Guardini akut | KW 28/2021

Muslimisch-interreligiöse Paare

Wie sind wir partnerschaftlich (inter-)religiös, (inter-)gläubig, (inter-)spirituell?
Von Mona Feise-Nasr

Das Londoner Christian-Muslim Forum veröffentlichte 2012 in Zusammenarbeit mit dem Interfaith Marriage Network in Großbritannien die Broschüre "When Two Faiths Meet. Marriage, Family and Pastoral Care – Ethical Principles". Es handelt sich um einen Ratgeber für Seelsorgende, Imame, und andere religiöse Führungskräfte. Mit dieser Publikation wurde einem Bedürfnis auf Seiten religiöser Autoritäten nach einer anwendungsbezogenen Handreichung für den Umgang mit seelsorgerischen Anliegen interreligiöser Paare entsprochen. Es wurden dabei dezidiert muslimische Standpunkte einbezogen und auch theologisch schwierige Fragen wie Ehen muslimischer Frauen mit nicht-muslimischen Männern betrachtet.

In meiner Dissertation "Religious practices in Muslim-Interfaith Couples and Families" frage ich nach Aushandlungsprozessen zwischen den Partner*innen in Bezug auf religiöse Praxis, Vorstellungen von religiöser Autorität, Normativität und Authentizität und der Bedeutung religiöser Räume und Ästhetik. Zudem wird die Rückbindung von praktischem Handeln an religiöse Normen und deren wechselseitiges Verhältnis betrachtet. Dabei nehme ich eine sozilogische und islamtheologische Perspektive ein und untersuche den Themenkomplex qualitativ-empirisch.

Es ist deutlich, dass Migration, internationale Mobilität und Konversionen zu einer wachsenden Zahl muslimischer Mitbürger*innen in Ländern mit muslimischer Minorität beitragen, beispielsweise in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien. Die Bildung von intimen Partnerschaften bleibt von diesen geopolitischen Entwicklungen nicht unberührt. Während es interreligiöse bzw. interkulturelle Beziehungen in Deutschland zwar schon lange gibt, ist anzunehmen, dass die Wahrscheinlichkeit angesichts der oben genannten Entwicklungen für derartige Paarkonstellationen gewachsen ist. Es existieren einige qualitative Untersuchungen zur Gestaltung des Familienlebens insbesondere im Hinblick auf die (religiöse) Kindererziehung bei muslimisch-christlichen Paaren, in denen der Ehemann meist der muslimische Part ist. Jedoch gibt es bisher kaum analytische Untersuchungen zur religiösen Praxis und deren Aushandlung auf der Paarebene.

Ich interviewe daher Paare, von denen ein*e Partner*in muslimisch ist, und der andere Teil sich anders oder gar nicht religiös verortet. Daneben werden Gespräche mit Expert*innen u. a des interreligiösen Dialogs, der binationalen Familienberatung, der Seelsorge geführt. Nach Möglichkeit werden Räume besucht, in denen Interreligiosität als Handlungsfeld inszeniert wird und Texterzeugnisse religiöser Autoritäten analysiert, die Einstellungen zu religionsverschiedenen Partnerschaften widerspiegeln. In die Untersuchung eingefasst sind Reflexionen des Religions- und des Säkularismusbegriffs unter Beleuchtung der (inter-) theologischen Sprachkraft von Gender, sozialem Milieu und Race als Strukturprinzipien des Raumes und religionspraktisch relevanter Kategorien.

In diesem Setting frage ich: Was bedeutet religiöse Praxis als interreligiöses, interkulturelles, interethnisches Paar? Was kennzeichnet eine Praxis als religiös oder spirituell? Mit welchen Begrifflichkeiten umschreiben Interviewte ihr Sein als inter-Paar? Welches Verständnis von 'Religion' und 'religiös' ist erkennbar und wo sind diese Begriffe für die Befragten zu eng oder zu weit?

Diese Perspektive soll auch Daten aus Befragungen von Muslim*innen zum Thema exogamer Ehen, also Ehen, die mit Partner*innen außerhalb der eigenen Gruppierung oder Gemeinschaft geschlossen werden, ergänzen. Es wird erhoben, ob die Befragten sich generell eine Ehe mit einer nicht-muslimischen Person vorstellen könnten. Die Ergebnisse zeigen üblicherweise eine positive Korrelation zwischen hoher normativer Religiosität und der Ablehnung einer exogamen Beziehung. Derartige Studien transportieren darüber hinaus häufig Einschätzungen zur religiösen und sozialen Offenheit von Muslim*innen gegenüber der sogenannten (deutschen) Mehrheitsgesellschaft.

Meine Motivation ist, die Vielfältigkeit religiöser Konzepte und Praxen muslimisch-interreligiöser Paare und deren Agency bei der Verhandlung religiöser Inhalte und Normen zu zeigen, sowie die Aktualität der Thematik für die Theologien, Religionssoziologie und verwandte Fächer deutlich zu machen.


Mona Feise-Nasr studierte Arabisch-Islamische Kultur und Geschichte an der Universität Münster und Arabistik am Orientalischen Institut der Universität Leipzig. Während ihres Masterstudiums verbrachte sie mehrere Studien- und Forschungsaufenthalte in Ägypten. Seit August 2019 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner Institut für Islamische Theologie (BIT) tätig.

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