14. September 2021 | Evangelische Sophienkirche

Predigt zur Jahrestagung der Guardini Stiftung 2021

Von Erzbischof Dr. Heiner Koch

"Dein Wort ist Licht und Wahrheit; es leuchtet mir auf all meinen Wegen", so haben wir soeben in Anlehnung an Psalm 119 gesungen. Nach christlicher Überzeugung gehören beide, das Wort Gottes und das Licht der menschlichen Vernunft, auf das Engste zusammen. Wissen und Glaube – sie sind aufeinander verwiesen. In den Kirchen der Reformation hat das Zusammenspiel von Bildung und Religion zu einer besonderen Blüte geführt. Mich beeindruckt an der evangelischen Kirche das hohe Bildungsethos, das sie seit vielen Jahrhunderten pflegt.

Am Anfang steht Martin Luther, der Universitätsprofessor. Seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche hat dem Glauben und dem Denken vieler Generationen weit über Konfessionsgrenzen hinweg bis heute Nahrung gegeben.
Von geradezu sprichwörtlicher Bedeutung ist dann das evangelische Pfarrhaus geworden. Es steht kulturgeschichtlich für eine intensive, bis in den privaten Raum hineinreichende Verbindung, ja, Symbiose von Bildung und Religion. Nicht ohne Grund haben es in der Folge der Reformation protestantische Gelehrte in allen Fächer und Disziplinen und nicht zuletzt auch die evangelische Theologie zu hohem Ansehen gebracht.

Wir haben an der Humboldt-Universität in Berlin als hohes Haus protestantischer Gelehrsamkeit die Theologische Fakultät, die sich über die Jahrhunderte mit großen Namen wie Friedrich Daniel, Ernst Schleiermacher, Adolf Harnack oder Dietrich Bonhoeffer schmücken konnte. Sie verfügt auch heute wieder über Gelehrte, deren Namen und Gesichter diese Ahnengalerie ergänzen, fortsetzen und vervollständigen werden.

Als im Jahr 2004 die Guardini Professur für Religionsphilosophie und Katholische Weltanschauung in der (evangelischen) Theologischen Fakultät ihre Heimat fand, da war das von evangelischer wie von katholischer Seite her eine große ökumenische Geste. Romano Guardini selbst konnte in den 20er- und 30er-Jahren nur per ständigem Lehrauftrag nach Berlin "ausgeliehen" werden. Niemand hatte ihn in Berlin so recht aufnehmen wollen. Formal war er Ordinarius an der (katholischen) Theologischen Fakultät der Universität Breslau. Welch ein Fortschritt, der da im Lauf des 20. Jahrhunderts möglich geworden war!

Die Guardini Professur sollte von katholischer Seite her nicht zuletzt ein Signal der Anerkennung für die große protestantische Bildungstradition sein, ein Signal der Bereitschaft, diese Tradition konstruktiv aufzunehmen und dialogisch weiterzugestalten, ja, mitgestalten zu wollen. Dabei soll es auch unter veränderten Bedingungen bleiben!

"Dein Wort ist Licht und Wahrheit; es leuchtet mir auf allen Wegen."  Heute leuchtet evangelisches Licht auch auf katholischen Wegen und katholisches Licht auf evangelischen. Gott sein Dank!

Programm der Jahrestagung 2021 zum Download

Teaser und Titelbild: Copyright by Jannis Sterr




Die Ökumenischen Vespern

werden gefördert vom
Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken

Akzeptieren

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren