Guardini akut | KW 33

Insta-Corona-Quarantäne-Deep-Talk-Mönch

Pater Nikodemus Schnabel strandete während der Pandemie für eine ungeplant lange Zeit im Benediktinerpriorat Saint-André de Clerlande in Belgien. Von dort aus hat er sich als Instagramer betätigt, um Menschen Impulse und Trost zu spenden.
Von Nikodemus Schnabel OSB

Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, dass die Corona-Pandemie dafür sorgen wird, dass aus einem geplant sehr überschaubaren Aufenthalt im Benediktinerpriorat Saint-André de Clerlande in Wallonisch-Brabant in Belgien ein ungeplant längeres Mitleben in diesem frankophonen Kloster am Rande der Katholischen Universitätsstadt von Louvain-La-Neuve werden würde. Meinem Französisch bekommt es hervorragend, denn genau deswegen bin ich hier: Französisch ist nämlich die Hauptsprache der meisten Ordensleute im Heiligen Land und auch immer noch die offizielle Amtssprache des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem. Ein Wunsch, der schon länger auf meiner Liste stand, hat sich damit übererfüllt, wenn auch durch die allseits bekannten bedauerlichen Umstände. Und genau hier lag die Ursache für eine große Seelenunruhe in mir!

Es hat sich nicht richtig angefühlt, treu meine Vokabeln zu lernen, im Wald lange einsame Spaziergänge zu machen und dabei immer einen Französisch-Podcast im Ohr zu haben, mit den Mönchen hier in der Quarantäne auf Französisch zu beten, mich mit ihnen zu unterhalten und per Videokonferenz mit meiner nur ein paar hundert Meter weiter wohnenden Französischlehrerin meine Stunden zu absolvieren. Diese Traumbedingungen – unter normalen Umständen – wurden mir zur zunehmenden seelischen Belastung im Lichte der Pandemie, und zwar nicht meinet-, sondern der anderen wegen: Ich bin mit zu vielen Menschen verbunden, für die diese letzten Wochen eine Zeit größter Belastung, mitunter sogar eine Zeit existentieller Krisen und des Zerbrechens gewesen sind. Wie konnte ich aus meinem Waldkloster in Brabant da sein können trotz Kontaktverbot?   

Ich fing an, auf meinem Instagram-Kanal den Menschen anzubieten für sie zu beten, wenn sie mir privat eine Nachricht schreiben würden, selbstverständlich in größter Vertraulichkeit: Dies wurde und wird sehr intensiv angenommen. Geht aber auch öffentlich Kirche und Glaube auf Instagram? Ich war und bin überzeugt, dass auf Instagram öffentliche Glaubensformate funktionieren, die tiefe Gespräche beinhalten, also "Deep Talk", wenn sie nur ungeschminkt und ehrlich sind! Also habe ich gewagt, in dieser Zeit neben meiner Gebets-, Französischlern-, Essens- und Schlafroutine auch eine Instagram-Routine in mein Leben einzuführen. Neben einem täglichen geistlich-musikalischen Abendgruß hat diese drei wöchentliche Formate beinhaltet: Jeden Montagabend um 21:00 Uhr das #Nikodemusgespräch zu #GottGlaubeGewissen, jeden Donnerstagabend um 21:00 Uhr den #Psalmolog mit Niko&Till und schließlich jeden Samstagabend um 21:30 Uhr das #BildzumSonntag.

Beim #Nikodemusgespräch habe ich mir jeweils eine Gesprächspartnerin oder einen Gesprächspartner zu einem Insta-Live (also einem Live-Videoformat auf Instagram) eingeladen, bei dem wir knapp eine Stunde lang über #GottGlaubeGewissen gesprochen haben: So habe ich mich etwa mit Peter Tauber darüber unterhalten, ob und wie Christsein und Soldatsein zusammengehen können, mit Sarah van Benthum  von "Religions for Peace" in New York, welchen Einfluss Religionen auf den gegenwärtigen Rassismus-Diskurs haben oder mit Christian Sievers darüber, welchem ethischen Kompass er als Journalist folgt. Ich habe aber auch mit dem Schriftsteller Mario Giordano, mit dem muslimischen Theologen Mouhanad Khorchide oder mit der Augustinerchorfrau Schwester Regina Greefrath – um nur einige wenige weiter Namen zu nennen – gesprochen, und dabei aber niemals nur im Dialog, sondern immer auch im regen Austausch mit den live Zuschauenden und Kommentierenden stehend.

Ähnlich lebendig – wovon auch bei allen Formaten die zahlreichen Kommentare im Nachgang Zeugnis ablegen – verlief jeweils am Donnerstag der #Psalmolog mit dem Jerusalemer Alttestamentler Till Magnus Steiner, in dem wir jede Woche einen Psalm exegetisch, liturgisch und geistlich "durchgekaut" haben – und dabei ganz bewusst nicht vor schwierigen und sperrigen Psalmen, wie etwa Psalm 88, zurückgeschreckt sind. Da beide genannten Live-Formate meistens auch als IGTV gespeichert werden konnten, haben sich nicht wenige diese Gespräche im Nachhinein ein zweites Mal angesehen.

Das dritte Format habe ich in Zusammenarbeit mit der Berliner Photographin Karoline Köster auf den Weg gebracht: das #BildzumSonntag. In diesem Format habe ich einen für mich zentralen Vers aus der kommenden Sonntagsliturgie ausgesucht, den sie dann photographisch umgesetzt hat. Ich wiederum habe zu dieser Bild-Vers-Kombination einen Impuls geschrieben. All dies wurde jeweils ausführlich von den Followern kommentiert und weitergedacht. Eine sehr spannende neue Form des Bibelgesprächs, bei dem auch das Auge teilhat!

Gerade mache ich Sommerurlaub von diesen Formaten, in die Karoline, Till und ich sehr viel Herzblut hineingesteckt haben – aber auch die beträchtliche Zahl der jungen Menschen, die in großer Neugier und überraschender Treue sich auf dieses Experiment eingelassen und es mitgetragen haben: Ich durfte von ihnen unwahrscheinlich viel lernen! Was da in den letzten Wochen passiert ist, macht richtig Mut! Glaube wird in Zukunft meines Erachtens nur noch in Form einer gemeinsamen, ehrlichen Gottsuche im Dialog gelingen. Die Zeichen dafür stehen nicht schlecht!


Pater Dr. Nikodemus Schnabel OSB studierte Theologie in Fulda, Jerusalem, München, Münster und Wien. 2003 trat er in die Benediktiner-Abtei Dormitio auf dem Berg Zion in Jerusalem ein. Als promovierter Liturgiewissenschaftler und Ostkirchenkundler ist er Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft und lehrt diese Fächer am Theologischen Studienjahr Jerusalem. Lange war Pater Nikodemus "Außenminister" und Pressesprecher seines Klosters, bevor er von 2016 bis 2018 die beiden Klöster der Abtei in Jerusalem und am See Gennesaret als Oberer leitete. 2018 bis 2019 arbeitete er für ein Jahr im Auswärtigen Amt in Berlin als Berater für "Religion und Außenpolitik". Im ZDF moderiert er das Format "Ein guter Grund zu feiern ...".

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