Stadt und Religion

Ein Projekt der Guardini Stiftung zum überkonfessionellen Zusammenleben in den Städten

gefördert vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI)

(Teil des Programms 8 TORE 8 Chiffren zum Dialog von Urbanität und Religion)

Projektbeschreibung

Das Zusammenleben in den Städten verändert sich: Die Dichte und Vielfalt der verschiedenen sozialen und kulturellen Hintergründe stellen neue Anforderungen an die urbanen Gemeinschaften. Städtische Räume und Architekturen haben eine prägende Wirkung für die Selbstwahrnehmung der darin sich bewegenden Menschen und für die Struktur des sozialen Gefüges. Stadtgestaltung und Stadtentwicklung besitzen daher eine kaum zu überschätzende Bedeutung für gesellschaftliche Entwicklungen.

Auch Religionsgemeinschaften können zum Funktionieren und zur Entwicklung des sozialen, kulturellen und politischen Gefüges in der Stadt entscheidend beitragen. Diese eigentlich selbstverständliche Annahme wurde in vielen Diskussionen während der vergangenen Jahrzehnte vernachlässigt bzw. unter negative Vorzeichen gestellt (z. B. Abwehr der architektonischen „Dominanz“ von Moscheen). Das Projekt möchte die vielen Ansätze einer sich wandelnden Einschätzung der Religion(-en) für das Gelingen des Zusammenlebens in den Städten wie auch für unser Erleben des städtischen Raumes aufgreifen und neue Perspektiven für das Zusammenspiel von Religion und Urbanität entwickeln.

Lange Zeit galt die These Stadt = Modernität = Säkularismus in der westlichen Welt als unumstößlich. Dennoch spielen religiöse Überzeugungen immer noch – und zunehmend – eine entscheidende Rolle für die globalisierte Welt und deren städtische Brennpunkte. Für eigentlich alle Religionsgemeinschaften stellt das Phänomen der „Verstädterung“ eine große Herausforderung dar: Sie sehen sich konfrontiert mit einer Pluralität von Lebensentwürfen, auch und gerade mit einer Pluralität von religiösen Überzeugungen, und müssen sich in der schnell sich verändernden Lebenswelt der Stadt immer wieder neu verorten, d.h. Position zu den sich aufdrängenden Fragen der Gegenwart beziehen. Gerade von den christlichen Kirchen wurde die Großstadt in der Vergangenheit oft ausschließlich als Bedrohung des Glaubens empfunden. Aber die Städte sind stets auch Orte der Veränderung und der Neuorientierung gewesen – und sie sind es heute vielleicht mehr als je zuvor. Galt etwa Berlin in der Religionssoziologie lange als eine Art „Welthauptstadt des Atheismus“, so entspricht dies immer weniger der Lebensrealität einer Stadt, deren Gefüge von etwa 250 verschiedenen Religionsgemeinschaften geprägt wird.

Weltweit gilt es zu konstatieren, dass die Gleichsetzung von Urbanität, Modernität und Säkularismus fraglich geworden ist bzw. stärker differenzierenden Perspektiven weicht. Zum einen sind es Zuwanderer und Migranten (keineswegs nur muslimische), die ihre Glaubensüberzeugungen mit in die westeuropäischen Großstädte bringen. Zum anderen lässt sich, etwa in den großen Städten Lateinamerikas, aber auch weit darüber hinaus, ein Erstarken religiöser Bewegungen beobachten, etwa evangelikaler Gemeinschaften, die heute — noch vor dem Islam — die weltweit am stärksten wachsende religiöse Bewegung sind. Auch in Europa lassen sich deutliche Mentalitätsveränderungen feststellen in einem Umfeld, das häufig als „post-säkular“ beschrieben wird. Das Spannungsfeld von Religion und Urbanität ist vielschichtiger und widersprüchlicher, als es noch vor wenigen Jahren schien. Dazu trägt auch bei, dass „religiöse Angebote“ individueller und schneller wechselnd wahrgenommen werden.  Für die verschiedenen Religionen bzw. Konfessionen ergeben sich daraus grundlegende Veränderungen, die gewachsene Strukturen infrage stellen, aber auch neue Chancen eröffnen.

Wie sich die verschiedenen Glaubensrichtungen diesen neuen Herausforderungen stellen, ist eine inner-religiöse bzw. innerkirchliche Frage, die nur die einzelnen Religionsgemeinschaften selbst beantworten können. Im Mittelpunkt des hier vorgestellten Programms steht die gesamtgesellschaftliche Dimension dieser Veränderungen:


Diesen drängenden Fragen will sich die Guardini Stiftung an einem paradigmatischen Ort wie Berlin stellen. Das Vorhaben ist getragen von der Annahme, dass religiöse Fundierung


Gleichwohl soll und muss hierbei natürlich berücksichtigt werden, dass jede Religion für sich auch neue Verwerfungen und Konfliktfelder mit sich bringt – vor allem dann, wenn sie allein auf Identitätsbildung reduziert wird oder gar Exklusivität für sich beansprucht. Ebenso ist auch die Interaktion von Religionen mit der säkularen Welt alles andere als konfliktfrei. Kennzeichnend sind hier vielfach Prozesse von „Einkapselungen“: Während sich Religionen moderner Instrumente bedienen (Technik, Soziale Medien, Werbepsychologie), werden spezifisch religiöse Gehalte aus ihrer originären Bedeutung herausgerissen und als fundamentalistische Versatzstücke in säkulare Konzepte (politische Ideologien und ökonomische Strategien) eingeschlossen. Gerade in den großen Städten, wo „profane“ Orte des Konsums und des Erlebens neben „sakralen“ Orten der Sinnstiftung koexistieren, wo identitätsbildende Museen und spektakuläre signature buildings eine neue, teils religiös konnotierte Topografie schaffen, werden sich Religionen in der Auseinandersetzung mit einer vielgestaltigen und durchaus kontroversen Umgebung bewähren müssen. Eben hier, wo es ständig zu Vereinnahmungen und Grenzverschiebungen kommt, wird sich erweisen, welche spezifischen Kräfte gesellschaftliche Gruppen wie NGOs und soziale Initiativen, aber eben auch die Religionen und Glaubensgemeinschaften für das Gelingen oder Scheitern des Zusammenlebens in der Stadt bereithalten können.

Religiöses Leben in der Stadt hat stets die Tendenz, das urbane Umfeld transzendent zu interpretieren: Es soll „mehr“ sein als der vollkommene ästhetische Ausdruck der globalen Finanz- und Warenströme, „mehr“ als der Illusionszauber (bzw. die Tristesse) endloser Megacommunities, „mehr“ als eine bloße Spiel- oder Kampfzone. Das Projekt will dieses „Mehr“ in seinen zentralen Facetten beleuchten – symbolisch verdichtet in Anlehnung an die markantesten Orte Berlins, die als Stadt wie wenige andere sowohl für die modern-säkulare Lebenswelt wie auch für Religion(-en) in ihren vielfältigsten Ausprägungen steht. Die Impulse, die sich aus diesem Vorhaben ergeben, haben das Potential, neue Ansätze für die zukünftige Gestaltung interreligiöser und interkultureller Urbanität zu gewinnen.   

Projektziele

Das Projekt versucht einen Querschnitt der Vielgestaltigkeit des religiösen Lebens in den Städten aufzuzeigen. Es beschäftigt sich dabei nicht nur mit der Frage, wie und auf welche Weise religiöse Gemeinschaften in großstädtischen Lebenswelten ihre Identität finden oder bewahren können, sondern wagt sich an eine grundsätzliche Bestimmung dessen, was der Beitrag religiöser Überzeugungen und religiöser Gemeinschaften zum Leben in den Städten sein kann und wie Tradition und Gegenwartsbezug religiösen Lebens integrative Kraft entfalten können.

Dies ist von grundsätzlicher Bedeutung angesichts der Tatsache, dass schon in weniger als einer Generation 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, zumeist in Agglomerationen von enormen Ausmaßen, leben werden. Die zwangsläufig daraus resultierende Nähe einer Vielzahl von unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen wird zunehmend neue Anforderungen an Gesellschaften herantragen, die ihre Ausdrucksformen und Handlungsräume wesentlich im städtischen Leben definieren.

Das Projekt soll eine gesamtgesellschaftliche Perspektive auf die verschiedenen Religionen und Konfessionen in ihrer Auseinandersetzung mit Fragen der Urbanität ermöglichen. Es ist insofern ausdrücklich inter-religiös und komparativ. Gleichwohl ist für ein Projekt der Guardini Stiftung, die sich seit vielen Jahren in Berlin erfolgreich für Fragen der Ökumene und des Dialogs von Kunst, Wissenschaft und Glauben engagiert, natürlich insbesondere das Umfeld der beiden großen christlichen Kirchen wichtig. In diesem Umfeld besteht eine Reihe von langjährigen und bewährten Kontakten, die dem Projekt förderlich sein werden. Auch ist im Hinblick auf das Thema des Projekts von besonderer Bedeutung, dass gerade die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland selbst wichtige Akteure für Stadtgestaltung und Stadtplanung sind. Die christlichen Kirchen prägen die meisten deutschen Stadtzentren und sind somit an exponierter Stelle mitentscheidend dafür, wie Urbanität erfahren wird. Zugleich haben die Kirchen nicht nur durch Bauten wie Gemeindezentren oder multifunktional genutzte Versammlungsräume, sondern auch durch die vielen kirchlichen oder kirchlich orientierten Wohnungs- und Immobilienunternehmen einen erheblichen Einfluss darauf, wie Stadtentwicklungspolitik gestaltet werden soll. Auch in dieser Hinsicht kann das Projekt neue Impulse geben.  

Exemplarisch von Berlin ausgehend, setzt das Projekt „Stadt und Religion“ bei der Idee eines Dialogs der Religionen mit der Stadt der Zukunft an. Untersuchungsfelder sind:


Das Projekt orientiert sich dabei an folgenden grundsätzlichen Fragekomplexen:


Wie positionieren sich einzelne Glaubensgemeinschaften zu den Herausforderungen eines zukünftigen Lebens in den Großstädten? Was können ganz konkret die beiden großen christlichen Kirchen zur zukünftigen Stadtentwicklung beitragen?

Abb.: Detail aus: Rehav Rubin, Image and Reality, Jerusalem 1999, S. 28



Ein Projekt der Nationalen
Stadtenwicklungspolitik.
Gefördert durch das 
Bundesministerium des
Innern, für Bau und Heimat


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