Guardini akut | KW 25

Das Wagnis des Vertrauens
Die Coronakrise und die Grundlagen unseres Zusammenlebens

Gerade jetzt, in Zeiten der Krise, ist es notwendig, dass diejenigen, die Entscheidungen treffen, und alle anderen, die Verantwortung füreinander übernehmen, einander vertrauen. Aber wie kann einmal verlorengegangenes Vertrauen wiederhergestellt werden?
Von Holger Zaborowski

In den letzten Wochen und Monaten hat die Politik viele Entscheidungen unter hohem Druck getroffen. Mittlerweile ist darüber eine kontroverse Diskussion entbrannt. Was war richtig? Was war falsch? Was hätte man tun können – oder unterlassen müssen? In vielen Fällen werden wir diese Fragen nie mit letzter Sicherheit beantworten können. Man wird nie mit Gewissheit sagen können, ob man früher hätte reagieren müssen oder ob man die ergriffenen Maßnahmen erst später hätte lockern dürfen. Geschichte ist nicht nur unvorhersehbar, sondern auch unwiederholbar. Man kann nicht, vor allem wenn man Verantwortung trägt und sich schnell entscheiden muss – in Situationen, in denen jede Nicht-Entscheidung auch eine Entscheidung wäre –, einfach zurück auf "Los" gehen. Dies ist eine Last, unter der Entscheidungsträgerinnen und -träger oft viel mehr leiden, als sie in der Öffentlichkeit zuzugeben bereit sind.

Bürgerinnen und Bürger müssen ihrerseits zunächst einmal vertrauen, dass die Entscheidungen seitens der politisch Verantwortlichen mit bestem Wissen und Gewissen getroffen wurden. Das ist nicht immer leicht. Oft gibt es gute Gründe für Zweifel daran, ob wirklich bestmögliche Kenntnis der Sache und moralische Integrität zu einer Entscheidung geführt haben. Verschärft wird diese Herausforderung dadurch, dass im politischen Bereich heute viele Entscheidungen höchst komplexes Fach- und Expertenwissen voraussetzen. Das gilt gerade auch in der Coronakrise. Auch wenn man heute den Eindruck hat, von lauter Hobby-Virologen umgeben zu sein, fällt eine wirkliche Kompetenz nur wenigen Forscherinnen und Forschern zu. Ihnen müssen die politischen Amtsträgerinnen und -träger vertrauen. Und die Bürgerinnen und Bürger müssen ihrerseits wiederum ihnen und den Expertinnen und Experten vertrauen – oft ohne dass sie auch nur ansatzweise beurteilen könnten, ob dieses Vertrauen gerechtfertigt ist. Dieses doppelte Vertrauen ist ein großes Wagnis, das gerade deshalb auch zu großen Zweifeln führen kann. Die Demokratie erfordert es, solche Zweifel und den auf sie zurückgehenden Widerspruch – bis hin zum öffentlichen Protest – zu artikulieren. Doch entbinden diese Zweifel nicht von einem Grundvertrauen, das prinzipiell notwendig ist und ohne das jede Gesellschaft zerbricht.

Vertrauen lässt sich jedoch nicht von oben verordnen. Man kann Vertrauen empfehlen und darum werben. Doch wird dies nur erfolgreich sein, wenn man sich selbst als schon vertrauenswürdig empfohlen hat. Wo man Vertrauen verloren hat, muss man sich mühsam um neues Vertrauen bemühen. Zwang oder bloß gute Worte helfen nicht. Vertrauen darf nicht blind sein. Taten zeigen, ob Vertrauen möglich sein kann. Doch führen selbst die besten Taten nicht automatisch dazu, jemandem zu vertrauen. Vertrauen zu schenken ist nämlich ein Akt der Freiheit – und als solcher ein Risiko, das ein jeder eingeht, der vertraut. Der Vertrauende schuldet demjenigen, dem er vertraut, einen Vertrauensvorschuss, eine Gabe, die durch nichts gerechtfertigt ist. Denn nur, wenn man einem anderen Menschen aus Freiheit heraus sein Vertrauen schenkt, ohne dass er dies schon verdient hätte, kann er sich überhaupt des Vertrauens würdig erweisen. Das ist die Paradoxie des Vertrauens. Wer nicht vertraut, weil er nicht vertrauen will, wird immer Gründe für sein mangelndes Vertrauen finden – und sei es die Tatsache, dass er keine Gründe findet. Denn dann muss doch erst recht etwas faul sein. Das gilt im persönlichen wie auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich.

In der Politik ist dieser Vertrauensvorschuss heute umso wichtiger, als ein eigentlich nötiges Grundvertrauen immer wieder verspielt wird: Der öffentlich erhobene Anspruch auf Wahrheit erweist sich oft als blanke Lüge. Laster und nicht Tugenden bestimmen das Verhalten der Mächtigen. Der Andere wird zu einem radikal Fremden, mit dem einen nicht einmal mehr eine gemeinsame Menschlichkeit verbindet. Unter diesen Bedingungen traut man den Mitmenschen nur die schlechtesten Absichten zu. Zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch gesellschaftliche und politische Verhältnisse werden vergiftet. Es entwickelt sich eine Hermeneutik des Verdachts, die alles und jeden für verdächtig hält. Ein vertrauensvolles Miteinander ist nicht mehr möglich. Dies kann keine Grundlage für ein friedliches und am Gemeinwohl orientiertes Zusammenleben sein. Es ist der Boden, auf dem Populismus und Fanatismus, Radikalismus und Verschwörungsmythen, Politik- und Wissenschaftsfeindlichkeit wachsen können. Es ist das Fundament einer Gesellschaft, die ansonsten keine gemeinsamen Fundamente mehr hat.

Vertrauen, das verloren gegangen ist, muss daher wiedergewonnen werden. Auch dies ist eine der Lehren der gegenwärtigen Krise, die sich an Bürger, Politiker und Experten gleichermaßen richtet. Und mit dem verlorengegangen Vertrauen gilt es, auch die Quellen, die Vertrauen möglich machen, einen geteilten Horizont von Überzeugungen und Haltungen wiederzuentdecken. Verloren gegangene Grundlagen des Zusammenlebens müssen aktiv wieder angeeignet werden, und zwar in einem gemeinsamen Ringen, nicht auf Gehorsam oder Zuruf hin. Das aber bedeutet, dass wir schon jetzt, mitten in der Krise, nach den Prinzipien unseres Zusammenlebens fragen müssen. Dann stellt sich nicht nur die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, sondern auch die noch schwierigere Frage, wer wir – als endliche, hinfällige, zerbrechliche Menschen – eigentlich sind und sein sollen.


Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski ist Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Philosophie der Neuzeit, der Ethik und der Religionsphilosophie. Intensiv beschäftigt er sich auch mit der Frage nach der Zukunft Europas. Er ist u. a. der Autor von: "Menschlich sein. Philosophische Essays" (Freiburg/München 2016).

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