Guardini akut | KW 13

„Das Wesen des Menschen ist die Fähigkeit, mit neuen Situationen fertig zu werden“

Ein Interview mit dem Philosophen Ugo Perone
Von Patricia Löwe

Große historische Umbrüche gingen häufig mit gravierenden Wenden in den vorherrschenden Denkströmungen einher. Die politischen, gesellschaftlichen und menschlichen Verwerfungen der beiden Weltkriege beispielsweise gaben den Anstoß zu entscheidenden Innovationen in der Philosophie. Steht uns jetzt vielleicht auch so eine Wende bevor? Und wie könnte die aussehen?
 
Es ist natürlich sehr schwierig, so etwas im Voraus zu sagen. Sie haben Recht, wir haben große Beispiele in der Vergangenheit für solche Wenden. Aber die Weltkriege haben viele Jahre gedauert und viele Tote hervorgebracht. Diese Situation hier ist anders. Trotzdem kann man wohl sagen, dass eine berechtigte Hoffnung besteht, dass etwas sich ändert.
 
In meinen Augen haben wir im Augenblick eine Philosophie, die immer barocker, immer komplizierter geworden ist. Das heißt, es wird vor allem über kleine Themen und Entwicklungen gearbeitet. Diese barocke Form der Philosophie ist eigentlich ein Zeichen von Dekadenz. Es gibt keine neuen Gedanken, keine großen Prinzipien und Ordnungen. Man arbeitet nur an Kleinigkeiten.
 
Das endet jetzt vielleicht, weil wir gezwungen sind, uns mit wesentlicheren Aspekten zu beschäftigen. Und das wäre meine Hoffnung: eine Hinwendung der Philosophie zu den großen Prinzipien und Fragen, eine Philosophie, die nicht so analytisch klein und punktuell ist, sondern die es wieder wagt, Orientierung und Sinn anzubieten.
 
Glauben Sie, das wirkt sich auch auf den Konflikt zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie aus?
 
In der Philosophiegeschichte haben wir eine Spaltung zwischen Wahrheit und Authentizität erlebt. D. h. der Begriff Wahrheit wurde immer mehr verkleinert. Er ist allmählich gleichzusetzen mit ‚Sicherheit‘ oder ‚Gewissheit‘. Und eine solche Wahrheit, die nicht mehr großgeschrieben wird, die nur mit punktuellen Aspekten zu tun hat, ist eine Wahrheit, die letztendlich absolut unbedeutend ist. Diese Art der Wahrheit hilft uns nicht.
 
Andererseits ist als Reaktion auf diese Verkleinerung der Wahrheit die Betonung, ja Überbetonung sogar, von Authentizität zu beobachten: Es ist nicht wichtig, ob es wahr ist. Es ist wichtig, dass es mich betrifft und ich es ernst nehme. Das ist eine Form von Irrationalismus und hat mit der Wahrheit ebenfalls wenig zu tun.
 
Gerade jetzt müssen wir uns aber der Frage nach einer Verbindung, einer Beziehung dieser zwei Aspekte, Wahrheit und Authentizität, stellen. Das heißt, wir brauchen eine Authentizität, die sich auf wahre Inhalte bezieht. Und wir brauchen eine Wahrheit, die in der Lage ist, authentisch für unser Leben zu sein. Das ist das Problem. Wir wissen, dass diese Beziehung nicht automatisch entsteht. Nein, es ist eine komplexe und dialektische, sogar spannende Beziehung. Die Aufgabe der Philosophie ist es, mit dieser Spannung zwischen Wahrheit und Authentizität umzugehen.
 
Helfen uns solche Krisen, mehr über den Menschen und sein (Selbst-)Bewusstsein zu lernen? Oder verändern sie gar das Wesen des Menschen?
 
Wir alle befinden uns im Augenblick in einer derart schwierigen Situation, dass wir jetzt die Schwäche des Menschen besser erkennen können. Aber gleichzeitig müssen wir auch lernen, dass der Mensch immer die Fähigkeit gehabt hat, mit objektiven Tatsachen fertigzuwerden. Wir, die Subjekte, finden uns einem Objekt gegenüber, einem Virus, das so stark ist, dass er uns töten könnte. Aber wir können reagieren und können unser Leben ändern, wir können uns schützen und verteidigen. Wir müssen verstehen, dass das Wesen des Menschen nicht ein abstraktes Konstrukt ist, sondern die Fähigkeit, mit neuen Situationen fertig zu werden.
 
Sie sind nicht nur Philosoph, sondern auch ehemaliger Kulturstadtrat der Stadt Turin. Welche gravierenden Veränderungen in der Kulturlandschaft erhoffen oder befürchten Sie als Folge der Pandemie? Hilft Kultur dabei, solche Krisen zu bewältigen?
 
Es ist absehbar, dass die Kulturlandschaft in diesen Zeiten großen Schaden nimmt und nehmen wird. Die Theater und Museen sind geschlossen. Das kulturelle Leben steht still.
 
Andererseits muss man auch zugeben, dass vielen gerade in diesen Zeiten bewusst geworden ist, dass Kulturveranstaltungen – Opern, Theater, Konzerte – eine Art und Weise sind, sinnvoll Zeit zu verbringen. Kultur als bisher selbstverständlicher Teil unseres Alltags hilft – das wird jetzt sehr deutlich.
 
Die Gefahr ist andererseits, Kultur als privaten Genuss misszuverstehen. Wir können den Fernseher anschalten und etwas anschauen oder CDs hören, aber bei solchen Erlebnissen fehlt ein wichtiger Aspekt der Kultur: das Zusammensein und das Zusammengehören. Ein Beispiel, das abseits des kulturellen Spektrums liegt, macht das verständlich: Man kann Fußball im Fernsehen und alleine schauen. Das ist ziemlich traurig. Es gibt niemanden, mit dem man sich freut oder sich ärgert. Das gilt auch für Kultur. Kultur funktioniert nur, wenn das Publikum auch eine Rolle auf der Bühne hat. Die Bühne interpretiert die unausgesprochenen Gefühle des Publikums und das Publikum erkennt sich selbst in dieser Vorstellung. Das ist ein Zirkel. Und wenn es diesen Zirkel nicht mehr gibt, werden kulturelle Ereignisse nur noch als Genussgüter verwendet. Kultur ist aber auch und vor allem eine kollektive Arbeit.  
 
Zum Schluss: Haben Sie eine Textempfehlung? Welcher Philosoph oder welche Philosophin eignet sich in diesen Krisenzeiten besonders gut zur Lektüre?
 
Ich empfehle einen italienischen Philosophen, nämlich Giambattista Vico. Vico ist eine Figur, die uns gerade jetzt etwas zu sagen hat. Er lebte kurz nach Descartes (also von 1668 bis 1744). Descartes, der heute immer noch eine große Rolle spielt, hat Wahrheit als unmittelbare Gewissheit beschrieben. Vico dagegen bietet uns eine neue Wissenschaft an, die davon ausgeht, dass der Mensch am besten erkennen kann, was er selbst gemacht hat, also Gesellschaft und Geschichte.
 
In seinen Texten findet sich ein Gedankengang, der gerade jetzt sehr nützlich ist: Wir suchen nach einer absolut sicheren Wahrheit in Bereichen, in denen wir eigentlich nur beobachten können, nach welchen Gesetzen dort etwas geschieht. Aber das meiste, das für uns wichtig ist, spielt sich da ab, wo wir selbst Täter sind, in der Gesellschaft, Politik und Geschichte. Und es ist merkwürdig, dass wir eigentlich gerade diese Bereiche als unsicher betrachten. Vico entdeckt Wahrheit in der strukturellen Fähigkeit des Menschen, etwas zu bewirken. Das betrifft uns: Die Wahrheit liegt in unseren Händen und wir sind diejenigen, die sie bestimmen. Und mit einer Änderung unseres Verhaltens entsteht auch eine für alle bessere (wahre) Welt. Vicos Texte gibt es auch in deutscher Übersetzung zu lesen – sie helfen dabei, zu verstehen, dass wir eine wahrheitsbildende Kraft in uns tragen. 
 

  
Prof. Dr. Ugo Perone ist der derzeitige Inhaber des Guardini Lehrstuhls an der Humboldt-Universität zu Berlin. Als Hermeneutiker interessiert er sich für das Subjekt, Endlichkeit und Bewusstsein, Religion und Moderne, aber auch für eine Philosophie des Politischen. Derzeit wartet er mit seiner Frau in der gemeinsamen Turiner Wohnung, dass die Situation in Italien sich entspannt und er für das Sommersemester nach Berlin zurückkehren kann. 
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