Guardini akut | KW 32

Guardinis Gratwanderung in der Leere

Das Annehmen der Leere als Grundlage einer positiven Haltung zum Dasein
Von Stefan Waanders

Die Coronapandemie hat unser Leben erschüttert. Anfangs waren Straßen und Plätze fast leer. Wir erlebten einen Lockdown. Eine Leere glotzte uns an. Auch in Kirchen, sogar in der Osterzeit. In einem Bild: Papst Franziskus am 27. März völlig allein betend auf einem leeren Petersplatz. Ehrlich und mutig hat er uns unsere Verwundbarkeit vor Augen geführt und uns dazu aufgerufen, in der Leere einer neo-liberalen Wüste einen neuen Weg zu bereiten.
Die Welt nach der Pandemie wird sich an der Frage entscheiden, wie wir diese Leere verstehen. Romano Guardini1 hat Bemerkenswertes über eine Haltung der Leere als Ausdruck der inneren Glaubenshaltung seiner Zeit geäußert. Nach der reichen Entfaltung der Symbole und Bilder aus vorigen Jahrhunderten sah er einen Drang zur Vereinfachung, eine Sehnsucht nach dem armen und einfachen Dasein und dessen Redlichkeit.2
Dass diese Leere nicht immer richtig aufgefasst wird, konnte Guardini an Dostojewski und Rilke eindringlich studieren. Als in der Neuzeit die Person sich autonom setzte, mutete sie sich etwas zu, das sie überforderte und woran sie zerbrach. Darauf gab manch einer das Konzept der Person auf. So entstand eine Leere, die dem Totalitarismus den Raum freigab. Denn eine Leere wirkt als Sog, der die Flut hereinzieht. Diese saugende Leere entdeckte Guardini in Rilkes Duineser Elegien.3
Andererseits gibt es die Möglichkeit einer dämonisch verschlossenen Leere bei Stawrogin im Roman Die Dämonen von Dostojewski.4 Zwischen beiden Abarten tastete Guardini sich vor nach einer 'richtig' gelebten Leere.

"Der 'Leere‘'ist aufgegeben, die Endlichkeit des Seins zu erleiden. Was in diesem an Ohnmacht, an Unwert, an Sinnlosigkeit liegt, soll sie fühlen. Ihr ist auferlegt, jede Illusion zu verlieren, das enthüllte Gesicht des Daseins zu sehen und standzuhalten.
Ihr ist auferlegt, keine Labung zu empfangen aus der Fülle des Herzens; die aufsteigende Kraft des Lebens nicht einströmen zu fühlen; nicht getragen zu werden durch das, was von selbst geschieht. Nichts von dem, was von dorther kommt, hilft ihr zur Treue, zum Glauben.
Der andere Mensch ist ihr nicht unmittelbar gegeben; immer neu muß sie ihn aus der Treue heraus aufsuchen. Gott ist ihr nicht unmittelbar gegeben. Nur Sachen und leerer Raum sind um sie herum. So muß sie den bloßen Glauben vollbringen: das verkündete Wort entgegennehmen und sich ihm in stets erneuter Treue verbinden. Sie muß ausharren, gehalten – man kann nicht ausdrücken, wodurch: durch einen unfaßbar feinen Sinnpunkt; durch eine kaum zu rechtfertigende Zuversicht; durch ein Etwas, das in der Leere liegt, dennoch. Von dort her muß sie ausharren und dienen, Jahr um Jahr. Dann wird Wahrheit, Güte, Einfalt; karg, herb, aber sehr rein. Und die Verheißung ist da, daß es sich allmählich in der Leere verdichtet: daß eine Wirklichkeit, eine Sinnhaftigkeit deutlich wird, jenseits alles dessen, was Vitalität oder Psychologie oder wie immer heißt.
Geschieht das aber nicht, dann wird aus der Leere das Nichts. Dann beginnt das Verfallen. Dann kommt die gewalttätige Ohnmacht, das 'Zähneknirschen', die grauenwirkende Sinnlosigkeit. Und ist der Mensch noch stark dazu, dann vollzieht sich die Verschließung. Das psychologische Wissen ist so groß, die Erfahrung in den möglichen Sinngebungen des Daseins so universell, die Raffiniertheit so erfahren, daß kein Argument mehr überzeugt. Nichts verfängt, weil alles schon gewußt ist; weil von allem, was gesagt werden könnte, eine andere Deutung bereitliegt. Gott hat alle Wege offen; aber menschlich gesehen scheint diese Seele dann nicht mehr zu erobern. Dieses Dasein wird unaufbrechbar.
Verschlossen aber ist es über – Nichts. Gar nichts 'ist dahinter'. Kalte, starre Angst, die keinen Ausgang hat."5

Den "bloßen Glauben vollbringen" … eine Formulierung auf der Schneide – auffallend ähnlich zu Henri Fesquets La foi tout nue (nackter Glaube) vierzig Jahre später. Zwischen Rilkes saugender und Stawrogins dämonisch verschlossener Leere versucht Guardini eine wahre Gratwanderung. Auf diesem Weg entscheidet sich, ob diese Situation durch Willen oder Gehenlassen im Nihilismus endet oder ob sie aufgenommen wird und zur Grundlage einer sehr kargen, aber anständigen und positiven Haltung gemacht werden kann. Eine entschlossene Suche nach dem zu Tuenden und zu Verwirklichenden, für das es noch keine Ordnung gibt. Damit erlangt Guardinis Weg epochale Bedeutung.

Sollte die Coronapandemie Zeichen einer tieferen Krise sein – Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika Laudato si’ (2015) einen klärenden Beitrag dazu geleistet –, sind wir zu einer fundamentalen Umkehr aufgefordert. Damit wird Guardinis Glaubenshaltung der Leere akut. Denn nur Menschen, die diese Gratwanderung vollziehen, sind den gewaltigen Aufgaben dieser Krise gewachsen. Darin erwacht jene bittere Kraft, die das tapfere Herz und den schaffensfähigen Geist zum dauernden Werk befähigt.6


1 Stefan Waanders, Romano Guardini (1885-1968). Ein Lehrmeister von Papst Franziskus in: Erbe und Auftrag. Benediktinische Zeitschrift – Monastische Welt, Erzabtei Beuron 96. Jahrgang 2020, S. 79–84.
2 Romano Guardini, Vom Leben des Glaubens, Verlag Mainz 1935, S. 119ff.
3 Romano Guardini, Rainer Maria Rilkes Deutung des Daseins. Eine Interpretation der Duineser Elegien, München 1953, S. 421ff.
4 Romano Guardini, Religiöse Gestalten in Dostojewskijs Werk. Studien über den Glauben, München 1977, S. 290ff.
5 Ebd., S. 350ff.
6 Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit. Ein Versuch zur Orientierung, Basel/Würzburg 1950, S. 97.


 Stefan Waanders studierte Geschichte und Religionsphilosophie in Groningen in den Niederlanden. Während seines Berufslebens errichtete er eine soziale Einrichtung für Obdachlose, war Busfahrer, Manager in der freien Wirtschaft und leitete neun Jahre lang die Stiftung Thomas More. Er publizierte über Guardini, Dostojewski, Saint-Exupéry, Edith Stein, Bergsteigen, die Mönche von Tibhirine, Taizé, Robert Schuman und Europa.

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