Theologische Predigt | Der wohnungslose Gott

Theologische Predigt | Der wohnungslose Gott

Predigt: Pater Dr. Sebastian Mal SJ | 21. und 22. Mai 2022

Das Motto der theologischen Predigtreihe der Guardini Stiftung in diesem Sommersemester lautet „Das Herz muss lauter werden“. Es lehnt sich an einen Abschnitt aus Romano Guardinis Büchlein „Von heiligen Zeichen“:

„Wenn nun der Christ Gottes Haus betritt, dann [be]netzt er Stirn und Brust und Schulter, das heißt, sein ganzes Wesen mit dem reinen und reinmachenden Wasser, auf daß seine Seele lauter werde. Ist das nicht schön?“

Das Thema der Lauterkeit oder Reinheit der Seele oder des Herzens wird von Guardini also im Zusammenhang mit dem Betreten des Gotteshauses angeschlagen. Auch aus anderen religiösen Traditionen kennen wir Reinigungsrituale, die dem Menschen aufgegeben sind, bevor er das Haus Gottes betritt. Die Lauterkeit oder Reinheit seines Herzens bzw. seiner Seele ist Voraussetzung dafür, das Haus Gottes betreten zu können. Das Schöne daran, wie Guardini es hier ausdrücklich bezeichnet, ist, dass der Mensch nichts weiter tun muss als dieses Ritual zu vollziehen. Die Erinnerung an die Taufe allein reicht schon aus, dass die Seele lauter wird. Denn in der Taufe, glauben wir, ist dem Menschen schon alles mitgegeben, um das Haus Gottes betreten zu können.

Nicht immer wird es dem Menschen so leicht gemacht, sich zu reinigen, um Gottes Haus betreten zu können. Schon Jesus setzt sich mit übertriebenen Reinheitsvorschriften seiner Zeit auseinander. Und auch durch die Geschichte der christlichen Religion ziehen sich zweifelhafte Vorstellungen von Reinheit, meist einer Reinheit, die mit Sexualität zusammenhängt. Wer diese Reinheitsvorstellungen verletzt, der sollte dem Altar besser fernbleiben. Die Lehrmeinung, dass wiederverheiratete Katholik*innen nicht zur Kommunion gehen dürfen, weil sie in schwerer Sünde leben, bringt die These zum Ausdruck: Es gibt Befleckungen des Menschen, die er besser nicht vor das Angesicht Gottes trägt. Wie das wiederum zur Botschaft des Evangeliums passt, dass Jesus sich mit Sünder*innen umgibt, ihnen Vergebung zuspricht und mit ihnen speist, das ist für mich kaum zu verstehen. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich.

Es gibt aber noch eine andere Dimension der Reinheit oder Lauterkeit der Seele. Wir begegnen ihr im heutigen Evangelium, wo Jesus davon spricht, dass Gott und er gerne Wohnung bei uns nehmen wollen, sofern wir ihn, Jesus, lieben. Wir sollen, dürfen, können zur Behausung Gottes werden. Aber ist das nicht völlig unzumutbar? Jede*r, die/der mal einen Hausstand selber organisiert hat, weiß, dass selbst die kleinste Wohnung nie völlig sauber zu bekommen ist. Wie soll das erst mit unserem menschlichen Herzen gehen? Gerade, wenn wir daran denken, dass wir Menschen Meister*innen darin sind, gewisse Erinnerungen zu verdrängen oder Geschehnisse zu vergessen, die für unser Selbstbild eher unangenehm sind

– wie sollte sich Gott bei mir zuhause wohlfühlen? Zieht Gott nicht nur in ein reines, sauberes Herz?

Diese Frage ist wichtig und sie ist schon sehr alt. Die ersten Frauen und Männer, die in die Wüsten Ägyptens und Syriens gegangen sind, um dort Gott nahe zu sein, haben sich bereits diese Frage gestellt. Denn ihre Erfahrung war: Wenn es um mich herum still wird, dann merke ich viel deutlicher, was sich in mir bewegt. All meine Dämonen, die Stimmen, die mir sagen, dass ich nichts wert bin, meine Wut auf die Gesellschaft oder die, die mich in meinem Leben verletzt haben, meine Urteile über die Fehler anderer oder über meine eigenen Schwächen – all das wird in der überwältigenden Stille der Wüste viel besser hörbar. Das ist eigentlich zum Weglaufen. In der Wüste gibt es  kaum Möglichkeiten, sich abzulenken oder in etwas Angenehmen zu ergehen. Die Wüste konfrontiert mich mit dem, was in mir da ist. Und darin fühle ich mich selbst schon nicht zuhause. Wie soll es dann Gott?

Nicht alle, die in die Wüsten gingen, sind geblieben. Für die, welche die Herausforderung der Wüste annahmen, wurde es eine wichtige Erfahrung, dass es gerade auf das Aushalten, Dableiben, die stabilitas ankommt. Eine erfahrene Frau, die in der Wüste geblieben ist, Amma Syncletica, schreibt im 4. Jahrhundert mit Blick auf jemanden, der in ein Kloster in der Wüste eintreten will: „Wenn Du in ein Kloster gekommen bist, so ändere Deinen Aufenthalt nicht. Denn Du würdest davon größeren Schaden nehmen. Wenn der Vogel von seinen Eiern aufsteht, dann werden sie Windeier und unfruchtbar – so auch der Mönch: Wenn sie von Ort zu Ort wandern, erkalten sie und ersterben im Glauben.“1

Die Wüstenmütter und -väter lehren uns: Wer an seinem Ort bleibt; wer sich das Unaufgeräumte und Unansehnliche des eigenen Lebens zu Herzen nimmt, sich nahe gehen lässt und sehr viel Geduld mit sich hat – für diejenige/denjenigen wird die Wüste blühen. Blaise Pascal hat das in einem seiner Aphorismen, Gedankensplitter, so zum Ausdruck gebracht: „Wenn ich mir mitunter vornahm, die vielfältigen Aufregungen der Menschen zu betrachten, die Gefahren und Mühsale, denen sie sich […] aussetzen, woraus so vielerlei Streit, Leidenschaften, kühne und oft böse Handlungen usw. entspringen, so fand ich, dass alles Unglück der Menschen einem entstammt, nämlich, dass sie unfähig sind, in Ruhe in ihrem Zimmer zu bleiben. Niemand, der genug zum Leben hat, würde aufbrechen, um die Meere zu befahren oder eine Festung zu belagern, wenn er es nur verstünde, zufrieden zu Hause bleiben.“2

Natürlich wäre jede*r gerne ruhig und zufrieden bei sich selbst zuhause, wenn sich unser Herz oder unsere Seele in einem absolut sauberen, tiefengereinigten Zustand befände. Jesus selbst spricht im Lukasevangelium von so einem Zustand. Er erzählt, dass ein unreiner Geist, der aus einem Menschen ausgefahren ist, ruhelos umherschweift und sich dann entscheidet, in sein Haus zurückzukehren, aus dem er ausgefahren ist. Wenn er dann zurückkommt findet er den Menschen bzw. das Haus gefegt und geschmückt. Und sieht das als Einladung noch andere Geister zu holen, die dann einziehen. Um den Menschen steht es am Ende schlimmer als vorher.3 Das klingt paradox. Gerade hat man im geistlichen  Leben einen Fortschritt gemacht, hat eine negative Seite seiner selbst besiegt, fühlt sich wie frisch gewaschen – und dann kommt alles noch schlimmer? Jesus spricht hier etwas Wichtiges an: Das Gefühl von Reinheit, Lauterkeit, Vollkommenheit zu suchen, spirituelle Heldenleistungen zu feiern, das kann schlimme Folgen haben. Denn nicht die Reinheit unseres Herzens ist das Ziel, sondern dass Gott bei uns Wohnung nimmt.

Und das ist eben die Erfahrung der Wüstenmütter und -väter, dass Gott nirgendwo anders wohnen will, als dort, wo ich am liebsten sofort ausziehen würde, wenn ich könnte: in den toten und verlassenen Zonen meiner Seele. So wurde die Wüste in der Geschichte der christlichen Spiritualität zum Sinnbild genau dafür, dass Gott mit all dem Unsauberen und Unvollkommenen unseres Herzens viel weniger Schwierigkeiten hat als wir Menschen selbst. Gott bei mir wohnen zu lassen und bei mir selbst beheimatet sein zu können – das sind zwei Seiten einer Medaille. Sich selbst zu lieben oder bei sich beheimatet zu sein, das ist alles andere als einfach. In der Logik unseres Glaubens darf ich darauf vertrauen, dass ich mich selbst lieben und annehmen kann, indem ich auf Gott schaue, ihn liebe. Die Annahme meiner selbst wächst nicht, indem ich mich anstrenge, mich trotz allem selbst zu lieben.

Wenn ich nur auf mich schaue, meine spirituellen Fortschritte, meine vielen Verletzungen oder meine vielen Fehler, die sich nicht einfach ändern lassen, dann wird sich schwerlich etwas bewegen. Wenn ich von mir weg auf Gott schaue, dann kann sich etwas verändern. Ihm die Haustür auftun. Den Rest macht er dann selbst.

Davon spricht auf wunderbare Weise ein Text der amerikanischen Ordensschwester Margaret Halaska, den ich mit ihnen teilen möchte:

Der Vater klopft an meine Tür.
Er sucht ein Zuhause für seinen Sohn.
Die Miete ist günstig, sage ich.
Ich will nicht mieten, ich will kaufen, sagt Gott.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich verkaufen will,
aber Du kannst gerne hereinkommen und Dich umschauen.

Ich glaube, das werde ich tun, sagt Gott.
Ich könnte Dir ein oder zwei Zimmer überlassen.
Es gefällt mir, sagt Gott, ich nehme zwei.
Du kannst Dich entscheiden, mir eines Tages mehr zu geben.
Ich kann warten, sagt Gott.
Ich würde Dir gerne mehr geben,
aber es ist ein bisschen schwierig. Ich brauche einigen Platz für mich.

Ich weiß, sagt Gott, aber ich werde warten. Mir gefällt, was ich sehe.
Hm, vielleicht kann ich Dir noch einen weiteren Raum überlassen.
Ich brauche wirklich nicht so viel.

Danke, sagt Gott, ich nehme es gerne. Mir gefällt, was ich sehe.
Ich würde Dir gerne das ganze Haus geben. Aber ich bin mir nicht sicher…
Denk‘ drüber nach, sagt Gott, ich würde Dich nicht auf die Straße setzen.
Dein Haus würde meines sein und mein Sohn würde darin leben.
Du würdest mehr Platz haben als Du jemals zuvor hattest.
Das verstehe ich nun gar nicht.
Ich weiß, sagt Gott, aber ich kann Dir darüber nicht mehr sagen.
Du musst es für Dich selbst entdecken.
Das kann nur passieren, wenn Du ihm das ganze Haus überlässt.
Ein bisschen riskant, sage ich.
Ja, sagt Gott, aber probier es aus.
Ich weiß nicht…
Ich werde Dir Bescheid geben.

Ich kann warten, sagt Gott. Mir gefällt, was ich sehe.

Liebe Schwestern und Brüder, der Text zeigt noch etwas anderes: Es ist nicht leicht, Gott bei sich wohnen zu lassen. Nicht nur, weil es zuhause nicht reinlich ist. Sondern weil Gott anspruchsvoll ist: Er will überall einziehen. Und das bedeutet auch, dass ich Kontrolle abgebe, nicht mehr alleine der Hausherr oder die Hausherrin bin. Es könnte sein, dass sich mein Leben verändert. Dass mir eine neue Freiheit zuwächst, ein Mensch für andere zu sein, dass ich anderen plötzlich vergeben kann, dass ich im Gespräch mit Jesus darum ringe, was es heißt, ihm nachzufolgen, dass ich neue Freude an genau diesem, meinen Leben entdecke.

Diese mögliche Veränderung, sie kann auch abschrecken. Aber Gott wartet. Er respektiert unsere Freiheit. Er ist hier der Wohnungslose. So unbehaust wir Menschen auch durch diese Welt gehen: Der Gott Israels und der Gott Jesu, dieser Gott ist noch viel obdachloser. Er kommt uns nicht nur in den vielen Menschen entgegen, die tatsächlich auf der Straße leben. Nein, er selbst sucht in einer Art und Weise nach uns, die uns unheimlich vorkommen kann. Die jüdische Philosophin Simone Weil hat das auf unnachahmliche Weise auf den Punkt gebracht: „Gott wartet geduldig, dass ich endlich einwillige, ihn zu lieben. Gott wartet wie ein Bettler, der reglos und schweigend vor jemandem steht, der ihm vielleicht ein Stück Brot geben wird. Die Zeit ist das Warten Gottes, der um unsere Liebe bettelt.“ Es ist kaum zu glauben: Gott findet uns Menschen, ja seine ganze Schöpfung unendlich anziehend. Die Taufe erinnert uns daran, dass wir nichts mehr dazu tun müssen. Wir sind für Gott genau richtig, auch wenn noch vieles unrein und unvollkommen ist. Wenn wir uns immer wieder daran erinnern, wenn wir beim Betreten einer Kirche vom Weihwasser nehmen und ein Kreuzzeichen machen, dann ist dieses Ritual, wie Guardini schreibt, schön, ja wunderschön. Amen!

1 Apophtegmata Patrum (et Matrum ;-) ), Nr. 897.
2 Blaise Pascal, Pensées, Nr. 139.
3 Vgl. Lk 11,24-26.

Foto & Grafikdesign Anja Matzker

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