Guardini akut | KW 23/2021

Mein Spiegel-Selbst-Test

Von Leo Thomas Krafczyk

In den nervigen Pandemie-Zeiten komme ich auf die unmöglichsten Ideen. Geht Ihnen das auch so? Da lässt mich doch momentan das Wort "Test" nicht los. Diese Vokabel steht seit Monaten in der Corona-Wort-Hitliste fast ganz oben. Man braucht vor allem ein negatives (Test)-Ergebnis. Ansonsten bleibt so manche Tür zu Alltagsfreiheiten fest verschlossen. Vor allem, wenn man noch kein komplett Geimpfter oder Genesener ist.

Stets suche ich nach ganz einfachen, billigen Lösungen. Kurzum: Ich erfand den morgendlichen Spiegel-Selbsttest. Dieser soll mir persönlich ganz schnell den Weg aus der Corona-Katastrophe zeigen und sichern. Er muss mir außerdem signalisieren, ob ich überhaupt fit bin für die "Zeit nach der Pandemie". Solch einen Test kann bislang niemand sonst anbieten! Die Dauer ist kurz: Nur schlappe 15 Minuten – so wie es bei den bekannten Selbsttests üblich ist.  
Die Testfragen habe ich mir selbst erdacht, weil es dazu noch keine Verordnungen weder auf Bundes- noch auf Landesebene gibt. Also los geht’s vor meinem großen Badspiegel – natürlich ohne Maske, weil ich ganz allein mich in den Fokus nehme, ohne behördliche Aufsicht.

Hier die einfachen Einstiegsfragen als Warm-up:
Praktizierst Du auch künftighin die "AHA-Regeln"?
Verzichtest Du dabei wirklich auf körperliche Nähe – auch zu Deinen direkten Nächsten rund um die Uhr?
Verzichtest Du auf heimliche Treffen und Partys?
Hast Du im Uni-Klinikum schon einmal wegen eines ehrenamtlichen Einsatzes nachgefragt?
Hast Du nicht nur das Grundgesetz, sondern ebenso die Infektionsschutzgesetze und die dazugehörigen Verordnungen genau gelesen?
Schreibst Du jetzt mehr virenfreie Mails an Freunde und Familie statt die abendlichen TV-Corona-Debatten zu verfolgen?
Kämpfst Du im Alltag gleichermaßen für Grundrechte wie für Grundpflichten?
Strebst Du tatsächlich ein Leben in neuer Qualität an – in großer Achtsamkeit für den anderen?
Und zum Schluss: Ist Dein Ausweg aus Corona ein VORWÄRTS zu einem neuen Leben?

Mehr Fragen schaffe ich fürs Erste nicht. Meine Antworten stelle ich hier unter das Beichtgeheimnis.
Nach exakt fünfzehn Minuten taucht plötzlich neben meinem Spiegelbild eine Narrenkappe auf. Ein bekanntes Gesicht strahlt mich an: Till Eulenspiegel persönlich? Er nickt lachend und ruft lauthals: "Leo Thomas! Du bist so herrlich einfältig! Genauso wie alle Deine Vorfahren, die ich schon im Mittelalter tanzend begleitet habe. Dein Spiegel-Selbsttest ist echt cool und in Ordnung. Aber das Ergebnis könnte insgesamt positiv ausfallen. Du musst jedoch stets etwas Negatives vorweisen, um wieder am richtigen Leben teilnehmen zu können." Tills Redeschwall will nicht enden. Mit ernster Stimme setzt der Narr noch eins drauf: "Das Copyright besitze ich schon seit Jahrhunderten. Mein Monopol der Spiegelei lasse ich mir nicht streitig machen!"
"Okay", antworte ich kleinlaut. "Doch sage mir bitte, warum verkaufst Du nicht selbst deinen alten und bewährten Spiegeltest?"
Till stutzt nur kurz: "Das ist mir zu anstrengend! Da bräuchte ich mindestens 80 Millionen."
"Wie? Euro oder Impfdosen?"
"Nein, Spiegel. Denn in deinem Egomania-Land will doch jeder selbst seinen eigenen haben und schaut nicht in fremde Spiegel, weil man denen sowieso nicht traut. Und außerdem: Ich würde nur Masken sehen und nicht die wahren Gesichter; nur die Augenpaare, die dazu auch noch lügen können." Till schnauft.
"Und die Leute ohne Maske?", frage ich.
"Die meiden meinen Spiegel; schauen lieber auf die Displays ihrer Handys und Tablets, um neuen Aberglauben rund um Corona zu tanken. Diese Leute denken zudem nicht vorwärts." Till weiter: "In meinen besten Zeiten war ich von Nord nach Süd und Ost nach West beschwingt unterwegs und spielte den Einfältigen so manche Streiche. Das ist vorbei. Heute muss ich aufpassen, dass meine flinken Beine nicht überall von den dichten Paragraphen-Schlingpflanzen umzingelt und gewürgt werden. Meine Narreteien werden mir selbst zu gefährlich. Das ist mir alles viel zu nervig. Da ziehe ich mich lieber zurück in die bunten Märchenbücher. Leo Thomas, mache Du nur weiter mit 'Deinem' Spiegeltest. Nur sprich nicht drüber!"
Und prompt bin ich auf meinem Badspiegel wieder ganz allein. Eulenspiegel hat gekniffen. Schade.
"Wie lange brauchst Du noch im Bad?", fragt eine mir schon jahrzehntelang vertraute Stimme vor der Tür; ziemlich energisch.
"Ich bin fertig mit meinem Test!".
"Wieso Test?! Selbsttests werden sowieso nicht anerkannt.", schmettert es laut zurück. "Wir müssen los – zur zweiten Impfung in die Propsteigemeinde!".
Das hatte ich doch fast vergessen: Der zweite Pieks steht an. Der macht uns dann wieder hof- und gesellschaftsfähig – in vierzehn Tagen. Dann kann ich wohl auf weitere Tests, auch am Spiegel, verzichten. Oder?  Ich freue mich auf das besondere Date mit den agilen jungen Leuten der Caritas, der Malteser und Johanniter sowie des DRK. Sie hatten kurzerhand den fast verwaisten Gemeindesaal in ein Impfzentrum verwandelt – mit dem Segen von Mutter Kirche. Da wirkt sicherlich alles doppelt stark, vermute ich und grüble über den knallroten T-Shirt-Spruch einer flinken Helferin: "DU FEHLST UNS NOCH!".


Leo Thomas Krafczyk ist Diplom-Journalist "i. Unruhe", war u. a. 1990/91 WELT-Korrespondent, danach mehr als zwei Jahrzehnte wissenschaftlicher Mitarbeiter und Büroleiter von CDU- Bundestagsabgeordneten und immer wieder Ghostwriter. Zum Ausgleich auf ernsthafte, grundlegende politische Auslassungen und als "geistige Lockerungsübung" schreibt er für sich hin und wieder Feuilletons und Glossen mit Reflexionen zwischen großer Politik und dem Alltag der Menschen und outet sich dabei als "Zwischenzeilenschreiber" – in der DDR gelernt – und Fan von Till Eulenspiegel.

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