Guardini akut | KW 20 

Journalismus in der Krise?

Ein Interview mit dem Journalisten Lutz Lichtenberger über Pressefreiheit in Zeiten der Coronakrise und die Tauglichkeit der deutschen Leitmedien.
Von Patricia Löwe

Die Coronakrise wirkt sich weltweit negativ auf die Pressefreiheit aus. Ist das auch in Deutschland der Fall?

Ich glaube, entgegen all der Krakeeler von ganz Links und ganz Rechts, die in Stuttgart und am Alexanderplatz demonstrieren und gerne das Gegenteil behaupten, ist das in Deutschland nicht der Fall. Die klassischen deutschen Medien, allen voran die großen Vier, DIE ZEIT, der Spiegel, die FAZ und die Süddeutsche, laufen gerade in solchen Zeiten zu besonders großer Form auf. Sie können abweichende Meinungen publizieren, bieten aber zugleich ein großes Reservoir an Expertisen auf – im Haus und von Autoren-Experten von außerhalb.

Du hast also nicht den Eindruck, dass die Presse – wie ihr von vielen Seiten vorgeworfen wird – 'der Regierung nach dem Mund redet'?

Also erstens gibt es DIE Presse nicht. Die deutsche Presselandschaft ist schlichtweg zu vielfältig. Schon aus Positionierungsgründen: Sobald die vermeintliche Journalistenherde in die eine Richtung marschiert, hält es grundsätzlich irgendjemand für besonders clever, dagegen zu schreiben – ganz gleich, ob es dafür ein starkes Argument gibt oder nicht. Die Gegenposition zu irgendetwas, auch zu der der Regierung, zu vertreten, ist einfach zu attraktiv und die Möglichkeiten dazu sind bei der Vielfalt der deutschen Presselandschaft nach wie vor gegeben.

Zweitens gibt es hundert verschiedene Abstufungen. Man kann in drei Punkten der Bundesregierung zustimmen und in zweien nicht. Und man kann es vergangene Woche getan haben und es diese Woche weniger tun. Auch die Positionen der Bundesregierung wandeln sich, gerade in Coronazeiten. Es gibt ständig neue Erkenntnisse der Virologen und neue Notwendigkeiten. All diese Ideen von Einheitsmeinungen sind meines Erachtens ziemlich schwach.

Nun finden ja 'wir' unsere Positionen mehr oder weniger vollständig und vernünftig in der deutschen Presselandschaft repräsentiert. Ein rechter Verschwörungstheoretiker würde sich allerdings, vermutlich zu recht, darüber beschweren, dass seine Ansichten dort weniger vertreten sind. Das ist natürlich keine Einschränkung der Pressefreiheit, denn die müsste ja von Regierungsseite veranlasst werden. Aber trotzdem sind bestimmte Positionen wesentlich häufiger repräsentiert als andere.

Ich glaube, das hält einer empirischen Kontrolle nicht stand. Da gibt es eine Menge prominenter Journalisten – Gabor Steinart, Jan Fleischhauer, Jakob Augstein, Michael Maier –, die durchaus mitunter auch haarsträubende Positionen vertreten. Ich denke da zum Beispiel an den Leitartikel von Michael Maier in der Berliner Zeitung eine Woche vor der Einführung der Maskenpflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Diese fragwürdigen Positionen werden vor allem, man muss es einmal so sagen, verhandelt von alten, weißen Männern, die die Welt erklären wollen und mitunter beleidigt sind, wenn ihre Welterklärungen nicht so richtig funktionieren. Deren Texte können zu genüge gelesen werden. Und auch in Talkshows werden alle möglichen Meinungen vertreten.

Das stimmt! Da gibt es zum Beispiel meinen neuen Lieblingstalkshowtypus – die genervte Coronamutter.

Das ist ja auch nicht falsch, die Lebenswirklichkeiten sind schließlich sehr vielfältig und sich dies zu vergegenwärtigen fast immer sinnvoll.

Zugleich es gibt ja auch unter den Ministerpräsidenten und unter den Virologen eine beträchtliche Spannbreite. Auch über die Verschwörungstheoretiker wird intensiv berichtet.

Welche gesellschaftliche Aufgabe sollte die Presse in Zeiten wie diesen erfüllen? Und wird sie dem gerecht?

Die Aufgabe der Presse ist immer die gleiche, in Krisenzeiten wie in Nicht-Krisenzeiten: Darstellung der Wirklichkeit, Analyse, Einordnung zur – auch wenn es ein Modewort ist – demokratischen Teilhabe. Und selbstverständlich auch die Überwachung und Kontrolle der Transparenz von Regierungshandeln.

Diese Aufgabe erfüllt sie in jeder Hinsicht. Die großen Zeitungen, aber im Großen und Ganzen auch die öffentlich-rechtlichen Sender, ARD, ZDF, der Deutschlandfunk, sind, das sagte ich schon, viel besser als ihr Ruf. Wobei ich auch gar nicht so sicher bin, ob tatsächlich ein so großer Teil der Bevölkerung eine feindliche Einstellung gegenüber 'der Presse' hat.

In ländlichen Regionen Ostdeutschlands begegnet man häufig solchen feindlichen Einstellungen…

Die Einwände gegenüber der Presse haben nichts damit zu tun, dass die These vom 'Gesinnungsjournalismus' etwa wahr wäre – eines der widerlichsten Wörter, die der Zeitgeist zuletzt hervorgebracht hat. Es kommt hinzu, dass die einschlägigen Medien, Internetportale, von denen die Anhänger kruder Ansichten ihre 'Informationen' beziehen, nichts als Meinungen darbieten, kommentieren, abwerten, abstreiten, und erst gar nicht versuchen, neutral zu berichten. Im Kern ist das Problem meines Erachtens dann auch, dass jene Menschen mit der Beschreibung der Wirklichkeit, der Empirie nicht einverstanden sind. Sie möchten nicht, dass die Wirklichkeit so ist, wie sie ist und beschließen dann, den Überbringer der Nachricht der Wirklichkeitsverzerrung zu beschuldigen.

Nun gibt es eine Art Zwischenmedium zwischen Presse und 'Normalbevölkerung', nämlich das Internet. Verdüstert dessen Existenz die Lage eher oder verbessert es sie, weil es eine größere Diversität erzeugt?

Unvorsichtig gesprochen ist die Internetmedienlandschaft eine Katastrophe. Selbstverständlich dürfen alle alles behaupten, das heißt im Rahmen der in dieser Hinsicht sinnvollen Gesetze. Man sollte und könnte diese Art der Mediennutzung auch nicht verbieten. Die Frage lautet eher: Warum, in drei Teufels Namen, fangen die Menschen an, solchen 'Influencern' Glauben zu schenken? Der Grund ist, das habe ich ja schon gesagt, dass man genau die Nachricht hören will, die man hören will. Dementsprechend sucht man sich das Medium, das übermittelt, was einem gut passt. Damit meine ich nicht die Auswahl zwischen den sogenannten Leitmedien; ob man eher der FAZ oder der Süddeutschen Zeitung zugeneigt ist, das ist Geschmackssache. Stattdessen werden Alternativwirklichkeiten gesucht.

Das ist eine Entwicklung, die mit dem Erstarken der AfD einhergeht; es gibt eine gewisse Lust an der Enthemmung. Man hat Vergnügen an radikalen Lösungen, Deutungen und Infragestellungen von allem, was bisher als vernünftig und geordnet galt.

Also ist das Internet das Medium dieser Enthemmung?

Das ist es zwangsläufig. Aber natürlich gibt es auch nicht DAS Internet. Heute werden ja auch die Leitmedien übers Internet vertrieben.

Das Problem ist demnach die mangelnde Professionalisierung in den Sozialen Netzwerken. An großen Presseorganen hängt jeweils ein ganzer professionalisierter Apparat. Das ist bei einem YouTuber ja nicht der Fall.

Ja, wobei ich das Problem auf Rezipientenseite sehe. Das Recht, sich zu äußern, kann man dem YouTuber ja nicht nehmen. Es wäre eher wünschenswert, den realen Einfluss dieser 'Influencer' durch mangelnde Klickzahlen zu minimieren.

Es gibt die berühmte Geschichte des ersten Fake-News-Produzenten im amerikanischen Wahlkampf 2016, der mit Donald Trump nichts am Hut hatte. Er hat aus Vergnügen absurde Nachrichten rausgehauen, anfangs in beide Richtungen, gegen Trump und gegen Hillary Clinton. Monetär erfolgreicher waren aber die Nachrichten gegen Clinton, weshalb er letztendlich ausschließlich Fake News in diese Richtung produziert hat. Später hat er das teilweise bereut. Aber es war ein datengetriebenes Geschäftsmodell. Das Problem war, dass die Menschen diesen Irrsinn, den er da verbreitet hat, angeklickt und geteilt und ihm zu diesem Erfolg verholfen haben.

Was wird sich verändern? Wird es nach Ende der Krise noch Zeitungen geben, wie wir sie kennen?

Das kann man natürlich nicht absehen. Die Klickzahlen für anständige Zeitungen sind ja bisher gestiegen – so ähnlich wie die Abonnentenzahlen der New York Times und zahlreicher anderer Zeitungen in den USA nach Trump deutlich gestiegen sind. Man könnte optimistisch sagen, dass große Krisen auch einen großen Erklärungsbedarf nach sich ziehen und damit gut für die Presse sind. Die pessimistische Vorhersage ist aber, dass beispielsweise durch die Verluste von Werbeeinnahmen die Zeitungen in große Schwierigkeiten geraten und dass dadurch die Medienvielfalt eher abnimmt. Aber eigentlich muss man am Optimismus festhalten. Die Aufgabe, ja die intellektuelle Kraft von solchen lange gewachsenen, vertrauenswürdigen und verlässlichen Institutionen ist einfach zu wichtig und ihr Wert wird sich auch in Zukunft beweisen.


Lutz Lichtenberger unterrichtet an der Universität der Künste Berlin Kulturjournalismus und promoviert über Journalistinnen und Journalisten im Dritten Reich. Als Chef vom Dienst arbeitet er für die Times Media Group und schreibt nebenher für zahlreiche Zeitungen. Während der Coronakrise hält er sich nicht nur vorbildlich an die geltenden Regelungen, sondern hat sich auch – vorübergehend – einen Internetanschluss besorgt.

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