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Guardini Akut | KW 41

Das Ganze und die Ganzheiten

Der "Gegensatz" ist ein zentraler Begriff im Denken Romano Guardinis. Diese philosophisch-theologische Idee treibt auch Papst Franziskus um.
Von Yvonne Dohna Schlobitten

Der Papst fordert in seiner neuen Enzyklika zu Nächstenliebe und wahrer Beziehungsfähigkeit auf. Kulturbedingt ließe sich von einer "Sehschwäche" für die Wirklichkeit des Anderen sprechen. Die Enzyklika zeigt die Schwierigkeit der "Einheit", der "Wahrheit", der "Wirklichkeit" der lebendig-konkreten Begegnung nachzugehen; und gerade nicht abstrakt-begrifflich – und theoretisch, wie seit Kant und Hegel üblich – zu denken.

Erstens: Es gibt in den virtuellen Welten einen Anstieg des Denkens über Beziehung von den Ganzheiten (Nationalitäten) her zulasten der Einzelperson und deren Würde. Zweitens: Es besteht durch das Coronavirus ein Erfahrungsdefizit, weil die "schmutzigen", "infizierten" Teile von sich selbst und anderen in Beziehungen ausgefiltert werden müssen.

In beiden Fällen kollabiert die notwendige Spannung zwischen Gegensätzen, die zwischen Körper und Geist, Nähe und Distanz, gegeben ist, und die in der wahren Einheit gemeinsam erlebt werden muss, damit sie als wahr und ganz auf einer dritten Ebene empfunden werden kann.

Jorge Mario Bergoglio hatte begonnen, über Romano Guardini zu promovieren, und befasste sich in seiner Arbeit auch mit den Gegensätzen und der Einheit, die er in Evangelii Gaudium als soziale Gegensatzpaare formuliert (Nr. 221-237). Diese Paare werden oftmals als polare Gegensätze verstanden und man spricht vom "Ganzwerden" des Menschen, der in die Dialektik dieser Pole eintritt. Sollte der heutige Papst Franziskus jedoch von Guardini inspiriert sein, müssen wir den Begriff des "Ganzhaften" neu betrachten. Guardini schreibt: "Die Weltanschauung sieht jedes Ding von vornherein 'ganzhaft'. Sieht es als Ganzheit in sich selbst und als in eine Ganzheit eingefügt." Ein Gedanke, den wir schon im Diskurs über die Transdisziplinarität von Papst Franziskus in Veritatis Gaudium kennengelernt haben; eine klare Aufforderung gegen ein enzyklopädisches Denken. Er schreibt: "Es geht nicht darum, für einen Synkretismus einzutreten, und auch nicht darum, den einen im anderen zu absorbieren, sondern es geht um eine Lösung auf einer höheren Ebene, welche die wertvollen innewohnenden Möglichkeiten und die Polaritäten im Streit beibehält" (Nr. 228). Sollte diese "höhere Ebene" nur als "superiore" zur abstrakten Theorie erkannt werden, dann würde der eigentliche Pol des theoretischen Denkens, das "Erfahrungsdenken", fehlen. Doch der Heilige Vater schreibt: "Die Botschaft des Friedens ist nicht die eines ausgehandelten Friedens, sondern erwächst aus der Überzeugung, dass die Einheit, die vom Heiligen Geist kommt, alle Unterschiede in Einklang bringen kann. Sie überwindet jeden Konflikt in einer neuen und verheißungsvollen Synthese" (Nr. 230). Er geht davon aus, dass die "Einheit" nicht der Gegenpol zum "Konflikt", sondern das Übergeordnete ist, das im Blick (im Geist) erfasst wird. Der Gegenpol zum "Konflikt" wäre "Kooperation". Das Leben ist aber weder permanenter Konflikt noch permanente Kooperation, sondern eine Spannungseinheit aus beidem. Diese Einheit ist auch keine Synthese aus beidem oder die Summe der Konflikte und Kooperationen, sondern etwas eigenständiges Drittes; der Papst nennt es "Verheißung".

Gesamtganzheiten, denen wir theoretisch, erfahrend und auf dritter Ebene anschauend-kontemplativ gegenübertreten, schreibt Guardini, sind die Welt der Menschen als Einzel- und Gemeinschaftswesen und Gott. In der Gesamtheit, die die Weltanschauung zum Ausdruck bringt, können wir mit Guardini den Sinn des Erkennens zutiefst als eine Begegnung verstehen. Aber nicht nur als ein Gegenübertreten im Außen, sondern auch im eigenen Selbst. Das Selbst trägt nämlich die Welt, den Menschen und Gott ebenfalls in sich. Gleichzeitig-polar treten sie an es von "außen" (als Du, als Gegenüber, als Gemeinschaft etc.) und "oben" (als Hoheit Gottes bzw. Würde der Schöpfung) heran. Der Einzelne ist als Mensch Teil der Welt, also als Fragment der Welt auch das Ganze der Welt.

In diesem Sinne kann man die Sehnsucht des Papstes verstehen, der seit seiner Enzyklika Laudato Sì nicht aufhört, das Wesen von Beziehung und von Begegnung nicht nur aus dem Schöpfungsakt heraus zu erklären, sondern den schöpferisch-kreativen Akt von Begegnung in den Mittelpunkt seines Denkens zu stellen. Damit versteht er, wie schon der Titel der jüngsten Enzyklika zeigt, Erkenntnis als einen Liebesakt, als Begegnung in Freundschaft.


Dr. Yvonne Dohna Schlobitten ist seit 2003 Dozentin für "Kunsterkenntnis, Theorie und Methode des Heiligen und seiner Wahrnehmung in der Kunst" und verantwortlich für die Gebiete "Spiritual Seeing" und "The spirituality of art" an der Päpstlichen Universität der Gregoriana in Rom. Ausgehend von einer internationalen multidisziplinären Ausbildung ist ihr Forschungszugang zum Wesen der künstlerischen Schöpfung ein transdisziplinärer und stellt die Geschichte und die Kritik des Schauens, speziell in den kunsttheoretischen Schriften Romano Guardinis, in den Mittelpunkt.

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