Guardini akut | KW 15/2021

Das ist Seelsorge

Seelsorge ist nicht immer Krisenintervention. Häufig geht es vor allem um die Normalität von Begegnung und die Bewältigung des Alltags.
Von Anna-Sofie Gerth

Es ist Anfang November vor einigen Jahren, gegen 17 Uhr. Es ist bereits dunkel und ich arbeite am Schreibtisch im Büro einer großen, niedrigschwelligen Einrichtung für obdachlose Menschen in Berlin. Ich bin Sozialarbeiterin und Diakonin. Ein Kollege platzt herein und wirkt aufgeregt: "Anna-Sofie, komm mal bitte schnell nach draußen."
Draußen, vor der Einrichtung, sind etliche obdachlose Menschen, alle ebenfalls aufgeregt. Schnell wird das Bild klarer. Ein obdachloser Mensch liegt verstorben auf seinem Matratzenlager. Es geht alles ganz schnell. Es erfolgen Wiederbelebungsversuche. Viele Gäste wollen helfen, der Rettungswagen leitet weitere Maßnahmen ein, der Notarzt erscheint und der Tod des Menschen wird festgestellt. Die Polizei kommt dazu und unterstützt uns sehr professionell.
Einige Gäste toben vor Wut. Andere kauern sich an eine Wand, wieder andere laufen zum nächsten Supermarkt und kaufen Kerzen. Wir Hauptamtlichen rufen andere Kollegen*innen an und informieren unsere Vorgesetzte. Der Ort vor der Einrichtung füllt sich mit Menschen mit den unterschiedlichsten Gefühlen. Wir versuchen, die einzelnen Bedürfnisse wahrzunehmen, richten Trauerorte ein, reden und hören zu.
Hier wird mir richtig klar, dass ich eine weitere Seelsorge-Ausbildung benötige. In diesem Moment komme ich mit meiner Grundausbildung im Bereich Seelsorge nicht weiter.

Einige Monate später beginne ich die Ausbildung zur Notfallseelsorgerin. Seit knapp drei Jahren begleite ich nun Menschen in gravierenden Situationen in ganz Berlin. Wir sind mehr als 140 Kollegen*innen und sind im gesamten Stadtgebiet unterwegs. Unter uns sind Kriseninterventionshelfer*innen, die keiner Religion angehören und bei den großen Hilfsorganisationen angegliedert sind. Wir sind evangelische und katholische Christen*innen und die muslimische Notfallseelsorge ist ebenso vertreten.

Die Methoden der (Notfall-)Seelsorge nutze ich auch auf meiner hauptamtlichen Arbeit. Ich leite eine Wohnungslosentagesstätte für obdachlose Menschen. Zu uns kommen Menschen, die auf der Straße leben oder in sogenannten Obdachlosenheimen untergebracht sind. Zu uns kommen auch Menschen, die in Altersarmut leben und Unterstützung benötigen. Neben der Grundversorgung mit Nahrungsmitteln und Hygieneprodukten bzw. sanitären Anlagen, haben wir ein Beratungsangebot. Die Beratung unterstützt die Gäste bei Behördenangelegenheiten, dabei den Weg aus der Obdachlosigkeit zu finden, bei Gesundheitsfragen und Beziehungen. In diesen Gesprächen geht es aber auch immer wieder um Seelsorge und darum, jemanden zu haben, der qualifiziert zuhören kann.

Vor der Pandemie haben wir uns als Sozialarbeitende und Diakone*innen zu den Gästen gesetzt, mit ihnen gegessen und gemeinsam Zeit verbracht. In der sozialen Arbeit heißen diese Gespräche Beziehungsarbeit und es geht darum, dass Menschen uns kennenlernen und zu uns Vertrauen fassen. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, in dem sie uns ansprechen, etwas verraten oder einfach sagen: "Ich brauche deine Hilfe." Solche Gespräche gehen regelmäßig in Seelsorgegespräche über. Es geht um Sinnfragen und darum, einen Menschen zu haben, der einfach zuhört. Obdachlose Menschen werden in unserer Gesellschaft oft übersehen bzw. nicht angesehen. Viele erleben, dass Menschen ihnen Geld zustecken oder einen Kaffee spendieren, aber wenige erfahren echte Begegnung. Daher sind solche Momente in unserer Einrichtung wichtig, um den Alltag und tiefe Verunsicherungen besprechen zu können.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Gast, der mir verdeutlicht hat, ich möge einfach nur zuhören. Dann erzählte er wie ein Wasserfall von seinem Tag. Es ging um einen geklauten Rucksack, um den Müll auf den Berliner Straßen, er vermisst seine Tochter, er mag keine Kartoffelsuppe, sein linker Socken hat ein Loch. Er konnte in dem Gespräch immer wieder selbst Lösungen oder Ideen benennen, er brauchte nur einen Menschen, der das alles ungefiltert aufnehmen konnte. Das ist Seelsorge.

Wir haben in der Einrichtung eine Box für Gebetsanliegen. Die Gäste können anonym Zettel in die Box legen und wir beten für sie. Wir teilen die Gebetsanliegen im Team auf. Natürlich sind diese Gebete auch Arbeitszeit. Das ist Seelsorge.
Einmal in der Woche feiern wir eine Andacht mit den Gästen. Auch da werden Gebetsanliegen aufgenommen und wir beten gemeinsam. Nach der Andacht plane ich (fast) immer Zeit für Seelsorgegespräche ein. Das ist Seelsorge.

Nun ist mitten in der Pandemie alles anders. Wir halten Abstand, es wird permanent gelüftet (dabei muss es in Einrichtungen der Obdachlosenhilfe immer warm sein!), wir tragen Masken und es riecht nach Desinfektionsmittel. Seelsorge findet kurz statt, Gebetsanliegen werden weiter gesammelt, Andachten werden durch Briefe und Aushänge ersetzt. Auch jetzt nehmen jedoch viele Gäste wahr: Wow - ihr seid ja immer noch da. Alles hat zu, aber bei Euch treffe ich immer jemanden an!
Das ist Seelsorge.


Die Sozialarbeiterin und Seelsorgerin Anna-Sofie Gerth lebt seit 2010 in Berlin. Hier hat sie das Studium der Sozialen Arbeit absolviert und ist als Diakonin ausgebildet und eingesegnet. Seit 2014 arbeitet sie im Bereich der Wohnungslosenhilfe und leitet zwei Einrichtungen mit diesem Schwerpunkt. Darüber hinaus engagiert sie sich für die Aufklärung über die Belange und Bedürfnisse obdachloser Menschen. Sie ist ehrenamtlich als Notfallseelsorgerin unterwegs.

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