Guardini akut | Geduld ist die Mutter der Hoffnung

Guardin akut | KW 20/2021

Geduld ist die Mutter der Hoffnung

Hoffnung braucht Geduld, um zu Erlösung heranzuwachsen. Wie wir bis zum Ende der Krise durchhalten, können wir von den Jüngern Jesu lernen.
Von Erzbischof Heiner Koch

Seit mehr als einem Jahr wird das Leben in unserer Welt im Großen wie im Kleinen nun schon von der Corona-Pandemie geprägt: Ein Jahr lang Angst vor der Ansteckung, Ratlosigkeit über den Umgang mit diesen Viren, Menschen, die schwer erkranken und Tausende, die an dieser Erkrankung sterben, politische Auseinandersetzungen und Verwirrung, gesellschaftliche Verwerfungen und wissenschaftliches Forschen, kreative Hilfe und professionelle Sorge um die Kranken, vereinsamte Menschen, Home Office sowie Kinder und Jugendliche, denen das spontane Spielen und Zusammensein allmählich fremd wird. Aber mitten in dieser belastenden Situation schien Hoffnung auf: dass es doch ein Ende dieser Pandemie geben werde. Die Schnelltests und die Impfstoffe versprechen einen Weg, die Not zu bewältigen. Bei aller Zuversicht aber merken wir doch, dass die Weltkrise, in der wir stecken, auch ein schon verloren gegangen geglaubtes Bewusstsein für die existentiellen Unsicherheiten hervorgebracht hat, aus denen wir nicht ohne weiteres ausbrechen können, weder als Einzelne noch als Gesellschaft, ja als Weltgesellschaft. In dieser Konkretheit zu erleben, dass unser menschliches Leben und Zusammenleben nur bis zu einem bestimmten Grad planbar sind, sich darüber hinaus aber unserem Zugriff entziehen und unverfügbar bleiben, dass sie Beschränkungen unterworfen sind, die wir nicht in der Hand haben, ist eine Erfahrung, die anhalten wird. Die Krise ist, das wird immer deutlicher, eine Zäsur. Zwar scheint die Erlösung von dieser so furchtbaren Epidemie näher zu rücken. Und doch ist sie noch nicht da. Eins ist klar: Es wird noch viel Geduld, Durchhalten und Ertragen brauchen.

Den Jüngern Christi ging es erstaunlicherweise damals nicht anders. Sie waren verzweifelt, enttäuscht. Alles hatten sie von Jesus erhofft, auf ihn gebaut, für seine Botschaft Heim und Beruf verlassen. Doch als er gekreuzigt wurde, brachen ihr Glauben und ihr Hoffen zusammen. War er doch nicht der, der sie von allem Bösen und der Enge ihres Lebens befreien konnte?

Und dann geschah Ostern. Das Grab war leer und Menschen begegneten ihm, dem von den Toten Auferstandenen. Sie erinnerten sich wieder seiner Worte, dass er auferstehen werde am dritten Tag. Menschen hatten ihn als den Lebenden erfahren und sie bezeugten ihn gegen alle Zweifelnden und über sie Lachenden. War das nicht Grund genug, „Halleluja“ zu rufen, aufzubrechen aus aller Trübsal und aller Lebensverzweiflung und war das nicht Grund genug für den Neubeginn aus einer Lebenskraft heraus und einer Macht der Liebe, die sich als stärker erwiesen hat als der Tod?

Doch wer die Osterevangelien liest, findet Erstaunliches. Die Jünger sehen, was ihnen berichtet wurde, und hören, was ihnen verkündet wird. Aber statt zu jubeln und getröstet aufzubrechen, wachsen in ihnen Zweifel und Unsicherheiten. Sie gehen wieder nach Hause oder sammeln sich, nur eine kleine Hoffnung in ihrem Herzen, dass es wahr sein möge. Es braucht noch fünfzig Tage bis zu dem Tag, an dem der Heilige Geist mit seiner ganzen Kraft sie erfüllen und sie auf den Weg bringen wird. Es braucht noch fünfzig Tage, bis der Funke des Glaubens und der Hoffnung von Gott überspringt in ihre Herzen. Es braucht noch eine Zeit der Geduld, des Aushaltens, des Wachsens, des Ringens, eine Zeit, in der sie lernen, was die Botschaft des auferstandenen Christus für sie eigentlich bedeutet. Es braucht noch Geduld.

Alles Große im menschlichen Leben braucht Geduld. Wie soll sonst etwas wachsen? Ich erinnere mich an einen Forscher, der mir sagte, dass die meisten wissenschaftlichen Fortschritte in der Physik nicht erbracht worden seien, weil dort besonders intelligente Frauen und Männer forschten, sondern Menschen mit Geduld, mit der Bereitschaft, einen Versuch vielleicht hundert Mal mit kleinen Variationen zu wiederholen, und die nicht resignieren. Es braucht Menschen, die in ihrer Liebe durchhalten, etwa der Liebe zu ihren Kindern, auch wenn diese vielleicht andere Wege als erhofft gehen. Liebe muss sich in Belastung bewähren. Auch der Glaube wächst wohl am stärksten in Zeiten der Unsicherheit und des Zweifels, der Krise und der Herausforderung. Hier reift er von einer leichten „Es-wird-schon-alles-gut-Haltung“ zu einem tragfähigen, belastbaren Glauben, der uns dann auch in schweren Stunden trägt und Hoffnung gibt über allen leichten Optimismus hinaus. Der Osterglaube muss wachsen, der Glaube an den Auferstandenen muss manchmal auch durchgehalten werden gegen alle Zweifel und Unsicherheiten. Es braucht die Geduld von Menschen, die Gott vertrauen, auch wenn vieles in ihrem Leben nach ihrer Vernunft gegen Gott spricht. Es braucht die Liebe zu Gott, auch wenn diese Liebe in manchen Phasen keine Strahlkraft besitzt. Es braucht die Geduld des Glaubens der Jünger.

Nur aus der Geduld und dem Aushalten, der wechselseitigen Ermutigung zum Vertrauen, nur aus dem Glauben des Osterfestes kann die Begeisterung des Pfingstfestes erwachsen: die unbefangene Freude über das Geschenk des Lebens, eines Lebens, das in seiner Buntheit und Vielfalt, in seiner Schönheit, Größe und Heiligkeit ein Bild des dreifaltigen Gottes ist, aus dem es hervorgeht. „Komm, Heil‘ger Geist, der Leben schafft, erfülle uns mit deiner Kraft!“


 

Dr. Heiner Koch ist Erzbischof von Berlin und Metropolit der Kirchenprovinz Berlin. 1954 in Düsseldorf geboren, wurde er 1980 zum Priester des Erzbistums Köln geweiht. 1983 erwarb er an der Universität Bonn den Doktor der Theologie. 2006 erfolgte die Ernennung zum Weihbischof in Köln, 2013 die zum Bischof von Dresden-Meißen, 2015 der Wechsel ins Hauptstadtbistum.

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