12. Dezember 2018 | 18:00 Uhr

Ökumenische Vesper transformare | Ansprache

Pfr. Hannes Langbein, P. Max Cappabianca OP

Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter:

„Ich will wieder eine Weile zu Ihnen reden, lieber Herr Kappus, obwohl ich fast nichts sagen kann, was hilfreich ist, kaum etwas Nützliches. Sie haben viele und große Traurigkeiten gehabt, die vorübergingen. Und Sie sagen, daß auch dieses Vorübergehen schwer und verstimmend für Sie war.
Aber, bitte, überlegen Sie, ob diese großen Traurigkeiten nicht vielmehr mitten durch Sie durchgegangen sind? Ob nicht vieles in Ihnen sich verwandelt hat, ob Sie nicht irgendwo, an irgendeiner Stelle Ihres Wesens sich verändert haben, während Sie traurig waren?  
Gefährlich und schlecht sind nur jene Traurigkeiten, die man unter die Leute trägt, um sie zu übertönen; wie Krankheiten, die oberflächlich und töricht behandelt werden, treten sie nur zurück und brechen nach einer kleinen Pause umso furchtbarer aus; und sammeln sich an im Innern und sind Leben, sind ungelebtes, verschmähtes, verlorenes Leben, an dem man sterben kann.
Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein wenig über die Vorwerke unseres Ahnens hinaus, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden.
Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes; unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt.“

I

Trauer verwandelt. – Kann das sein? – Im Schmerz ist alles Gegenwart. Alles konzentriert sich auf einen Punkt. Kein Vor und Zurück… In der Trauer ist alles Vergangenheit, weil sie sich an Vergangenem entzündet. – „Ach, wie liegt die Stadt so verlassen, die voll Volks war! (…) Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Backen laufen. Es ist niemand unter allen ihren Liebhabern, der sie tröstet.“

Trauer verwandelt! – Doch nicht von alleine. Es braucht Menschen, die einem gut zureden. Es braucht Dichter, die der Trauer eine neue Farbe geben. Gesagt bekommen, was man sich selbst nicht sagen kann. Das ist das Glück. Dass einer hineinspricht in die Verfinsterung. Stimme gibt. Aussicht gibt. Glockenschlag. Gesang. Glockenschlag. Gesang… Dass wieder Rhythmus geschieht. Dass wieder Leben pulsiert. Mit Wind, mit Zeit und mit Klang. Rhythmus bringt Zeit. Und Zeit bringt Aussicht. „Ist es nicht eine der vertrautesten Techniken, dass ein Kind in der Dunkelheit nicht nur zittert, sondern auch singt?“ (Hans Blumenberg)

Noch einmal Rilke: „Ich glaube, daß fast alle unsere Traurigkeiten Momente der Spannung sind, die wir als Lähmung empfinden, weil wir unsere befremdeten Gefühle nicht mehr leben hören. Weil wir mit dem Fremden, das bei uns eingetreten ist, allein sind, weil uns alles Vertraute und Gewohnte für einen Augenblick fortgenommen ist; weil wir mitten in einem Übergang stehen, wo wir nicht stehen bleiben können. Darum geht die Traurigkeit auch vorüber: das Neue in uns, das Hinzugekommene, ist in unser Herz eingetreten, ist in seine innerste Kammer gegangen und ist auch dort nicht mehr, – ist schon im Blut. Und wir erfahren nicht, was es war. Man könnte uns leicht glauben machen, es sei nichts geschehen, und doch haben wir uns verwandelt, wie ein Haus sich verwandelt, in welches ein Gast eingetreten ist.“

Wann genau ist der Punkt, an dem sich Trauer in Heilung verwandelt? Wann genau ist der Punkt, an dem sich das Neue in uns bemerkbar macht? – Verwandlung geschieht nicht plötzlich wie bei einem Zaubertrick. Sie geschieht schwellenlos. Etwas tritt in uns ein. Wir wissen nicht wann, wir wissen nicht wie. Irgendwann schauen wir zurück und sehen uns selbst anders an. „Advent“ – Ankunft. Wir erwarten eine Verwandlung, weil wir einen Gast erwarten. Gäste verändern das Haus, in das sie treten.

Ein Toter bin ich der wandelt, gemeldet nirgends mehr, unbekannt im Reich des Präfekten, überzählig in den goldenen Städten und im grünenden Land abgetan lange schon und mit nichts bedacht nur mit Wind mit Zeit und mit Klang! Nur mit Wind mit Zeit und mit Klang.

II

Nur mit Wind, mit Zeit, mit Klang…

Entfremdungserfahrungen, die Ingeborg Bachmann collagenhaft ins Wort hebt. Mayako Kubo hat es zu dem Werk „verfinstert“ inspiriert, das unsere Vesper eröffnet hat.

Entfremdungserfahrungen, die sich auch in den biblischen Texten spiegeln, die wir heute gehört haben. „Clamavit cor - Schreie laut zum Herrn, klage, du Tochter Zion! Steh des Nachts auf und schreie zu Beginn jeder Nachtwache, schütte dein Herz aus vor dem Herrn wie Wasser. Hebe deine Hände zu ihm auf um des Lebens deiner jungen Kinder willen, die vor Hunger verschmachten an allen Straßenecken!“ Das haben wir im zweiten Teil der Lamentationes von Martin Wistinghausen gehört!

Die Klagelieder des Jeremia geben Zeugnis von brutalsten Erfahrungen, die die Menschen als existenzbedrohend wahrnahmen. Diese Dichtungen entstanden in der Zeit des babylonischen Exils. Eine fremde Übermacht hatte den Tempel in Jerusalem zerstört. Gewaltsam waren die Stämme nach Babylon verschleppt worden: „Jerusalem hat sich versündigt; darum muss sie sein wie eine unreine Frau. Alle, die sie ehrten, verschmähen sie jetzt, weil sie ihre Blöße sehen; sie aber seufzt und hat sich abgewendet.“

Die Menschen haben das als Missbrauch erlebt; als Missbrauch, der sie ihrer Würde beraubt!

Die Trauer als einzig mögliche Antwort…? Trauer, die verwandelt?

Das Paradox ist: Erst im Exil konstituiert sich das „erwählte Volk Gottes“. Erst im Exil wird es sich seiner Identität bewusst und wird zu dem, was es ist! Es geschieht etwas mit dem Volk, und es ist dann nichts mehr so wie zuvor: „Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. … Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ (Psalm 126)

Anders als die katholische Einheitsübersetzung wählt der revidierte Luthertext eine futurische Übersetzung: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird“ – Es geht um geschichtliche Erfahrungen, die zu einem Versprechen für die Zukunft werden!

Also doch: Trauer die verwandelt!

Wir reden hier von individuellen und gemeinschaftlichen Transformationsprozessen, für die emblematisch das Schicksal der Stadt Jerusalem steht. Jerusalem, die heilige Stadt, wird zur Person. Die Transformation verändert ihre Gestalt, und in all der Zerstörung und Gewalt bleibt ein Kern der Identität. Deutlich wird dies allerdings erst im Nachhinein.  

Jerusalem als die Stadt schlechthin. In ihr brechen sich die Erfahrungen auch unserer Zeit, deren Signatur mir – tatsächlich – der Wandel zu sein scheint.

III

 „Jetzt geh ich allein durch eine große Stadt. Und ich weiß nicht, ob sie mich lieb hat.“, singt Marlene Dietrich. Sie singt auch von ihrem eigenen Schicksal als Wanderin zwischen den Welten. Kann ich in dieser Stadt heimisch werden? Kann ich in einer Stadt, die sich immerfort verwandelt, überhaupt heimisch werden? Ist Heimat ein Ort, eine Geschichte oder ein Lied? – „Wenn ich mir was wünschen dürfte“, singt sie, „käm ich in Verlegenheit, was ich mir denn wünschen sollte, eine schlimme oder gute Zeit. Wenn ich mir was wünschen dürfte, möcht ich etwas glücklich sein. Denn wenn ich gar zu glücklich wäre. Hätt' ich Heimweh nach dem Traurigsein.“

Die Stadt ist immer auch ein Ort der Trauer, weil sie ein Ort der Verwandlung ist. Nichts bleibt wie es ist. Der Abschied ist eingebaut als Phantomschmerz des Städters. Die Stadt ist ein Raum der Trauer, weil sie ein Ort der Verwandlung ist. Und weil Trauer selbst ein Verwandlungsprozess ist, verwandeln sich auch die Städter. Beide brauchen einander. Beide verwandeln einander. Stadt und Städter. Einer trauert um den anderen. Und darin liegt möglicherweise das Glück. Das Glück der Melancholie… Stadtmelancholiker statt Stadtneurotiker…

 „Die Mysterien finden auf dem Hauptbahnhof statt“, schreibt Joseph Beuys. Und meint, dass sich die eigentlichen Verwandlungen im Trubel der Stadt abspielen: Ein Blick. Ein Wink. Eine Berührung im Vorübergehen. Ankunft und Abschied geschehen in einer Sekunde. Wir sind mittendrin im sakramentalen Prozess. Die Stadt als Verwandlungsraum. Die Stadt als Sakrament? – dann wäre die Stadt ein heiliger Raum, eine Wohnstatt Gottes. Die Stadt als Tempel. Und ist doch zugleich der Inbegriff des Profanen. Berlin, die sogenannte „Hauptstadt des Atheismus“… Zugleich ein verwundeter Ort, an dem die Wunden der Geschichte offen zutage liegen.

„Zeige deine Wunde!“ – Joseph Beuys´ Installation mit den zwei Totenbaren, zwei Zinkkästen und zwei Forken, die an die Gleise von Auschwitz erinnern, stand lange Zeit in einer Unterführung in der Münchner Innenstadt. Eine aufgedeckte Wunde der Geschichte. Eine aufgedeckte Wunde in der Stadt. Nur wer seine Wunde zeigt, kann geheilt werden. Eine Stadt muss ihre Wunden zeigen, sonst kann sie kein Trauerraum sein. Sonst kann sie kein Verwandlungsraum sein.

IV

In der Fotoausstellung  unter dem Titel transformare werden diese Prozesse – mit Blick auf die Stadt – augenfällig. Synagogen, die als Turnhallen genutzt werden und die an die Erfahrungen des Jeremia erinnern. Kirchen, die sich mit Mühe zwischen Betonmassen behaupten. Klonhafte Moscheebauten, die ihrerseits eine Gesellschaft transformieren und zementieren zu wollen scheinen. Bilder von städtebaulichen Wunden, die offen klaffen und die daran erinnern, dass auch unsere Städte – wie Jerusalem – vielleicht eine Seele haben…

Wir feiern „Advent“ – Ankunft. Dieser Gast, von dem schon die Rede war und den wir erwarten, tritt auch in unsere Stadt, die ihre Wunden zeigt und zu einem Ort der Trauer und zugleich des Wandels und der Transformation wird.

Wird dieser Gast „unser Geschick wenden“, wie es nach der katholischen Einheitsübersetzung in Psalm 126 heißt? Werden auch wir nach dem Schmerz, nach der Trauer sagen können: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“?


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