Guardini akut | KW 51

Alphabet des Schweigens. Gedichte zwischen Teheran und Berlin

Von Silvia Richter

 

die Bleibe

 

Bevor ich dich kannte, kannte ich nicht die Farbe
Schwarz.
Ich kannte dunkelschwarz, hellschwarz,
blauschwarz… aber Schwarz selbst, die Farbe,
kannte ich nicht. (Ich schreibe sie jetzt mit
großem S, beinah ehrfürchtig.)

Wenn ich heute versuche, die Farbe Schwarz zu
beschreiben, kommt mir als erstes dein Haar
in Erinnerung. Es war von einer Farbe, wie ich
sie nie zuvor gesehen hatte, denn es war nicht
das Schwarz das ich bisher kannte. Es war so
dunkel, dass es schien wie Licht, es blendete die
Augen. Ich konnte es nicht ansehen: es war als
schaute man in die Sonne, wenn man dein Haar
ansah.

Um der Sonne der Nacht in die Augen zu sehen,
vergrub ich manchmal mein Gesicht in deinen
Haaren. Kleine weiße Sterne durchzogen diese
Nacht. Es waren einige weiße Haare, die du
hattest, wie winzige Blitze in der Nacht.

Einmal, als du gegangen warst, nahm ich
eines deiner Haare, das auf dem Tisch
zurückgeblieben war. Ich klebte es auf ein Stück
Papier und manchmal in der Nacht betrachte
ich es: dein schwarzes Haar, als würde man der
Nacht in die Augen sehen.

Ein kleines Stück dieser Nacht besitze ich nun.
Und in all den Nächten in denen du nicht da
warst, war dennoch dieses kleine Stück Nacht
bei mir.

 

Anar

 

Die tausend Augen des Granatapfels
der aufgeschnitten auf dem Tisch vor mir daliegt
jedes sieht eine andere Geschichte dieser Stadt
die Stille des Azurs im Sommer
über dem Albors-Gebirge
oder des ersten Schnees in Teheran
im Winter über Nacht
fallen die Flocken wie heimliche Blicke
auf die Straßen der Stadt
markieren die Spuren flüchtiger Begegnungen
die den Körper des Zufalls streifen

In dieser Millionenmetropole
schlagen tausend Herzen des Granatapfels
jedes zu seiner Zeit
jedes in seinem Rhythmus
und nur das Blut in seinen weißen Adern
das feine Geäst im Inneren der Frucht
verbindet sie und hält
ihre tausend Lebensgeschichten zusammen

 

Zusammen ergeben sie einen Leitfaden
in die Unendlichkeit dieser Stadt

 

Transit

 

Streu ein bisschen Salz
in die Wunde jeden Morgens
damit niemand im Schnee ausrutscht
im Traum zur Arbeit gehend



Aus: "Alphabet des Schweigens. Gedichte zwischen Teheran und Berlin", mit Illustrationen von Sahar Homami, Freigeist Verlag, Berlin 2020, Pb., 52 S., € 7,00.

 


Dr. Silvia Richter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Guardini Professur der Humboldt-Universität zu Berlin, die – in der Nachfolge Guardinis, der eine große Affinität zu Literatur und Lyrik besaß – einen Schwerpunkt an der Schnittstelle zwischen Philosophie und Poesie hat. So verwundert es nicht, dass "Alphabet des Schweigens", der lyrische Debutband Silvia Richters, entstanden ist auf Anregung eines Schülers der Guardini Professur, der als Lektor im Freigeist Verlag tätig ist und die Gedicht publiziert hat.

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