Guardini akut | KW 2/2021

Die Erschütterung

Von Christiane Neudecker

Das Schreiben verschiebt sich. Ich komme ins Stocken, wenn man mich fragt, wie ich umgehe mit diesem Jahr, mit seinen Auswirkungen und Herausforderungen. Wie dieses 2020 in meine Arbeit hinübergreift. Ob meine Texte nun dystopischer würden. Oder fröhlicher, als Gegenentwurf zur sich zuziehenden Wirklichkeit. Was machst du denn jetzt damit, werde ich gefragt. Was tust du?

Ich kann es nicht sagen. Es ist noch zu früh, viel zu früh. Wir sind doch noch mittendrin. Der Boden, auf dem wir so sicher zu stehen glaubten, zittert nicht nur, er verschiebt sich tektonisch. Wir müssen innehalten, gerade wir Schriftsteller. Wir müssen die Moränen erkennen, die Krater, die nun aufklaffen, müssen die neuen Wege und die Risse, die entstehen, kartographieren. Wir müssen – uns und andere – erinnern an plötzlich Verschüttetes.

Das ist das, was ohnehin zu tun ist, immer: aufnehmen. Aufnehmen. Wach bleiben für die Veränderung. Lauschen, erleben, notieren. Das kann so schnell nicht gehen, nicht wenn die Umwälzungen solche Giganten sind. Zumindest nicht bei mir.

Das Schreiben selbst ist schwieriger geworden. Ich ertappe mich dabei, dass ich Kollegen beneide, die sich in einem Schreibtunnel befinden. Die in den letzten Zügen liegen für ein Werk, das sie ohnehin schon begonnen hatten und das sie nun weiterführen können, unbeirrt, bis zur Ziellinie oder darüber hinaus. Bei mir ist das anders. Nach vier Jahren Romanarbeit hätten Lesungen angestanden. Das Buch und ich wären gereist, über die Landesgrenzen hinaus. Zu unseren Lesern und Zuhörern, nach Madrid, Luxembourg, West-Sibirien sogar. Wir hätten uns ausgetauscht, hätten erzählt. Stattdessen verharre ich inmitten der Erschütterung.

Du hasts gut, du kannst doch schreiben, sagen andere, sage manchmal ich mir selbst. Du kannst immer arbeiten, du bist ja unabhängig. Aber ist das so?

Nein. Die Wirklichkeit, die uns umgibt, muss uns formen. Unsere Adern laufen in sie hinein. Sie speist uns nicht nur: sie drechselt. Sie verändert die Menschen. Sie verändert die Leser und auch den Schreibenden. Bis das greift (und reift), muss Zeit vergehen.

Die Frage ist, was das für das Jetzt bedeutet. Weitermachen, abtauchen, ausblenden? Nichts davon scheint möglich. Eine Auftragsarbeit war für mich ein Glück: für die Oper Bielefeld durfte ich das Libretto zu Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" verfassen. Durfte mich mit den Komponisten, der Dramaturgin, der Operndirektorin in diesen Stoff versenken. Und konnte Franz Biberkopf auf seinem Weg durch die Stadt folgen, weg von den roten Mauern des Tegeler Gefängnisses über den Rosenthaler Platz und durch den Schlachthof in immer finsterere Abgründe hinein.

Gerade bin ich daraus aufgetaucht. Ich lausche den Melodien, die die Komponisten erklingen lassen. Ich sehe, wenn ich die Berliner Straßen entlanggehe, Biberkopf noch zwischen bemaskten Passanten herumlaufen, einarmig, getrieben. Aber meine Arbeit ist zum Großteil getan, ich lasse ihn los.  

Und da macht sie sich breit, die Erschütterung. In ihrem noch vom Bersten bedrohten Widerspiegel hält nichts stand. Ich irre durch mein Arbeitszimmer, nehme Bruchteile hoch. Geschichten, die sich angedrängt hatten, um als nächste geschrieben zu werden. Figuren, die zum Leben erweckt werden wollten. Halbsätze, die schon notiert waren. Ich wende sie hin und her, betrachte sie im Licht dieses Jahres. Und zweifle sie an.

Natürlich muss ich aufpassen. Es gibt, wenn ein Buch vollendet wurde, immer diesen Widerstand gegen das Neue. Das schriftstellerische Sein, die ganze Schreibseele ist noch mit der soeben entstandenen Geschichte verknüpft. Die Zuwendung zum nächsten Manuskript fühlt sich an wie Betrug. Eine Ausrede für das Verharren käme da gerade recht, besonders nach so langer Schreibzeit.

Es gilt also den Weg zu finden. Die schwankende Hängebrücke aufzuspüren, die mitten durch die Erschütterung führt und die Zweifel überbrückt. Wie das gelingen kann? Wie man wieder einsteigen kann in die Welt des Imaginären (und das ist Literatur immer, auch wenn sie die Wirklichkeit durchleuchtet), aus sich so neu gestaltender Realität heraus?
Nur so: Wir tasten uns vorwärts. Hier, wie dort.


Christiane Neudecker studierte an der Staatlichen Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und lebt heute als freie Schriftstellerin und Diplom-Regisseurin in Berlin. Für ihre seit 2005 erscheinenden Romane und Erzählungen wurde sie mit zahlreichen Literaturpreisen gewürdigt. Für 2021 wurde sie von der Theodor-Storm-Gesellschaft zur Theodor-Storm-Schreiberin ernannt. Ihre Bücher erscheinen im Luchterhand Literaturverlag, die Taschenbücher bei btb. Die FAZ bezeichnete sie als "Meisterin der Atmosphäre". Christiane Neudecker ist Mitglied des Fachbeirats Literatur der Guardini Stiftung.

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