6. Juni 2024
Gegenwart der Krisen: Im Gespräch mit Gesine Schwan
„Warum ich die Hoffnung nicht aufgebe“ ist der Titel eines jüngst erschienenen Bandes mit Gesprächen, die der Erfurter Philosoph Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski mit Prof. Dr. Gesine Schwan führte.

„Warum ich die Hoffnung nicht aufgebe“ ist der Titel eines jüngst erschienenen Bandes mit Gesprächen, die der Erfurter Philosoph Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski mit Prof. Dr. Gesine Schwan führte.
Gesine Schwan lehrte an der Freien Universität als Politikwissenschaftlerin, leitete die Universität Viadrina in Frankfurt/Oder als Präsidentin, setzte sich als Koordinatorin für die deutsch-polnische Zusammenarbeit ein und wurde einer breiten Öffentlichkeit als Kandidatin für das Bundespräsidialamt bekannt.
Im Rahmen des Forum Guardini gibt sie Auskunft über ihr reiches Leben, analysiert gegenwärtige Herausforderungen in Kirche, Politik und Gesellschaft und schildert im Gespräch mit den Philosophen Holger Zaborowski und Thomas Brose, wie der Glaube durch Krisen tragen kann. Für Schwan, die als junge Frau konvertierte, ist klar: dass sie weder aus der SPD noch aus der katholischen Kirche austritt.
17. Mai 2024
Staat und Religion

Welche Bedeutung hat das christliche Menschenbild heute für politische Entscheidungen? Wie verändert sich das Verständnis päpstlicher Autorität in einer pluralistischen Welt?
Jannik Abt (B.A., Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaften der FU Berlin):
Das C in christdemokratischen Parteien heute: Die CDU und das christliche Menschenbild
Felix Maier (Mag. theol. B.A., Katholische Theologie, Eberhard-Karls-Universität Tübingen):
Der Papst als unfehlbarer Souverän über der Kirche: Ekklesiologische Konzepte des „langen“ 19. Jahrhunderts
Jannik Abt untersucht in seiner Bachelorarbeit das Verhältnis der wachsenden Zahl konfessionsloser CDU-Mitglieder (und Wähler) zum christlichen Menschenbild. Sein Ziel war es, herauszuarbeiten, welche Rolle das C in der CDU in Zukunft noch spielen kann. Dazu hat er Experteninterviews mit konfessionslosen Parteimitgliedern durchgeführt. Viele der Befragten halten, so das Ergebnis, am C im Parteinamen fest, obwohl sie sich kaum mit dem christlichen Menschenbild auseinandergesetzt haben. Sie begründeten dies damit, dass das C Markenkern, Klammer und Identifikationsmerkmal der CDU sei. Die Zukunftsfähigkeit des C in der CDU könne, so Abt, mit Blick auf die konfessionslosen Parteimitglieder demnach zwar als gesichert gelten, die Frage sei allerdings, was daraus folge, wenn keine religiösen, sondern nur noch taktische Begründungen dafür ausschlaggebend seien.
Im zweiten Teil des Abends befasst sich Felix Maier mit der Entwicklung des Papstamtes und seiner Theologie im 19. Jahrhundert und besonders mit der päpstlichen Unfehlbarkeit, die 1870 als Ergebnis des Ersten Vatikanischen Konzils dogmatisiert wurde. Der Theologe Hermann Josef Pottmeyer nannte jenes Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit eines der „bezeichnendsten“ – und möglicherweise auch umstrittensten – „Charakteristika des Katholizismus“. Maier wagt den Versuch, eine Art Vorgeschichte des Konzils zusammenzustellen, die Einblicke in die vielschichtige Diskussionen um das Unfehlbarkeitsdogma geben soll. Heute kann der kritisch-differenzierende Blick auf das Dogma und seine Vorgeschichte hilfreich sein, um durch dogmengeschichtliche Aufarbeitung Klarheit in Debatten über die Rolle des Papstes und das Verhältnis von Orts- und Universalkirche zu erreichen.
Auf die Vorträge reagieren Dr. Karlies Abmeier, Vorsitzende des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Berlin, und Dr. Gregor Klapczynski, theologischer Referent im Erzbistum Berlin.
Im Anschluss sind Sie herzlich eingeladen, mit den Vortragenden zu diskutieren.
Unter dem Motto „Call for Thesis“ waren Absolventinnen und Absolventen aus Theologie, Philosophie, Religionswissenschaft und angrenzenden Disziplinen aufgerufen, ihre Abschlussarbeiten in der Katholischen Akademie in Berlin einzureichen. Die ausgewählten Arbeiten geben einen Einblick in die Vielfalt religiöser Aspekte in aktuellen universitären Abschlussarbeiten.
Bewerbungen für die Fortsetzung der Reihe im Herbst werden jederzeit entgegengenommen.
Informationen erhalten Sie auf Anfrage an:
Larissa Gerg:
Marina Sawall:
Mai 2024
Paradiso Bruto

Die Ausstellung PARADISO BRUTO spannt den Bogen zwischen zwei paradiesischen Orten: Dem Garten Eden, in dem die Menschen zu Beginn ihrer Existenz gelebt haben, bis sie daraus verstoßen wurden, und jenem zukünftigen Ort eines Himmlischen Jerusalems. Das Bruto wird dabei als eine Art Störung begriffen, die auf das Raue und Ursprüngliche verweist, das dem Paradiso innewohnt. Es findet sich sowohl in der Malerei von Filip Zorzor als auch in den Beton-Skulpturen Friedemann Grieshabers, in denen feine und glatte Partien mit rauen kontrastieren.
In der Kirche St. Thomas von Aquin sowie an der Außenwand zeigt der Maler Filip Zorzor Gemälde und Arbeiten auf Papier, während der Bildhauer Friedemann Grieshaber zum ersten Mal den bereits vor zwanzig Jahren angelegten Kunstgarten sowie den Mariengarten der Katholischen Akademie mit seinen Skulpturen bespielt.
Filip Zorzor, geboren 1974 in Bukarest, Rumänien, seit 1984 in Deutschland, lebt und arbeitet seit 1995 in Berlin. Nach seinem Abschluss als Meisterschüler bei Bernd Koberling unterrichtete er u.a. als Gastprofessor für Malerei an der China Academy of Arts, Hangzhou (VR China). Stipendien und Recherche-Reisen führten ihn nach Ostanatolien, Italien und Rumänien. 2015 übernahm er Bühnenbild und Szenografie zum „Komitas“-Musiktheater am Maxim Gorki Theater, Berlin. 2013 / 2012 erhielt er das Villa-Serpentara-Stipendium der Akademie der Künste Berlin. Seine Arbeiten befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen.
Friedemann Grieshaber, 1968 geboren in Ravensburg, lebt und arbeitet in Berlin. Nach einer Ausbildung zum Steinmetz und Auslandsreisen nach Israel und Ägypten studierte er Bildhauerei in Stuttgart und Berlin bei Micha Ullman, Inge Mahn, Lothar Fischer sowie Rebecca Horn. 1998 schloss er an der HdK (UdK) Berlin seinen Meisterschüler ab, erhielt Stipendien aus dem Else-Heiliger-Fonds (EHF), der Konrad- Adenauer-Stiftung, des Bundes und der Akademie der Künste Berlin für die Villa Serpentara, Olevano Romano (I). Er unterrichtet u.a. Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und realisierte private und öffentliche Kunst- und Bau-Projekte im In- und Ausland. Seine Arbeiten befinden sich in privatem und öffentlichem Besitz.
13. Mai 2024
Lesung: Bannmeilen. Ein Roman in Streifzügen

Anne Weber begibt sich in ihrem neuen Roman an den Rand: Wo die Stadt aufhört und die Vorstadt anfängt, ist in Paris klar markiert durch den Périphérique, den zu überschreiten Anne Webers Erzählerin bisher kaum in den Sinn gekommen ist. Denn was gibt es dort, in den Banlieues, außer einem Geflecht aus Schienen, Schnellstraßen und Autobahnen? Außer der so notorischen Not, Gewalt und Armut?
Als ihr alter Freund Thierry ihr jedoch vorschlägt, ihn für einen Film durch die Vorstädte des Départments Seine-Saint-Denis zu begleiten, muss sie sich eingestehen, dass sie für die nächste Nähe jahrzehntelang blind gewesen ist. Denn sie findet auf dieser Reise zu Fuß, ohne feste Route und auf vielen Umwegen durch die Banlieues vieles – vor allem das, was sie weder gesucht noch erwartet hätte.
Mit zärtlicher Ironie und großer Beobachtungsgabe öffnet sich Anne Weber in Bannmeilen dem Unvertrauten und Anderen. Dort lernt sie ihren Freund Thierry, der seine Identität als Sohn eines algerischen Vaters und einer französischen Mutter als „entre deux ailleurs“- zwischen zwei Woanders versteht, neu kennen. Sie entwirft damit nicht nur das Bild einer komplexen Freundschaft, sondern umkreist die großen gesellschaftlichen Fragen, wie die nach dem Ankommen oder der Vermittlung von Nebeneinander und Miteinander.
Anne Weber lebt als Autorin und Übersetzerin in Paris. Ihre Bücher wurden u.a. mit dem Heimito von Doderer-Literaturpreis, dem Kranichsteiner Literaturpreis und dem Johann-Heinrich-Voß-Preis ausgezeichnet. Für ihr Buch Annette, ein Heldinnenepos erhielt Anne Weber 2020 den Deutschen Buchpreis. Zuletzt: „Über gute und böse Literatur“. Korrespondenz über das Schreiben (Berlin 2022).
25. April 2024
Einsamkeit

Vorlesung zum 100. Jubiläum der ersten Vorlesung Romano Guardinis in Berlin.
Für Romano Guardini ist der Mensch von einer konstitutiven Polarität oder Dialektik durchzogen, die zwischen Ordnung und Chaos, Offenheit und Verschlossenheit, Vernunft und Gefühl, Wahrheit und Freiheit oszilliert, die in einer fruchtbaren Spannung zueinander stehen. Zu diesen Gegensätzen könnte man den zwischen Gemeinschaft und Einsamkeit hinzufügen, der im Mittelpunkt des Abends steht.
Prof. Dr. Dr. Isabella Guanzini ist Universitätsprofessorin für Fundamentaltheologie an der Katholischen Privatuniversität Linz und 2024/25 Guardiniprofessorin unternimmt den Versuch, die nicht nur obskure Seite der Einsamkeit zu beleuchten, sondern ihr humanisierendes und sozialisierendes Potenzial aufzuzeigen. Kann ein Zustand der Einsamkeit, ein room of one’s own, in den niemand eintreten darf, zum Ausgangspunkt der Entdeckung einer eigentlichen Zwischenmenschlichkeit werden?
19. April 2024
Von Eremiten und Heiligen – Körper und Glaubenspraxis

Warum fasziniert die Gebetspraxis in Klöstern oder von Eremiten uns noch heute? Welche Rolle spielt dabei das Verhältnis von Körper und Seele?
Seit einigen Jahren wird der Beteiligung des Körpers am Gebet mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Sowohl Körperhaltung und Atmung als auch die Sinneswahrnehmung gewinnen an Bedeutung, was unter anderem auf spirituelle Einflüsse aus dem ostasiatischen Raum zurückzuführen sein könnte. Aber auch in der Philosophie wird dem Körper eine Beteiligung an Erkenntnisprozessen zugestanden, was sich in Begriffen wie embodiment oder verkörperter Geist ausdrückt. Blickt man mit diesem Bewusstsein auf tradierte Gebetspraktiken wie die des Jesus- oder Herzensgebets, zeigt sich, dass die Einbeziehung des Körpers schon im 14. Jahrhundert unter Theologen Anlass zu folgenreichen Konflikten bot. Diese Gebetspraxis, die über Jahrhunderte vor allem in der orthodoxen Kirche gepflegt wurde, wird gegenwärtig in anderen christlichen Konfessionen wiederentdeckt.
Die Künstler gingen dieser Bewegung wie so oft voraus: So hat der Dadaist Hugo Ball bereits 1923 seinen persönlichen Rückblick auf drei Heilige aus der Frühzeit des Christentums in seinem Buch Byzantinisches Christentum veröffentlicht. Zwei von ihnen, Simeon Stylites und Johannes Klimakos, haben ihn besonders durch ihre asketische Glaubenspraxis verbunden mit dem Rückzug in die Wüste beeindruckt. In seiner religiösen wie künstlerischen Suchbewegung drückt sich die Sehnsucht des modernen Menschen nach innerer Ruhe und körperlicher wie geistiger Selbstbeherrschung aus.
In der Diskussion der Vorträge soll es darum gehen, wie sich die Neubewertung des Körpers auf eine heutige Glaubenspraxis auswirken kann. Inwieweit kann es dabei hilfreich sein, das Gebet als ein Wandlungsgeschehen zu verstehen, in das Körper und Seele miteinbezogen sind, als einen unaufhörlichen Prozess der Annäherung an Gott und der Gotteserkenntnis, der allen offensteht?
Zu den Vorträgen:
Die Lehre vom Gebet in den Werken des Heiligen Gregorios Palamas
Kostiantyn Mykhanchuk (Magister Theologiae, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt; Absolvent des orthodoxen Priesterseminars in Kiew)
Gregorios Palamas (1296-1359), einer der bedeutendsten orthodoxen Lehrer, ist bekannt für seine Apologie der monastischen Gebetspraxis des Hesychasmus. Kostiantyn Mychanchuk zeigt, dass verschiedene Aspekte seiner Lehre (u.a. die Lehre vom Wesen Gottes und seinem Verhältnis zu den göttlichen Energien, die Lehre vom göttlichen Licht, von der Gotteserkenntnis und der Gnade) mit der Gebetslehre verbunden sind. Dabei ist es ihm ein wichtiges Anliegen, die Gebetslehre nicht nur im Kontext des Streites um den Hesychasmus, sondern im Ganzen zu untersuchen.
Ein zentrales Element des Hesychasmus ist die Auffassung, dass nicht nur die Seele, sondern auch der Körper des Menschen an dem zur Gotteserkenntnis führenden Gebet beteiligt ist. Dies äußert sich in körperbezogenen Vorschriften, zu denen die Konzentration auf den Nabel und eine besondere Regulierung des Atems gehören. Diese Einbeziehung des Körpers steht im Gegensatz zur traditionellen (neu)platonischen Lehre, die den Erkenntnisvorgang als rein seelischen Prozess einstuft und den Körper als bloßes Hindernis wertet, das sich dem Aufstieg der Seele zur Schau des Göttlichen durch seine materielle Beschaffenheit widersetzt.
„Sein Fuß ruht in der Verwesung, sein Scheitel rührt an die Sterne.“
Hugo Ball und die Askese im frühen Christentum
Mirjam Wulff (Ev. Theologie, Humboldt-Universität zu Berlin; der Vortrag ist im Rahmen der Arbeit an ihrer Dissertation entstanden)
Als der Dada-Gründer und Künstler Hugo Ball 1923 sein Buch Byzantinisches Christentum veröffentlichte, erregte das die Aufmerksamkeit von Theologen wie Romano Guardini und Karl Holl. Anhand der Darstellung der Leben von Johannes Klimakos, Dionysius Areopagita und Simeon Stylites entwickelt Ball darin eine faszinierende Verschränkung von künstlerischem und religiösem Ideal. Die radikale asketische Praxis wird für ihn zum Vorbild für den Künstler, der wie die Heiligen und Eremiten in Form einer „Abartung nach oben“ nicht nur sein Sozialgefüge, sondern auch körperliche Bedürfnisse hinter sich lassen soll. Balls paradoxe Verschränkung der Betonung der Leiblichkeit einerseits und des Ideals des Verschwindens andererseits spiegelt dabei auch seinen eigenen biographischen Weg, der ihn aus der Welt der Großstädte in den Rückzug in die Schweizer Alpen führte. Rückzug, Konzentration, Selbstbeherrschung – viele der Themen, die Ball beschäftigten, finden sich auch in heutigen Diskursen wieder. Gerade Balls poetische Herangehensweise an seine Protagonisten eröffnet interessante Zugänge zu Fragen nach dem Verhältnis zwischen Körper, Tradition und religiöser Praxis.
Auf die Vorträge reagieren Sr. Mechthild Brömel OCD, Karmel Regina Martyrum Berlin, und Marina Sawall, Projektassistentin an der Katholischen Akademie in Berlin.
Im Anschluss sind Sie herzlich eingeladen, mit den Vortragenden zu diskutieren.
Unter dem Motto „Call for Thesis“ waren Absolventinnen und Absolventen aus Theologie, Philosophie, Religionswissenschaft und angrenzenden Disziplinen aufgerufen, ihre Abschlussarbeiten in der Katholischen Akademie in Berlin einzureichen. Die ausgewählten Arbeiten geben einen Einblick in die Vielfalt religiöser Aspekte in aktuellen universitären Abschlussarbeiten
Februar 2024
Lux Aeterna

Mit dem Titel LUX AETERNA stellt die Ausstellung sowohl das Licht als künstlerisches Medium als auch seine gleichzeitige Anwesenheit und Abwesenheit in den Mittelpunkt. Nur vier künstlerische Positionen stehen sich dabei gegenüber und überführen das „ewige Licht“ in ein Schwingen von Raum und Zeit.
Im Zentrum steht Peter Weibels Videoinstallation MEDIA MAY REWIND REALITY (Medien können die Realität zurückspulen) aus dem Jahr 1970 – eine posthume Hommage an den in diesem Jahr verstorbenen Künstler und sein außergewöhnliches Leben und Wirken. Das Video einer brennenden Kerze wird rückwärts abgespielt; die Kerze wächst allmählich, während eine physische Kerze, die auf dem Fernsehgerät platziert ist, langsam niederbrennt und schließlich erlischt. In einer Art Vanitas-Darstellung verschmelzen Unendlichkeit und Endlichkeit miteinander. Die brennende Kerze wird zu einem Lux aeterna.
In den Bildern von Mark Lammert geht es darum, wie Farbe sich mit dem Grund verbindet, wie sich schichtweise Übermalungen zu immer neuen Tönen formen, die Farbe Reliefs bildet, in denen sich das Licht reflektiert oder bricht. Es geht um die Hintergründe, die oftmals zu Vordergründen werden. Das ist Malerei im eigentlichen Sinne, die kein Mittel zum Zweck ist, sondern gleichsam der Zweck selbst. Lammert trägt Figurenfragmente, die sich als verdichtete Zeichnung lesen lassen, vor weißem oder schwarzem Hintergrund mit reicher Farbpalette auf, immer wieder übermalt, erweitert oder reduziert. Ihre Konturen sind teilweise scharf, teilweise unscharf. Wir haben es hier tatsächlich mit Effekten aus der Fotografie zu tun: Bildüberblendungen, Unschärfen, Verwackelungen. Das Bild erzählt vom Erscheinen, vom Zum-Vorschein-Kommen und Verschwinden, sowie von Verletzung und Zerstörung, ist Ziel und Fragment in einem. Es hat keine Erzählung, sondern ist „gestaltgewordene Wahrnehmung“ (Matthias Flügge). Mit Marc Rothko gesprochen: „Es ist nicht die Farbe, die mich interessiert. Es ist das Licht, das ich suche.“
Dagegen gehen Charlotte Dachroth und Ole Jeschonnek in ihrer Lichtinstallation BEINGLIGHT dem gleichzeitigen Sein und Nichtsein von Licht nach und verschieben so die Grenzen des Bekannten. Was ist Licht? Das Licht zeigt sich selbst als visuell erlebbare Materie. Es widerspricht erlernten Sehgewohnheiten und schwebt frei um die Quelle. Im Raum zeigt sich die materialisierte Helligkeit an unerwartetem Ort.
Inspiriert von und in der Auseinandersetzung mit Edward Youngs „Night-Thoughts“ und Novalis‘ „Hymnen an die Nacht“ schafft der Zeichner Christian Pilz vor dem Hintergrund der Frühromantik eigene subtile Welten. Er arbeitet mit dem Spiel von Hell und Dunkel, Tod und Leben, Licht und Schatten, Materie und Nichtmaterie. Seine mit Graphitstift gezeichneten Entwürfe – hier in der Ausstellung die „Eklipse“ – erwachsen zu parallelen Welten mit eigenen Gesetzmäßigkeiten, sie bilden selbst einen Kosmos.
23. Mai 2024
Kein Ende der Endzeit
2000 Jahre Warten auf den Untergang

Schon die ersten Christen fürchteten den baldigen Untergang der Welt. Die Rückkehr
Jesu sollte die alte Welt zum Einsturz bringen und dann das himmlische Jerusalem
herbeiführen. Ähnliches erhoffen die Juden vom Messias und die Muslime vom Mahdi.
Diese Furcht vor dem Untergang begleitet die europäische Geschichte seit 2000 Jahren:
von der Heiligen Hildegard zu Martin Luther, von den Wiedertäufern zu Oliver Cromwell
bis in die Gegenwart. Adventisten und Zeugen Jehovas sagten sogar Termine voraus.
Europa, in dem die Kirchen ihren Einfluss verlieren, scheint immer noch von religiösen
Haltungen geprägt. M0deriert wird die Veranstaltung von Andreas Öhler