Guardini akut | KW 25/2021

Die Aktualität Theodor Fontanes

Dass ein Mensch mehr ist als seine politische Ansicht, kann man von Fontane lernen. Eine wichtige Lektion in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung.
Von Hans Dieter Zimmermann

Fontanes Werk ist lebendiger denn je. Das liegt an seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg, ein Reiseführer, der auch heute noch vielen Besuchern der Mark von Nutzen ist. Und es liegt an seinen Romanen, deren Thematik weiterhin Leser anzieht. Mögen die Gestalten auch in wilhelminischen Gewändern auftreten, so sind ihre Probleme uns doch immer noch nahe: Liebe und Leid, Freundlichkeit und Missgunst, die Sehnsucht nach Glück und die nicht immer heitere Resignation.

Sieht man sein Werk durch, fallen darüber hinaus drei Gesichtspunkte auf, die uns heute noch vorbildlich sein könnten:
1. Der Mensch ist nicht identisch mit seiner politischen Meinung, er ist mehr als eine politische Meinung.
2. Der Mensch wird nicht durch seine Herkunft determiniert. Jeder hat seine individuelle Eigenart.
3. Niemand hat das Recht, anderen vorzuschreiben, wie sie leben sollen.

Diese Erkenntnisse beruhen auf seiner Lebenserfahrung, auf seinem Umgang mit unterschiedlichen Menschen unterschiedlicher Herkunft. So spricht er von seinem Freund Wilhelm von Merckel, der ihm lebenslang hilfreich zur Seite stand. Von Merckel stammt der schlimme Satz: "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten." Er war konservativ bis in die Knochen, im Unterschied zu Fontane, der 1848 auf der Seite der Revolutionäre stand. Merckel, schreibt er, war zutiefst human, sah nicht auf Bildungsgrad und Besitz, sondern sah den Menschen an. Fontane gefiel ihm, mochte er auch mit dessen politischen Anschauungen nicht einverstanden sein. Der Mensch ist mehr als seine politische Meinung. Das steht im Gegensatz zu denen, die einen Menschen, dessen Meinung ihnen nicht gefällt, gänzlich verwerfen. Das gilt auch für den, der seine politische Meinung so offensiv vertritt, dass dahinter seine Eigenart verloren geht. Auch er sollte unterscheiden lernen zwischen politischer Meinung und menschlicher Haltung.

In seiner Zeit bei der sehr konservativen "Kreuz-Zeitung" war Fontane diese Sicht von Nutzen. Zehn Jahre lang schrieb er die englischen Korrespondenzen, um mit dem Gehalt seine Familie zu ernähren. Hier machte er die Erfahrung, dass die Standespersonen nicht nur Vertreter ihres Standes sind, sondern Individuen, die nach ihrem Charakter zu beurteilen sind. Die Menschen, die er dort traf, entsprachen selten dem Klischee des intoleranten konservativen Adligen. Sie waren meistens jovial und dem Leben zugewandt.

Sein Urteil über den Adel ist durchweg kritisch. Aber er hebt Einzelne hervor. So im vierten Band der Wanderungen: "Wirklich, es lebt in unserem Adel nach wie vor ein naives Überzeugtsein von seiner Herrscherfähigkeit und Herrscherberechtigung fort, ein Überzeugtsein, das zum Schaden ebenso sowohl des Ganzen wie der einzelnen Teile noch auf lange hin das Zustandekommen einer auf Prinzipien und nicht bloß auf Vorurteil und Interessen basierten Torypartei verhindern muss." Er kennt die englischen Verhältnisse und sieht den Mangel in Preußen. Eine Torypartei müsste auch das Bürgertum mit einbeziehen. Doch die Bürger würden durch "den Pseudokonservativismus unsres Adels, der schließlich nichts will als sich selbst, und das, was ihm dient, abgeschreckt".

Die erfreuliche Seite des Adels zeigt sich für ihn wieder im Individuum, das durch seinen Stand nicht völlig bestimmt wird. Viele Adlige seien im Gespräch durchaus offen und kritisch. Lässt er seine "Stachelrüstung" fallen, habe der Adlige durchaus reizende Tugenden: "ein gut Teil Gutmütigkeit, ein noch größeres von gesundem Menschenverstand und ein allergrößtes von Kritik. Und diese Kritik ist das Beste."

Ebenso streng ist sein Urteil über die Bourgeoisie. Beispiel "Frau Jenny Treibel". Auch hier zeichnet er die Einzelnen verständnisvoll: etwa den alten Treibel, der doch auch seine humorvollen Seiten hat. Und die ehrgeizige Jenny wird ganz am Schluss des Romans doch noch freundlich gesehen, wiewohl er diese Geld-Bourgeoisie nicht leiden mag.

Nach den zehn Jahren bei der "Kreuz-Zeitung" war er fast zwanzig Jahre Theaterkritiker der liberalen "Vossischen Zeitung". Er besprach alle Premieren im Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt (heute Konzerthaus). In den Besprechungen ließ er sich auch zu politischen Bemerkungen hinreißen, herausgefordert von den Themen der Stücke. So am 31. Oktober 1871 nach der Aufführung von Eugene Scribes "Feenhände". Es zeigt eine Gräfin, die unter Pseudonym als "Putzmacherin" in einem Modehaus arbeitet, um Geld zu verdienen. Als die Verwandtschaft es bemerkt, wendet sie sich von ihr ab. Schließlich aber rettet die Gräfin das verschuldete Landgut der Familie und heiratet standesgemäß. Fontane ist nicht einverstanden. "Eine liebenswürdige Putzmacherin von altem Adel ist unzweifelhaft mehr wert als eine prätentiöse Bettelgräfin – es kommt nur darauf an, ob diese Dinge in einem Einzelfall an uns herantreten oder ob sie mit einem 'Gehet hin und tut desgleichen', will also sagen, als ein neues Zeitevangelium, prinzipiell und gesinnungstüchtig, von der Bühne her zu uns sprechen."

Fontane schwankte zwischen konservativ und liberal, zählte sich in späteren Jahren zu den "Nationalliberalen": "Aber wohin ich auch geschoben werden mag, ich werde immer zwischen politischen Anschauungen und menschlichen Sympathien zu unterscheiden wissen." Den Romancier Willibald Alexis beschrieb er wie ein Alter Ego: "Dass 'alle Dinge haben zwei Seiten' war in ihm zu Fleisch und Blut geworden; er war doppelsichtig und sah Avers und Revers der Medaille zu gleicher Zeit. Eine wunderbare Mischung von Vertrauen, Spott, Zweifel, aber voll Zweifel nur den Dingen gegenüber. Im Verkehr mit den Menschen ein Kind ohne Argwohn."


Der Autor Prof. Dr. Hans Dieter Zimmermann war Professor am Institut für Literaturwissenschaft der TU Berlin; er veröffentlichte 2019 eine Biographie Fontanes im Verlag C. H. Beck. Der Guardini Stiftung ist er seit Jahren eng verbunden, u. a. als ehemaliger Vorsitzender des Fachbeirats Literatur.

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