurde auch von einzelnen Mitgliedern ein sogenannter Jour Fixe veranstaltet, wo unter dem wissenschaftlichen Dach der Guardini-Stiftung jeweils in einer Reihe von Abendveranstaltungen ausgewählte Themen aus Philiosphie, Natur- und Geisteswissenschaften, aber auch Literatur gemeinsam - mit einem deutlichen Bezug zur Gegenwart - erarbeitet wurden.

 

4. Beziehungen zum Guardini-Kolleg

Über das sogenannte Guardini-Kolleg, an deren Programm  der Fachbeirat Transdisziplinäre Wissenschaften vor allem beratend mitwirkt, ist dieser formal auch mit  dem Stiftungslehrstuhl der Guardini-Stiftung an der Humboldt-Universität Berlin verbunden. Diese Verbindung kommt  nicht zuletzt auch dadurch zum Ausdruck, dass nach Satzungsregel der jeweilige Vorsitzende des Fachbeirats Transdisziplinäre Wissenschaften gleichzeitig Mitglied des Guardini-Kollegs ist und durch Verabredung  im Gegenzug der/die betreffende Lehrstuhlinhaber/in Mitglied des Fachbeirats.


5. Schriften und Selbstvergewisserung

Die Aktivitäten des Fachbeirats Transdisziplinäre Wissenschaften sind in zahlreichen Schriften dokumentiert, die einen repräsentativen Einblick in die über die Jahre unter dem Symbol des Guardini-Dreiecks erreichte thematische Breite und Tiefe der behandelnden Problemfelder erlauben und die dadurch insbesondere auch den Grad der bisher erzielten transdisziplinären Konvergenz der unterschiedlichen disziplinären Standpunkte dokumentieren. Ohne daraus ein eindeutiges Resultat ablesen zu wollen, zeigt das weitgespannte Interesse vieler Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft und Profession an dieser Art von Veranstaltungen mehr als deutlich, dass das von ihnen empfundene Unbehagen über diese faktische kulturelle Spaltung in den Veranstaltungen der Guardini-Stiftung thematisiert wird und dass dort auch ernsthaft nach Wegen zur Überwindung dieser Spaltung gesucht wird.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Gräben zwischen den betroffenen Kulturbereichen an manchen Stellen sehr tief sind, und dass in dieser Hinsicht  schnelle Lösungen etwa im Sinne einer Grenzaufhebung oder -verwischung weder erwünscht sind noch kurzfristig möglich scheinen. Hier kann auf die Dauer – wenn überhaupt – nur die optimistische und stetige Bemühung von Menschen helfen, wie sie sich zum Beispiel in der Guardini-Stiftung und deren Umfeld zusammengefunden haben, um durch den ernsthaften „Trialog“ zwischen Wissenschaft, Kunst und Glaube hier positiv zusammenzuwirken, um so eine gemeinsame  Gesprächsplattform zu schaffen, auf welcher sich die sehr unterschiedlichen Menschen bei ihrer jeweiligen persönlichen Suche im ungeteilten Raum unserer Kultur, dessen Fundament sich auf Glaube, Kunst und Wissenschaft gründet, begegnen können.  

Prof. Dr. Erwin Sedlmayr

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