Guardini akut | KW 22/2021

Alles Bio, oder was?

Die Abenteuer eines Hausarztes, der in seiner Praxis gegen Corona impft
Von Michael Roggenbrod

Beim Gemüse oder Brot alles Bio gut und teuer: Da greift man zu.
Beim Impfen, da kommen archaische Gedanken auf. "Wird man dadurch vergiftet?" "Das macht die Pharmaindustrie nur, um Geld zu verdienen." "Ich nehme nur Kügelchen, die schaden nicht..."
Dies ist nur eine kleine Auswahl jener Missverständnisse, wegen der wir als Fachärzte für Allgemeinmedizin mit den Patientinnen und Patienten diskutieren und argumentieren müssen. Wir empfehlen, erklären, wollen überzeugen. Überredet wird von uns keine und keiner.

Nach über 40 Jahren praktischer Erfahrung in der Allgemeinmedizin kann ich nur sagen, dass so ein chamäleonartiges Virus keiner von uns Ärzten je beobachtet und betreut hat.
Dass 7–8 Monate nach Pandemiebeginn eine groß angelegte, breite Studie eines Impfstoffes erfolgen konnte, was ungewöhnlich ist (bei AIDS gibt es noch keinen Impfstoff, bei Borreliose auch nicht), haben viele jetzt zu Impfbeginn fast vergessen. Alte Muster brechen sogar wieder auf. "Ich brauch sofort eine Impfung, in zwei Wochen die zweite, denn ich habe Urlaub gebucht..." Über so viel Selbstbezogenheit kann man nur den Kopf schütteln. Doch es gibt sehr viele, auch geduldig wartende Patienten, die sich freuen und dankbar sind, wenn sie geimpft sind. Das Vorpreschen der Politiker, möglichst bald ein Impfangebot (das heißt ja aber noch keine Impfung) zu machen, ist äußerst kontraproduktiv. Ruhe und Besonnenheit wären auch hier am Platz. Nicht die Politiker, nicht die Virologen, nicht die Warner beschränken unsere Freiheit – nein, wer unsere Freiheit beschränkt, ist allein das Virus.
Aber warum zieht sich jetzt doch alles in die Länge?
Die Deutschen wollten es gleichzeitig mit allen Europäern organisieren. Dies war zunächst eine gute Idee. Aber viele Köpfe, viele Sinne. Dann noch die Meinung von 16 Bundesländern, zuletzt Sonderwünsche der Landkreise.
Das Hochrechnen der wirklich benötigten Bestellmenge bei noch zu geringer Produktionskapazität ist schwierig. Welcher Impfstoff ist der erste? Welcher wird priorisiert?
Dazu kommen gewaltige Prüf- und Genehmigungsvorschriften der Europäischen Arzneimittelbehörde und der deutschen Behörden (was bei Impfstoffen zurecht besonders penibel sein sollte und auch sein muss!!). Dann Nachrichten aus den Medien, nach dem Motto "Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten". Sehr seltene Nebenwirkungen wurden von Anfang an fast nie in Relation zur Zahl der gut vertragenen Impfungen gestellt. Dies hat bei uns Allgemeinärzten dazu geführt, dass manche Impfstoffe wie "Sauerbier" hätten angeboten werden müssen – was wir nicht taten und auch nicht tun werden. Unsere Aufgabe ist es, Für und Wider der Impfstoffe zu erläutern. Wir finden es gut, wenn es eine freiwillige Entscheidung bleibt. Doch viele Patienten kommen mit vorgefassten Meinungen, diese erscheinen fast wie "eingeimpft", sodass eine neutrale Aufklärung nur schwer möglich und zeitlich sehr aufwendig ist.
Wer einmal als Arzt eine schwere Tetanuserkrankung mit wochenlangen Intensivbeatmungen und wenn nicht am Ende Tod, sondern Defektheilung, betreut hat, der weiß, was ein guter Impfschutz, gerade bei einer Tetanuserkrankung, die sogar nach Bagatellverletzungen auftreten kann, bedeutet.
Manchmal hat man bei Impfnihilisten den Eindruck sektiererhaften Denkens und Auftretens! Dann hört man Sätze wie "ich bin kerngesund, mache Sport, ernähre mich ausgewogen, ich brauche keine Impfung". Wir als Ärzte wünschen keinem Menschen eine schwere Infektion. Aber nicht nur durch das Studium und die laufenden, lebenslangen Fortbildungen, sondern durch viele praktische Beispiele im Laufe des Berufslebens haben wir leider schon schreckliche Verläufe von Erkrankungen erlebt.
Ich denke da an eine Jugendliche im Alter von ca. 16 Jahren, die innerhalb eines halben Tages lebensgefährlich an einem sogenannten Waterhouse–Friedrichson-Syndrom (Meningokokkensepsis) erkrankte und dies dank schneller Intervention und monatelangem Klinikaufenthalt überlebt hat.
Bei Autos hat man Sicherheitsgurte, Knautschzonen, Airbags, ABS etc. Das wünschen sich alle – warum sind die Menschen bei Impfungen so ängstlich?
Furcht vor einer schweren, durch Impfung aber vermeidbaren bzw. linderbaren Krankheit führt leider nicht zu einer verbesserten Impfwilligkeit.

Doch gehen wir einen Schritt zurück:
Warum ist die Bestellung des/der Impfstoffs/-stoffe so schwierig? Die mRNA-Impfstoffe mussten bis vor kurzem bei -70 bis -80 Grad Celsius gelagert werden, langsam zeitgerecht für die Impftermine geliefert, aufgetaut, mit NaCl-Lösung verdünnt, nicht geschüttelt, blasenfrei tief intramuskulär appliziert werden. Schon bei der kontigentierten Bestellung hat man den terminlich passenden Impftermin im Auge. Aus einer Viole (gewissermaßen ein Sammelfläschchen) können bei Comirnaty (Biontech-Pfizer) sechs Portionen laut Hersteller entnommen werden. Dazu werden Spezialspritzen verwendet und Nadeln müssen aufgesetzt werden (nicht wie bei anderen Impfstoffen, für die es Fertigspritzen gibt, die bei normaler Kühlschranktemperatur mehrere Wochen lang gelagert werden können). Aus einer Charge sollen dann sechs Personen zeitnah geimpft werden. Man bildet also schon bei der zeitlichen Impfterminvergabe eine Kohorte. Eine schriftliche und mündliche Aufklärung muss erfolgen, zweimal unterschrieben werden, ein Anamnesebogen, ein Aufklärungsbogen und eine Einverständniserklärung müssen erledigt sein. Dann kann geimpft werden. Danach sind alle Patienten angehalten, mindestens 15, besser bei Allergieneigung sogar 30 Minuten am Impfort zu verbleiben. Dann wird der ausgestellte gelbe internationale Impfauswies mit Impfstoffname, Chargen-Nummer, Impfdatum, Stempel und Unterschrift versehen und dem Impfling ausgehändigt, nachdem man sich vergewissert hat, dass er keine akuten Nebenwirkungen hat. Verabschiedet wird der Impfling mit der Maßgabe, sich zu melden, wenn er ungewöhnliche Beschwerden bemerkt, auch nach 1-2 Wochen noch. Auch wenn der eigentliche "Pieks" nur den Bruchteil einer Sekunde dauert, die Bestellung, die Terminvergabe, das Aufziehen der Impfung, die Aufklärung, das Einverständnis, die Nachbeobachtung, Eintrag in das Impfbuch und die weitere Abrechnung brauchen Zeit. Damit sind noch nicht einmal telefonische Beschimpfungen bei der Impfterminnachfrage oder -vergabe mitgezählt.

Die geneigte Leserschaft wird wohl nun von dieser Aufzählung erschöpft sein, aber so sieht der Alltag von uns Hausärzten und unseren medizinischen Fachangestellten (Hochachtung vor ihnen und Dank!) aus.
Wer im Familien- oder Freundeskreis schwer Erkrankte oder sogar Tote zu beklagen hat, der weiß aus bitterer Erfahrung, was das Corona-Virus anrichtet.

Es gibt nichts Biologischeres als unsere jetzt glücklicherweise verfügbaren Impfstoffe. Sie helfen dem Körper, eigene Abwehrstoffe zu bilden – unsere Bio-Logie hilft uns dabei.

Grafikdesign Anja Matzker


Dr. Michael Roggenbrod ist Facharzt für Allgemeinmedizin und arbeitet seit 40 Jahren als Hausarzt in einer Gemeinschaftspraxis in Crailsheim.

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