
„Die Sicherheit, der ich das Glück meiner frühen Kindheit verdanke, basierte neben der Liebe der Eltern zu uns und zueinander auch auf einem Familien-Katholizismus, der unser Leben in die festen Regeln von Tisch- und Abendgebet, von sonntäglichem Kirchenbesuch und fleischlosen Freitagen zwängte, sonst aber von Person zu Person individuell gefärbt war“. Vom Vater, der die katholischen Rituale überliefert, lernt er, „daß die Kirche (im Gegensatz zu den Preußen, die alles perfekt haben wollten) zwar Gehorsam verlangt, aber die Unvollkommenheit von Sündern einkalkuliert. Er gab mir den Schutzengel mit, der mich auf der Straße und im Dunkeln behütete und der Angst vor der Zukunft zu wachsen verbot.“
In seinem erzählerischen Werk macht Günter de Bruyn (1926 bis 2020) deutlich, wo für ihn Quellen einer Autorschaft im Spannungsfeld von Literatur, Macht und Wahrheit zu finden sind: im Katholischsein in der Berliner Diaspora. Dies bedeutete für das jüngste von vier Geschwistern, Rückhalt im Glauben zu finden und sein Leben davon imprägnieren zu lassen.
Der Religionsphilosoph und Theologe Thomas Brose zeigt in seiner Guardini Lecture, dass die Biografie des bedeutenden Schriftstellers geradezu exemplarisch für seine Generation steht, aber dass er sich zugleich an festen Werten orientiert und sich dadurch zu einem Zeitgenossen im Widerspruch entwickelt, in dessen Büchern sich Spuren christlicher Ethik finden.

Prof. Dr. Thomas Brose
04. Februar 2026
18:00 Uhr
Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin Raum 108 (1. OG)
Burgstraße 26
10178 Berlin