Rückblick | Exkursionsreihe "Ortsbekenntnis - Bekenntnisorte" 1/6 

Im Mai und Juni 2018 hat die Exkursionsreihe „ORTSBEKENNTNIS – BEKENNTNISORTE“ mit großem Erfolg ihren Auftakt gefeiert. Die Reihe ist Teil des vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) geförderten Projektes „Stadt und Religion“. Ziel ist es, zu erkunden, wie die Gemeinschaften ins Stadtgefüge verwoben sind und dieses nicht nur religiös, sondern auch sozial, politisch, kulturell und städtebaulich prägen. Religion ist nicht nur Theologie; Religion erzeugt – wie der lateinische Begriff religio schon sagt – Gemeinschaft; sie ist Kultur und übt Einfluss auf die Gesellschaft aus. Jede Gemeinde und jede Gemeinschaft hat ihren Ort innerhalb des Stadtgefüges, zu dem sie sich sowohl symbolisch als auch real bekennt und bekennen muss. Gerade an einem Ort wie Berlin sind religiöse Gemeinden täglich mit andersgläubigen und nicht-gläubigen Nachbarn konfrontiert und gehen mit diesen zum Teil sehr gelungene Kooperationen ein. Dazu gehören u. a. die gemeinsame Nutzung von Räumlichkeiten, die Realisation sozialer Projekte und sogar das gemeinschaftliche Gebet. So entwickeln sich trotz offenkundiger Probleme überall in Berlin auch modellhafte Formen eines funktionierenden Austausches im toleranten und produktiven Miteinander, die in positiver Weise das Stadtgefüge beeinflussen. Im Rahmen der Exkursionsreihe soll erkundet werden, wie Religionsgemeinschaften sich nicht nur zu ihrem Glauben, sondern auch zu ihrer Verortung in der Stadt bekennen.

Zur ersten Exkursion lud die Guardini Stiftung am 5. Mai 2018 in die St. Adalbert-Kirche in der Spandauer Vorstadt (Berlin Mitte) ein. Die St. Adalbert-Kirche gehört zur Berliner Herz-Jesu-Gemeinde und wird unter anderem von der internationalen Gemeinschaft mit ökumenischer Berufung Chemin Neuf betrieben. Die Gemeinschaft möchte in den Räumlichkeiten, die zur Kirche gehören, ein ökumenisches Zentrum mit integriertem Studentenwohnheim realisieren, in dem „aus dem anonymen Nebeneinander ein Miteinander werden kann“ (Broschüre „Geist für die Metropole. Das Projekt St. Adalbert in Berlin“). Im Rahmen des Projekts soll auch die Kirche selbst renoviert werden. Die Entwürfe liegen bereits seit vielen Jahren vor; die Gemeinschaft wirbt derzeit um die nötigen finanziellen Mittel. In architektonischer und städtebaulicher Hinsicht eignet sich die in einem Hinterhof zwischen der Torstraße und der Linienstraße gelegene Kirche St. Adalbert bestens für ein solches Bauvorhaben; in unmittelbarer Nähe zur Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, zum Theologischen Konvikt, aber auch zur Hedwigskathedrale und zum Bernhard-Lichtenberg-Haus gelegen befindet sie sich inmitten des Herzens der Stadt. Zugleich wäre die Realisierung des Bauprojektes eine wirksame Maßnahme gegen die zunehmende Gentrifizierung des Stadtteils Mitte. All diese Aspekte machten die St. Adalbert-Kirche zu einem idealen Ort für den Auftakt der Exkursionsreihe. Nach der Eröffnung der Veranstaltung durch Projektleiter Dr. Ludger Hagedorn führte die evangelische Schwester Michaela Borrmann (Chemin Neuf) die Gruppe über den Hinterhof in den Kirchenraum. Dort berichtete Dr. Joachim Natterer, Mitglied des Vorstandes der Herz-Jesu-Gemeinde, von der Einbindung St. Adalberts in die Gemeinde. Schwester Michaela referierte über die Geschichte der internationalen Gemeinschaft und die soziale Arbeit mit Menschen aus aller Welt, insbesondere über Projekte im Raum Berlin. Das Architektenpaar Welp erläuterte die architektonischen Gegebenheiten des Ortes und, anhand eines Modells, das Bauvorhaben. Auch Überlegungen für die geplante Renovierung und Restauration der Kirche selbst kamen zur Sprache. Pater Serge, Pfarrer der Gemeinde, schilderte sehr persönlich die Eindrücke, die er in Berlin zum Thema „Stadt und Religion“ sammeln konnte. Die Gäste hatten schließlich Gelegenheit, die Örtlichkeit allein zu erkunden, bevor sich alle erneut zusammenfanden, um weitere Fragen zu den Bauvorhaben der Gemeinde wie auch zu ihrer Verankerung in der Nachbarschaft zu diskutieren. Das Gespräch wurde danach im Hof vor der Kirche individuell fortgeführt. Es gab zahlreiche und positive Rückmeldungen zu dieser ersten Veranstaltung.

Die zweite Veranstaltung fand bei der Synagogengemeinde Sukkat Schalom in Berlin Charlottenburg statt. Unter dem Titel „Drei Generationen – Ein Gemeindezentrum“ lud die Guardini Stiftung am 2. Juni 2018 in die Räumlichkeiten der Gemeinde ein und wurde dort von Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama empfangen, der zudem Direktor der Stiftung Topographie des Terrors ist. Unter den Berliner Synagogengemeinden ist Sukkat Schalom sicher nicht die bekannteste, aber vielleicht die mit der bewegtesten Geschichte. Sie wurde nach der Landung der Alliierten 1945 von jüdischen Militärchaplains ins Leben gerufen. Nachdem die Gottesdienste zunächst in einer Villa in Zehlendorf abgehalten wurden, zog die vom amerikanischen Reformjudentum geprägte Gemeinschaft bald ins nahegelegene Chaplain Center im Hüttenweg um. Bis 2013 teilte sie sich dort mit einer evangelischen und einer katholischen Gemeinde die Räumlichkeiten. Vor jedem Gottesdienst musste der Raum entsprechend umgebaut werden. Sukkat Schalom – fünf Jahre nach dem Abzug der Alliierten ohne Militärchaplains wiedergegründet – erlebte dies als eine gute Nachbarschaft und Zusammenarbeit mit den christlichen Gemeinden. Das „interreligiöse Zentrum“ im Chaplain Center musste dennoch vor einigen Jahren aufgrund von Problemen mit dem Mietvertrag geschlossen werden. Noch immer gibt es Pläne, gemeinsam mit den anderen Gemeinden in den Hüttenweg zurückzukehren und durch Umbaumaßnahmen einen Ort für die religiösen und sozialen Bedürfnisse aller Beteiligten zu schaffen. Währenddessen entsteht allerdings in Charlottenburg ein jüdisches Mehrgenerationenprojekt. Die Gemeinde nutzt inzwischen die Synagoge des jüdischen Altenpflegeheimes. Demnächst soll ein außerdem jüdischer Kindergarten in den Räumlichkeiten eingerichtet werden.

Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama, der auch Jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit ist, berichtete von der Verortung der Gemeinde in der Stadt, den Beziehungen zu anderen Synagogengemeinden, aber auch zu anderen Religionsgemeinschaften.  Nachama erläuterte den Unterschied zwischen orthodoxem Judentum und reformierten Strömungen und die dazugehörigen religiösen Praktiken. Die Journalistin und Publizistin Claudia Keller referierte danach über die besondere Geschichte der Gemeinde. Sie ist Autorin der in der Reihe „Jüdische Miniaturen“ erschienenen Publikation „Sukkat Schalom. Soldaten, Agenten und ein Neuanfang: Wie das liberale Judentum nach Berlin zurückkehrte“.

Die dritte und letzte Veranstaltung der Exkursionsreihe im ersten Halbjahr 2018 fand genau eine Woche später, am 9. Juni, in der St. Eduard-Kirche im Kranoldkiez in Neukölln statt, wo auch das Internationale Pastorale Zentrum Berlin seinen Sitz hat. Das IPZ ist eine Einrichtung des Erzbistums Berlin. In den Räumlichkeiten von St. Eduard befinden sich außerdem die Beratungsstelle Solwodi e. V., eine „überparteiliche und überkonfessionelle Hilfsorganisation für Migrantinnen und geflüchtete Frauen in Notsituationen und Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel und anderen Formen von frauenspezifischer Gewalt, Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen“ (zitiert von https://www.solwodi-berlin.de/, zuletzt gesehen am 18.06.2018) sowie die Bildungsstätte JACK für Migrantinnen und Flüchtlinge. Im Kiez leisten die in St. Eduard ansässigen Organisationen wertvolle soziale Arbeit, profilieren sich als Integrationshelfer und setzen sich für die Belange ihrer Gemeindemitglieder und anderer Menschen auf der Suche nach Halt ein.

Klaudia Höfig, die Leiterin des Internationalen Pastoralen Zentrums, berichtete im Rahmen der Veranstaltung von einem Verständnis von Kirche, das eine prinzipielle Durchlässigkeit und Offenheit für die Welt ermögliche. Zugleich wolle man einen Schutzraum für diejenigen schaffen, die schutzbedürftig sind. Pfarrer Martin Kalinowski ergänzte und berichtete über die architektonische und städtebauliche Geschichte von St. Eduard und das Patronat der Kirche. Schließlich bereicherte Frau Dr. Susanna Kahlefeld, Mitglied der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus und seit vielen Jahren als Politikerin vor Ort engagiert, die Veranstaltung mit ihrer politischen Expertise hinsichtlich der Probleme und Chancen im Stadtteil Neukölln.

Grafikdesign: Anja Matzker | Abb. Detail aus: Rehav Rubin, Image and Reality, Jerusalem 1999, S. 28 | Fotos: Patricia Löwe und Henriette Gängel



Ein Projekt der Nationalen
Stadtenwicklungspolitik.
Gefördert durch das 
Bundesministerium des
Innern, für Bau und Heimat

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