Guardini akut | KW 26

Menschsein in der Krise!?
Ein Impuls aus bibeltheologischer Perspektive

Insbesondere in Krisenzeiten steht Menschsein vor großen Herausforderungen und Bewährungsproben. Wie verhalten sich Abstandsregelungen sowie das Herunterfahren des sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens zu unserem Verständnis vom Menschen? Und wie kann man gerade angesichts und in der Krise gelingendes Menschsein leben?
Von Katharina Pyschny

Diese Fragen möchte ich im Folgenden impulsartig aus einer bibeltheologischen Perspektive andiskutieren. Dabei sind meine Ausführungen von der Überzeugung getragen, dass die Grundlagen eines christlich fundierten Menschenbildes in der Biblischen Anthropologie liegen. Im Dialog mit anderen theologischen Disziplinen und weiteren nicht-theologischen Bezugswissenschaften kann sie Antworten auf Fragen rund um das Menschsein geben. Diese Antworten geben die biblischen Texte nicht aus sich selbst heraus, sondern erst, wenn sie methodisch gestützt und historisch-kritisch reflektiert in den Kontext der Moderne gestellt und mit ihr in ein Gespräch gebracht werden. Hier liegt jenseits der oftmals höchst problematischen Korrelation der Coronakrise mit biblischen Erzählungen, wie beispielsweise den Plagen in Ägypten, die Chance für eine produktive und weiterführende bibeltheologische Perspektive auf die Krise.     

Die gesellschaftlich fortschreitende Fragmentierung des Menschen zeigt sich insbesondere in Krisenzeiten. Die Lockdown-Maßnahmen beispielsweise haben sichtlich dem physischen Wohl des Menschen gegenüber seiner psychischen Gesundheit Priorität eingeräumt. Demgegenüber formulieren die Aussagen des Alten Testaments eine ganzheitliche Auffassung vom Menschsein. Der Mensch ist eine psychosomatische Einheit, in der Vegetatives (auf die Physis Bezogenes), Noetisches (auf das Denken Bezogenes) und Emotionales sich inter­depen­dent zueinander verhalten. Dabei wird Menschsein konnektiv gedacht: Der Mensch lebt in sozialen, politischen, kulturellen, wirtschaftlichen, religiösen Zusammenhängen und all diese Ebenen haben einen Einfluss auf sein ganzheitliches Wohlergehen (hebräisch š?lôm).

Physischer Abstand darf demnach nicht zur sozialen Isolation führen, wie auch die Diskussion um die Begriffspaare Physical Distancing und Social Distancing aufzeigt. Denn Maßnahmen der Isolation und des Social Distancing verhalten sich widerständig zu grundlegenden Determinanten des Menschseins. Biblisch wird der Mensch radikal als ein in Beziehung stehendes Wesen vorgestellt. Die Gottesrede in Gen 2,18 bringt es auf den Punkt: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist". Die Sozialität und Relationalität des Menschen ist in der Bibel schöpfungstheologisch grundlegend festgeschrieben. Als Individuum ist der Mensch stets zurückgebunden an die Gemeinschaft und entfaltet erst im Sozialen sein Menschsein. Sozialität und Relationalität des Menschen sind dabei auch immer mit einer Verantwortung jedes einzelnen Menschen gegenüber der gesamten Schöpfung und der sozialen Gemeinschaft im Besonderen verbunden (vgl. Gen 1,26–28). Jedes menschliche Verhalten muss sich letztendlich daran messen, ob es der Gemeinschaft dienlich ist oder nicht. Insofern gehört in einer biblischen Perspektive die Hinwendung zu den Sozialschwachen konstitutiv zum gelungenen Menschsein dazu.

Gerade vor dem Hintergrund der biblischen Aussagen über den Menschen entpuppt sich das Argumentationsmuster, die Coronakrise sei eine Strafe Gottes, als zynisch und theologisch fragwürdig. Denn die Bibel verharmlost Leiden nicht, im Gegenteil! Leiden gehört zur Grundbefindlichkeit des Menschen. Doch reden die Texte in der Regel nicht vom Leiden als solchem, sondern haben immer das konkrete individuelle und/oder kollektive Leid im Blick. Auch wenn sich in der Bibel viele Bewältigungsstrategien finden (z. B. Klage, Trost, Duldung, Erklärung), ist das Nicht-Sein-Sollen des Leidens ein wichtiger biblischer Grundtenor, der gerade in der aktuellen Coronakrise nicht ungehört bleiben sollte. 

Menschsein in der Krise?! Der Titel dieses Beitrags ist Frage und Aufforderung zugleich. Er stellt zum einen die kritische Rückfrage nach den möglichen Veränderungen, dem das Menschsein im Kontext der Krise unterworfen sein kann. Zum anderen ist er als Aufforderung zu verstehen, gerade in der Krise Mensch zu sein. In einer biblischen Perspektive bedeutet dies konkret, den ganzheitlichen Menschen in seinen vielfältigen Zusammenhängen wahrzunehmen, Formen des Ausbruchs aus der sozialen Isolation zu finden, sich insbesondere der Sozialschwachen anzunehmen und ohne Verharmlosung und Vertröstung den Blick auf das konkrete Leiden jedes Einzelnen zu richten. 


Prof. Dr. Katharina Pyschny ist Juniorprofessorin für Biblische Theologie am neu gegründeten Zentralinstitut für Katholische Theologie der Humboldt-Universität zu Berlin und stellvertretende Präsidentin der European Association of Biblical Studies. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen u. a. die Geschichte Israels, die Pentateuchforschung (insb. die Bücher Numeri und Deuteronomium) sowie die Frage nach der Konzeptionalisierung und Legitimierung von Führung im Alten Testament.

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