Guardini akut | Nr. 51 | 15. Mai 2022

Guardini akut | Nr. 51 | 15. Mai 2022

Was verbindet einen Weihbischof, einen Lyriker, eine Künstlerin und einen naturwissenschaftlichen Blattforscher? Wenn der Philosoph Georg Friedrich Hegel recht hat, setzt sich das „Notwendige immer zufällig durch.“ So verhält es sich auch mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“. Er hat im Augenblick Hochkonjunktur. Aber auch schon bevor dieser Terminus das gesellschaftliche Narrativ bestimmte und aus ihm konsequente politische Maßnahmen resultierten, befassten sich Naturwissenschaft, Kirche und auch Literatur und Kunst mit dieser Agenda, die Schöpfung zu bewahren und Maßnahmen für ihre Rettung einzuleiten.

Papst Franziskus hat mit seiner Umweltenzyklika „Laudato si’“ im katholischen Spektrum einen Wandel eingeleitet. Bei seinem Vorgänger, der aus einer bäuerlichen Kultur stammt, war das Denken vom Tier als Nutzwesen zum Wohle des Menschen noch stark präsent. Tiere kommen nicht in den Himmel. Weihbischof Rolf Lohmann, der im Bistum Münster in der Region Niederrhein für die Priesterweihe zuständig ist, leitet in der Deutschen Bischofskonferenz die Arbeitsgruppe für ökologische Fragen. Er referiert in seinem Beitrag die Nachhaltigkeitspolitik seiner Kirche, weist auf die drohenden Hürden und möglichen Perspektiven hin.

Der Bonner Geoökologe Jürgen Burkhardt spricht über seine jahrelangen Forschungen zum Waldsterben. Handfeste Untersuchungsergebnisse zu erzielen, ist das eine. Wie aber werden sie Teil des gesellschaftlichen Diskurses? Dass die Umweltforschung auch ein Umweltbewusstsein nach sich zieht, müssen Wissenschaftler*innen anders kommunizieren. Das gilt nicht nur für die Förderanträge, sondern auch für die Art, wie Ergebnisse medial präsentiert werden.

Der Dichter und Theologe Christian Lehnert, der das Liturgiewissenschaftliche Institut in Leipzig leitet, erhielt für seine Gedichte zahlreiche Preise, darunter den Hölty-Preis für sein lyrisches Gesamtwerk. Sein Gedicht „An der Steilküste“ will die Wunder der Natur nicht deuten, sondern hört in sie hinein. Er hält Zwiesprache, die durchaus mit einem Gebet vergleichbar eine tiefe Verbindung zur Schöpfung zeigt, sei sie nun bewusst oder unterschwellig.

Die Künstlerin Harriet Groß schließlich zeigt in ihrer Ausstellung „Weißer Regen“ ab dem 20. Mai 2022 in der Guardini Galerie Arbeiten, in denen sie den Wegen des Wassers folgt – Wasser ist Leben, Wasser ist Zukunft.


Die Kirche als Umweltaktivistin

Wie sich die Deutsche Bischofskonferenz für die Bewahrung der Schöpfung einsetzt.
Von Weihbischof Rolf Lohmann

Sieben Jahre nach deren Veröffentlichung ist die Enzyklika Laudato Si‘ von Papst Franziskus1 längst zu einem weit über die katholische Kirche hinaus bekannten Werk mit bemerkenswerter Rezeption geworden. Als direkte Folge der Veröffentlichung der Enzyklika hat sich auch die Deutsche Bischofskonferenz während der Herbst-Vollversammlung 2017 an einem Studienhalbtag mit dem Thema „Schöpfungsverantwortung nach Laudato Si‘ – Umwelt und integrale Entwicklung als Aufgabe der Kirche“2 beschäftigt. Ein wichtiges Ergebnis dieses Studienhalbtags war die Veröffentlichung von „Handlungsempfehlungen zu Ökologie und nachhaltiger Entwicklung für die deutschen (Erz-)Diözesen“3. Diese Handlungsempfehlungen konkretisieren die Inhalte der Enzyklika für die Umsetzung in den deutschen (Erz-)Bistümern und schaffen somit eine Grundlage zur integralen Berücksichtigung von Umwelt- und Klimaschutz im kirchlichen Handeln.

Um eine Verstetigung der Auseinandersetzung mit diesen Themen sicherzustellen, wurde mit der Veröffentlichung der Handlungsempfehlungen die Selbstverpflichtung eingegangen, regelmäßig über den Stand des Schöpfungsengagements Bericht zu erstatten. Dadurch sollen nicht zuletzt auch Transparenz gewährleistet und Defizite ehrlich kommuniziert werden. Mit dem Klima- und Umweltschutzbericht 20214 wurde ebendieser Verpflichtung zum ersten Mal nachgekommen und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Erstmalig haben alle 27 deutschen (Erz-)Diözesen sowie diverse katholische Organisationen, darunter der Deutsche Caritasverband, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken oder das Bischöfliche Hilfswerk Misereor, gebündelt über ihr Engagement für die Zukunft der Schöpfung berichtet. In unterschiedlichen Themenfeldern, vom Gebäudemanagement bis zur Liturgie und Verkündigung, werden dadurch Best-Practice-Beispiele kommuniziert, unterschiedliche Herangehensweisen beschrieben und dadurch auch Vernetzung und Ideenaustausch über diözesane Grenzen hinaus gefördert. Gleichzeitig werden Defizite, Versäumnisse und drängende Zukunftsaufgaben offen benannt. Bei der Lektüre des Berichts sollte die Heterogenität der berichtenden (Erz-)Bistümer und katholischen Organisationen nicht aus den Augen geraten. Die Ausführungen sind stets vor dem Hintergrund der spezifischen Situationen, Gegebenheiten und auch wirtschaftlichen Kontexte vor Ort zu betrachten.

Um eine längerfristige Wirkung zu erzielen, darf es jedoch nicht bei einem einzigen Bericht bleiben. Entsprechend haben sich die Bischöfe in ihren Handlungsempfehlungen darauf verständigt, Berichte zum Schöpfungsengagement regelmäßig zu veröffentlichen. Nur so können die drängenden Themen präsent gehalten, Entwicklungen nachvollzogen und ein kontinuierlicher Austausch gewährleistet werden.

Daher gilt es auch, zukünftige Berichte strukturell noch stetig zu verbessern. Dies geschieht zunächst in einem Abstimmungsprozess, bei dem die Stimmen aller (Erz-)Bistümer berücksichtigt werden, um einen ganzheitlichen Überblick über alle relevanten Themenbereiche sicherzustellen. Hier wäre u. a. die Berichterstattung von Kennzahlen, beispielsweise zu Treibhausgasemissionen, ein wichtiges Mittel zur transparenten Kommunikation und zum Nachweis wirksamer Verbesserungen. Auch und gerade für die katholische Kirche finde ich es richtig, auf Basis nachvollziehbarer Zahlen und systematischer Herangehensweisen intensiv an den Themen Umwelt- und Klimaschutz zu arbeiten und dies entsprechend zu vermitteln.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass durch die gemeinsame Berichterstattung aller 27 (Erz-)Bistümer und diverser katholischer Organisationen ein wichtiger Schritt hin zu einer glaubwürdigen Kommunikation unseres Schöpfungsengagements gemacht wurde. Nun gilt es, diesen Bericht einerseits im Sinne einer Regelmäßigkeit zu verstetigen und inhaltlich auch auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden kontinuierlich zu verbessern. Eine glaubwürdige und transparente Kommunikation zu unserem Schöpfungsengagement muss unser Anspruch als katholische Kirche sein.

1 Papst Franziskus, „Enzyklika Laudato Si‘ von Papst Franziskus – Über die Sorge für das gemeinsame Haus“, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Hrsg., 2015, p. 24.

2 Deutsche Bischofskonferenz, „Pressebericht des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx anlässlich der Pressekonferenz zum Abschluss der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 28. September 2017 in Fulda,“ Fulda, 2017.

3 Deutsche Bischofskonferenz, „Schöpfungsverantwortung als kirchlicher Auftrag – Handlungsempfehlungen zu Ökologie und nachhaltiger Entwicklung für die deutschen (Erz‑)Diözesen (Arbeitshilfen Nr. 301),“ Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn, 2018.

4 Deutsche Bischofskonferenz, „Unser Einsatz für die Zukunft der Schöpfung – Klima- und Umweltschutzbericht 2021 der Deutschen Bischofskonferenz (Arbeitshilfen Nr. 327),“ Bonn, 2021.

Weihbischof Rolf Lohmann ist verantwortlich für die Region Niederrhein im Bistum Münster. 1989 erhielt er ebendort die Priesterweihe. Er ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe für ökologische Fragen der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz.

Foto: © Bischöfliche Pressestelle Münster, Achim Pohl


An der Steilküste

Von Christian Lehnert

Nun merke / es steht schon von allem geschrieben:
Der Regen bewegt ein silbriges Blatt
Und wendet es um / ein Stammschößling hat
Gelesen und wartet. Durchnäßt und zerrieben
Sind Kreiden / der kippende Baum ist bereit /
Nach nichts mehr zu fragen und nichts mehr zu wissen /
Was eben geschieht / enthält kein Vermissen /
Zu hören ist nur / wie ein Möwenpaar schreit

Aus:
opus 8. Im Flechtwerk
Suhrkamp 2022
ISBN: 978-3-518-43058-3

Bild: Harriet Groß, Später Winterregen, 2021, Foto: Hans-Georg Gaul


„Ich sorge für die Grundlagen nachhaltigen Denkens“

Der Bonner Geo-Ökologe Jürgen Burkhardt über Feinstaub, das Waldsterben und die Schnittstellen von Politik und Wissenschaft.
Ein Interview von Andreas Öhler

Andreas Öhler: Sie haben in Deutschland schon Geo-Ökologie studiert, als die Umweltnaturwissenschaften noch in den Anfängen steckten. Was hat Sie dazu bewogen?

Jürgen Burkhardt: Als ich mich vor fast vierzig Jahren an der Universität Bayreuth im neu geschaffenen Studiengang „Geoökologie“ einschrieb, gab es tatsächlich noch nicht viele Orte, an denen man das fächerübergreifend studieren konnte. Mich reizte der interdisziplinäre Ansatz, biologische, chemische und physikalische Prozesse zu ergründen, die Einfluss auf unser Ökosystem haben. Ausgelöst hat dieses Interesse Anfang der 1980er-Jahre das erste große Waldsterben, das nur langsam als drängendes Problem erkannt wurde. Aus Schaden wird man klug: Die ökonomischen Einbußen in der Forstwirtschaft waren damals alarmierend, sodass sich langsam ein ökologisches Bewusstsein herausbildete. Ursächlich war die Luftverschmutzung und damit auch der „saure Regen“, als bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe große Mengen an Schwefel in die Atmosphäre gelangten. Der Wald als grüne Lunge, der zur CO-Reduzierung wesentlich beiträgt, war bedroht, aber die Problematik des CO2-Anstiegs war noch wenig bekannt. Mit der Anti-AKW-Bewegung wurde das Umweltbewusstsein sicherlich zusätzlich gestärkt und politisiert.

Was ist Ihr Forschungsschwerpunkt?

Als Geoökologe mit Ausrichtung Meteorologie, der immer an der Grenzfläche Pflanze/Atmosphäre gearbeitet hat, beschäftige ich mich intensiv mit der Rolle des Feinstaubes für die Entstehung von Waldschäden. Im Laufe dieser Zeit hat sich die Ausarbeitung, Fortschreibung und Überprüfung meiner Hypothese zu meiner Lebensaufgabe entwickelt.

Wie lautet denn Ihre Hypothese?

Da muss ich etwas ausholen. Im Rahmen eines Waldschaden-Forschungsprojekts sammelte ich im Fichtelgebirge Tautropfen, um sie auf ihre chemischen Bestandteile zu untersuchen. Zusammen mit einem Techniker entwickelte ich ein Messgerät mit zwei Elektroden. Damit konnten wir die elektrische Leitfähigkeit auf den Blattoberflächen untersuchen. Es zeigte sich, dass selbst bei sonnigem, heißem Wetter flüssiges Wasser auf den Blättern zu finden war, als dünner, mit bloßem Auge nicht erkennbarer Film. Die Frage war nun: Wo kommt dieses Wasser her? Im Weiteren hat sich dann ergeben, dass sich die Aerosole auf den Blättern ablagern, und davon sind ganz viele hygroskopisch – das heißt, sie ziehen Wasser an. Im Laufe der Jahre hat sich gezeigt, dass dieses verflüssigte Salz, das die Wasserfilme bildet, auch in die Spaltöffnungen der Blätter eindringen kann. Falls das passiert, verbindet es sich mit dem Wasser, das aus dem Boden kommt. In der Folge entsteht eine Flüssigwasserverbindung von der Wurzel bis zur Krone, die wie ein Docht wirkt. Normalerweise schließen die Blätter, wenn sie merken, dass es zu trocken ist, die Spaltöffnungen, um die gasförmige Transpiration zu verringern. Für diesen Docht funktioniert aber dieser Verschluss nicht mehr. Die Folge ist: Die Blätter werden leck. Sie verlieren mehr Wasser. Das führt zur Austrocknung des Blattes. Mit einem speziellen Rasterelektronenmikroskop konnten wir zumindest einzelne Prozesse verfolgen, etwa wie dieses Salz in die Spaltöffnungen eindringt.

Erforschen Sie dieses Phänomen an Nadel- oder Laubbäumen?

Nadeln sind eine Spezialform von Blättern. Ich forsche an beiden. Bei dem neuesten Projekt des Bundesumweltamtes untersuchen wir Kiefern, Fichten, Eichen und Buchen.

Ihre Hypothese klingt bahnbrechend. Wie fließen denn solche Ergebnisse in die politischen Handlungsebenen ein?

Forschungspublikationen sind das eine. Aber sobald die Ergebnisse darüber hinaus bekannt werden sollen, liegt die Herausforderung darin, an Begriffe anzuknüpfen, unter denen sich die breitere Öffentlichkeit bereits etwas vorstellen kann.

Nennen Sie doch mal ein Beispiel.

Als ich Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre im Rahmen der Ursachenforschung des Waldsterbens von Salzen und Aerosolen sprach, die mit dem Wasser diesen Film auf dem Blatt bilden, war das den Laien nicht leicht vermittelbar. Als ich dafür aber später den Begriff Feinstaub benutzte, haben mir viel mehr Leute zugehört. Der Begriff war ihnen geläufig, weil die WHO gesundheitsgefährdende Grenzwerte definiert hatte, die bis in die Kommunen zu Maßnahmen führten, und weil Dieselmotoren schon als Mitverursacher bekannt waren. Oder ein anderes Beispiel: Vor Corona war der Begriff „Aerosole“ nur einem kleinen Kreis von Fachleuten geläufig. Das hat sich nun geändert. An solchen Veränderungen können wir als Wissenschaftler anknüpfen.

Wann und wie finden denn Ihre Resultate Resonanz in der Politik?

Das sind mühevolle, langwierige Prozesse. Trotz wiederholter Rückschläge und anderen Forschungsaufgaben konnte ich meine Hypothese über sehr lange Zeit selbstständig und weitgehend unabhängig verfolgen. Dafür bin ich sehr dankbar. Diese Freiheit ermöglicht unser deutsches Wissenschaftssystem, speziell die Ad-personam-Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Man ist bei der Wahl seines Forschungsinhaltes völlig frei und unabhängig von interessengeleiteten Geldgebern.

Wie gestaltet sich denn aktuell Ihr Forschungsfreiraum in der Praxis?

Das vom Umweltbundesamt geförderte Projekt zu den Waldschäden ermöglicht mir nun erstmals die Überprüfung der Hypothese in der Realität. Nun muss sich beweisen, ob die von mir über die Jahre im Labor und Gewächshaus gefundenen Prozesse tatsächlich relevant sind.

Fördert das Umweltbundesamt nicht aber gerade Forschung, aus der sich politische Handlungsmaximen ableiten lassen?

Das UBA-Projekt kann erst zu politischen Handlungsoptionen führen, wenn sich unsere Hypothese als stimmig erweist und Folgerungen dann faktenbasiert in einem Regelwerk umgesetzt werden. Selbst dann wird sich so ein Aufruf zur Verringerung von Ammoniak-Emissionen immer noch chemisch abstrakt lesen. Dabei sind die fachlichen und statistischen Ansätze und vorsichtige Interpretationen der Ergebnisse ausschlaggebend für den Erfolg meiner Arbeit. Mein Schwerpunkt ist also weniger die politische Forderung, als vielmehr die Erarbeitung der sachlichen Grundlagen dafür.

Haben Sie als Geoökologe auch eine Compliance-Regelung für sich getroffen? Leben Sie umweltbewusster?

Seit über 30 Jahren bin ich Vegetarier. Ich denke schon, dass Fleischverzicht darüber mitentscheidet, ob im Jahr 2100 auf diesem Planeten ein Leben für zehn Milliarden Menschen möglich sein wird.

PD Dr. Jürgen Burkhardt forscht im Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz in der Abteilung Pflanzenernährung an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Ökophysiologie, den Wechselwirkungen zwischen Pflanze und Atmosphäre, dem Wasserhaushalt von Pflanzen, den Wechselwirkungen zwischen feinen Aerosolen und Pflanzen, Blattdüngung, Modellierung von Kulturpflanzen, globalen Veränderungen, Coffea arabica sowie Licht- und Wasserverteilung in gemischten mehrjährigen Systemen mit Bananen.

Foto: © Lannert, 2018

Foto & Grafikdesign Anja Matzker

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