„Ein Licht, das über sich hinausweist“(Hans Maier 1931-2026)

Er war Minister, Wissenschaftler und Organist – und immer streitbarer Christ.

Nachruf auf Hans Maier, einen Mann mit vielen Facetten

Thomas Brose


"Ein Licht, das über sich hinausweist"(Hans Maier 1931-2026) – Guardini Stiftung e.V.

Foto: © Thomas Brose

„‚Het er jetz endlich e Stell?‘, wurde meine alleinerziehende Mutter nach dem frühen Tod des Vaters öfter von meinen bäuerlichen Verwandten gefragt“, erzählte Hans Maier mit Hintersinn über seinen Werdegang. Weil man den Jungakademiker – der erste „Studierte“ seiner Familie – im universitären Raum für gestrandet hielt, machte man sich ernsthaft Gedanken über seine Zukunft. 

Aber dem 1962 habilitierten Politikprofessor glückte vieles in seinem Leben: Er wurde langjähriger bayrischer Staatsminister für Unterricht und Kultus (1970 bis 1986), Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (1976 bis 1988), war stets künstlerisch und publizistisch tätig und folgte Eugen Biser auf dem „Guardini“-Lehrstuhl für Christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie (1988 bis 1999), und er war Vater von sechs Töchtern.

Wer im Leben des Gelehrten, des Politikers und künstlerisch Hochbegabten, der aus einer bäuerlichen Familie stammte, nach einer prägenden Kraft sucht, für den wird offenbar: Die alemannische „Materie“ erhielt ihre klare, feste, unerschütterliche „Form“ durch ihre katholische Imprägnierung. Das machte ihm das Leben nicht immer einfacher. Im Gegenteil! Maier war bei Freund und Feind für seine Klugheit, aber auch für seinen furchtlosen Charakter bekannt; Feigheit vor dem Freund kannte er nicht! Der politische Quereinsteiger, der später ein Landtagsmandat erkämpfte und kurzzeitig sogar als Bundespräsident im Gespräch war, legte sich – wenn es sein musste – mit Politik und Kirche an: als Ministerpräsident Franz Josef Strauß Maiers zu machtvoll gewordenes Ministerium aufteilten wollte, trat dieser protestierend zurück und als Mitgründer von donum vitae (1999) schrieb er einen Brief an Kurienkardinal Joseph Ratzinger, um am beratenden Ansatz festzuhalten, als seine Kirche das System der Schwangerschaftskonfliktberatung verließ. 

Nach dem Ende des Krieges gehörte Maier, der 1931 in Freiburg/Breisgau geboren und nachhaltig von seinem widerständigen Großvater geprägt wurde, zu einer Generation, die von Neugier und Tatendrang erfüllt war. Er versuchte, seine Fähigkeiten in universaler Weise auszuweiten: künstlerisch durch seinen „ersten Beruf“ als Organist, der ihn später zu Rundfunkaufnahmen und Konzertreisen über Osteuropa bis in die Sowjetunion bzw. nach Russland führte, aber auch durch Begegnungen mit Autorinnen, Schriftstellern und bildenden Künstlern wie Joseph Beuys, Heinrich Böll, August Everding, Marieluise Fleißer, Günter Grass, Georg Meistermann, Hermann Lenz, Herbert Rosendorfer, Emil Wachter, Martin Walser und Eva Zeller zusammenführte; publizistisch, wie sein erster, im Fährmann veröffentlichter Text (1950) In Fesseln frei. Pater Alfred Delp zum Gedächtnis belegt, der in nuce eine Welt des Wissens, der Religion und Theologie, Philosophie und Zeitgeschichte aufbewahrt und der schon vorausweist auf über 1.700 weitere Artikel; wissenschaftlichentdeckte der spätere Guardini-Lehrstuhlinhaber schließlich das Thema „Christ und Zeit“ für sich. Dass wir in einer Sieben-Tage-Woche leben und die Zeit vor und nach „Christi Geburt“ datieren, sei, wie der Autor des Bestsellers Revolution und Kirche (1959) festhielt, keineswegs selbstverständlich. Und speziell in Deutschland sei einigen noch in Erinnerung, dass die Nationalsozialisten „die Formulierung ‚nach Christus‘ durch die andere ‚nach der Zeitrechnung‘ ersetzt hatten.“

Im Jahr 2000 sprach Hans Maier bei seinen Guardini-Lectures an der Humboldt-Universität über „Die Kirchen und die Künste“. Dabei sagte er Wegweisendes: „Manchmal, für einen Augenblick, darf auch im Christentum Schönheit sichtbar werden. Sie ist dann aber ein Fragment, ein winziger Farbschimmer, nichts Ganzes, Monumentales, Endgültiges, ein rasch aufblitzendes Licht, das über sich hinausweist.“ Am Montag, dem 8. Juni, ist Hans Maier – nur drei Monate nach dem Tod seiner Frau Adelheid – im Alter von 94 Jahren verstorben. Über 60 Jahre waren die beiden verheiratet. Sein Leben erscheint mir als Beweis, dass das Christentum schön sein kann.

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