Guardin akut | KW 39 bis 40/2021

... und Aufbruch

Auszug aus einem Briefwechsel zum Kurzfilmwettbewerb "Confessions", den die Guardini Stiftung ausgeschrieben hat. Der Wettbewerb befasst sich mit den Erfahrungen und den Erwartungen, die hierzulande Menschen mit der Pandemie gemacht haben und wahrscheinlich auf noch immer nicht absehbare Zeit weiterhin machen werden.
Von Madeleine Burghardt und Peter Paul Kubitz

Hier finden Sie Teil I des Gesprächs.

Madeleine Burghardt: Bevor ich auf Deine Frage zu sprechen komme, möchte ich noch kurz ein paar Worte zu der Beschönigung der Vergangenheit sagen. Du hast recht, unsere Gesellschaft in der Zeit vor der Pandemie war alles andere als perfekt. Ich bin in die Falle der Beschönigung getappt.
Wir lebten tagein, tagaus unseren Alltag, meckerten über zu viel Stress, zu wenig Pausen, kaum Zeit mit der Familie oder Freund:innen und gingen spazieren an den Feiertagen.
Die Pandemie war eine Pause. Die Zeit, in der wir all das, die Ruhe, nach der wir uns sehnten, fanden und doch nicht zufrieden waren.
Es hätte ein Aufbruch sein können. Wirtschaftlich, gesellschaftlich wie auch politisch. Ein Aufbruch wie Latour ihn erwähnt, aber auch ein Aufbruch wie ihn Kitty O’Meara in ihrem Gedicht ,,And the people stayed home“ beschreibt:
"And the people stayed home. And read books, and listened, and rested, and exercised, and made art, and played games, and learned new ways of being, and were still. And listened more deeply. Some meditated, some prayed, some danced. Some met their shadows. And the people began to think differently. And the people healed. And, in the absence of people living in ignorant, dangerous, mindless, and heartless ways, the earth began to heal. And when the danger passed, and the people joined together again, they grieved their losses, and made new choices, and dreamed new images, and created new ways to live and heal the earth fully, as they had been healed." (O’Meara, Kitty (2020): "And the people stayed home")
Wir hätten aus dem Vorhang der Pandemie mit mehr Achtsamkeit und Rücksicht heraustreten können.
Was machen wir? Wir halten an der Vergangenheit fest, als Anker der aktuellen Zeit. Wir beschönigen die Monate und Jahre vor März 2020, weil uns Neuerungen Angst machen. Wir sehnen uns nach etwas, das wir greifen können und das fassbar ist. Etwas, das wir verstehen. Nach der Vergangenheit.
Dass die Monate und Jahre vor März 2020 alles andere als perfekt waren, dass wir verklären, wird nur selten thematisiert. Wie in so vielen Situationen im Leben, in denen wir nach den dünnen Fäden der Hoffnung und der Schönheit greifen, anstatt den Blick zu drehen und die dicken Stränge der Enttäuschung und Frustration zu betrachten.
Wir haben vergessen über die Zukunft zu träumen. Denken nur über die Vergangenheit als Zukunft nach.
Wir müssen mit unseren Gedanken zurück in die Zeit des ersten Lockdowns. In die Zeit, als Latour und so viele andere Menschen kritische Gedanken über persönliche und gesellschaftliche Lebensweisen äußerten. In diesen ersten Monaten stand die Zeit still und gleichzeitig lag eine Spannung in der Luft. Es roch nach Veränderung und Aufbruch.
Deshalb, lieber Peter Paul, beantworte ich Deine Frage mit Ja. Wir haben vergessen, dass wir unser Leben verändern wollten. Wir sind in alte Sitten und Gewohnheiten zurückgefallen. Es ist verständlich, aber auch eine traurige Feststellung nach all den Ideen, Wünschen und Vorhaben, die wir in unseren Köpfen für die Zeit nach der Pandemie bereithielten und nur warteten, sie auszupacken und in die Tat umzusetzen. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
Mein Apell lautet trotz alledem, egal wie naiv das klingt, sich an die eigene Person in den ersten Monaten der Pandemie zu erinnern. Eine Rückbesinnung auf den ersten Lockdown. Was waren unsere Wünsche, was wollten wir lernen oder umsetzen? Wie stellen wir uns die Welt nach Corona vor?


Madeleine Burghardt studiert im siebten Semester Geographie an der Humboldt-Universität zu Berlin. In zwei Auslandsaufenthalten (Philippinen und Ungarn) konnte sie internationale Erfahrung sammeln. Im Studium konzentriert sie sich auf politische und wirtschaftliche Fragestellungen. Nebenher arbeitet Madeleine Burghardt ehrenamtlich bei der Lebenshilfe Berlin und ist seit Juni 2021 im Projekt ,,Confessions“ der Guardini Stiftung tätig.

Der Autor und Filmemacher Peter Paul Kubitz unterrichtete u.a. Film- und Mediengeschichte an den Universitäten in Marburg und Leipzig, an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und am HyperWerk/Institut Experimentelle Design- und Medienkulturen an der Hochschule für Gestaltung und Kunst (FHNW) in Basel. Von 2005 bis 2015 war er Programmdirektor im Bereich Fernsehen der Stiftung Deutsche Kinemathek und von 2018 bis 2021 Fellow am Museum der Kulturen in Basel. Er ist Vorsitzender des Fachbeirats ‚Film und Neue Medien’ der Guardini Stiftung und lebt und arbeitet in Berlin und Luckenwalde.

 

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