Guardini akut | KW 27

Zukunftsmusik

Kunst und Kultur sind kein Luxus, sondern unverzichtbare Seelennahrung.
Von Staatsministerin Monika Grütters

"Zukunftsmusik" nennen wir im Deutschen, was gegenwärtig nicht verwirklicht werden kann, aber zumindest als Möglichkeit verheißungsvoll klingt. Man braucht derzeit wahrlich ein feines Gehör, um im Lärm der Gegenwart solche Zukunftsmusik zu vernehmen. Corona beherrscht immer noch weite Teile unseres Alltags, und das heißt: Ungewissheit, wie sich die Situation mittel- und langfristig entwickelt, nährt Zukunftsängste. Dennoch findet das kulturelle Leben auch in Corona-Zeiten seinen Weg. Bühnen zeigen ihre Vorstellungen im Internet oder an der freien Luft mit reichlich Abstand im Publikum. Musikerinnen und Musiker machen ihre Wohnzimmer zum Aufnahmestudio. Literatur und Poesie über­winden räumliche Distanz.

Für dieses neue Erleben von Kultur sind vielleicht gerade Gläubige in besonderer Weise empfänglich. Der Kult und die Kultur teilen in einer Tiefe, die auch mit ihrem gemeinsamen Ursprung zu tun hat, den besonderen Sinn für das Ritual, für die Schönheit von Ordnung und Form. Der Theologe Fulbert Steffensky hat das vor kurzem mit Blick auf seine Erfah­rungen in der Corona-Krise als Empfehlung so formuliert: "Suche dir Formen, die Grenzen in deinem eigenen Leben setzen und das Zerfließen des Lebens verhindern. Formen gürten den müden Geist." Kunst und Kultur können in dieser Weise Zuflucht bieten. Lange haben wir in Deutschland nicht mehr so unmittelbar begriffen, dass Kultur kein Luxus ist, den man sich nur in Zeiten des Wohlstands leistet. Kunst erweist sich für viele Menschen einmal mehr als unverzichtbare Seelennahrung.

Kunst und Kultur waren deshalb von Anfang an auch in den Corona-Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung berücksichtigt. Aus anderen Ländern blickt man durchaus mit Neid auf den Rettungsschirm aus Soforthilfen, den die Bundesregierung in Deutschland für Selbst­ständige und Kleinstunternehmen auch der Kultur- und Kreativbranche gespannt hat – über Unterstützungsprogramme der einzelnen Bundesländer hinaus, in deren Zuständig­keit die Kultur in Deutschland liegt. Er setzt sich im Wesentlichen aus fünf Bestandteilen zusammen.
Erstens: Den Lebensunterhalt soloselbstständiger Kreativer sichern, der erleichterte Zugang zu einer Grundsicherung mit deutlich verbesserten Leistungen sowie eine Regelung, die es Kultureinrichtungen erlaubt, Ausfallhonorare als Kompensation für entgangene Gagen zu zahlen.
Zweitens: Kulturelle Einrichtungen wie Theater können Angestellte dank der Flexibilisie­rung des Kurzarbeitergelds über Schließzeiten hinweg halten.
Drittens: Für Betriebskosten wurden Soforthilfen bereitgestellt, von denen zum Beispiel Buchhandlungen sowie Kino- und Musikclubbetreiber genauso profitieren wie Künstler mit eigenem Atelier.
Viertens: Für gezielte Hilfsmaßnahmen zur Krisenbewältigung stehen Mittel aus meinem Kulturetat bereit, beispielsweise in einem Hilfsprogramm für freie Orchester und Ensembles.
Fünftens: Die Gutscheinlösung als Ersatz für Tickets bei abgesagten Veranstaltungen trägt dazu bei, mit den Konzert- und Festivalveranstaltern einen weiteren Kulturbereich durch die Coronakrise zu retten.

Hinzu kommt das umfassende Programm NEUSTART KULTUR, für das die Bundesregierung eine Milliarde Euro zur Verfügung stellt. Damit wollen wir die kulturelle Infrastruktur in Deutschland retten und den Neustart des kulturellen Lebens unterstützen. Kinos und Musikclubs, Gedenkstätten und Galerien, Museen und Theater und viele andere Kulturein­richtungen werden Finanzhilfen erhalten, um nach der Corona-Zwangspause so früh wie möglich wieder ihre Tore zu öffnen. Denn die Erhaltung der kulturellen Infrastruktur ist der Schlüssel, um Arbeitsmöglichkeiten und damit Einkommen für Künstlerinnen und Künstler wie auch alle anderen im Kulturbereich Tätigen zu garantieren.

All das darf zuversichtlich stimmen, dass die Coronakrise nicht nur zerstörerische, sondern auch schöpferische Kräfte mobilisiert. Politisch jedenfalls tun wir dafür unser Möglichstes – in der Überzeugung, dass wir der Kunst wie auch der Kultur- und Kreativwirtschaft jene Inspiration und Irritationen verdanken, aus denen Innovationen entstehen, und in der Überzeugung, dass gerade in der Kultur die Zukunftsmusik spielt.


Die Staatsministerin Prof. Monika Grütters ist seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages für die CDU/CSU-Fraktion und seit 2013 Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Die katholische Politikerin stammt ursprünglich aus Münster und hat dort und in Bonn Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft studiert. Sie setzt sich seit Jahren – nicht nur während der Coronakrise – für die Förderung von Künstler*innen und Kulturschaffenden in Deutschland ein.

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