DEKALOG-Literatur
Siebtes Gebot

DU SOLLST NICHT STEHLEN

 

Vielleicht stiehlt man, was einem zusteht, vielleicht stiehlt man, um ganz einfach zu überleben – ist das überhaupt Diebstahl? Vielleicht enthält man die Liebe vor, auf die jemand dringlich wartet – doch gibt es ein Recht auf Liebe? Vielleicht stiehlt man aus Übermut und Langeweile – und doch kann daraus etwas ganz Besonderes erwachsen. Gerade die Literatur weiß davon zu berichten. Oft ist da nur eine diffuse Ahnung, wem eigentlich was »gehört« oder was uns vorenthalten wird. Und doch könnte viel auf dem Spiel stehen: denn worüber anmaßend verfügt wird, sind Freiheit und Identität des anderen Menschen.

Für das DEKALOG-Projekt suchen zeitgenössische Autoren eigene Zugänge zu den biblischen Geboten und kommen zu überraschenden Antworten. 

Alle Texte sind im Mai 2017 unter dem Titel DEKALOG HEUTE – 21 literarische Texte zu 10 Geboten im HERDER Verlag erschienen:http://www.herder.de/religion-theologie-shop/dekalog-heute-gebundene-ausgabe/c-25/p-10347/

 

»DENN ICH STAHL, WAS ICH IM ÜBERFLUSS BESAß« (Augustinus, Confessiones)

10. Mai 2016 um 19 Uhr
Neue eigene Texte zum Siebten Gebot
Es lesen die Autoren
Yoko Tawada und Christian Lehnert

Moderation: Dr. Ludger Hagedorn

Veranstaltungsort: Guardini Galerie 


9. Juni 2016 um 19 Uhr
Texte von Yoko Tawada und Christian Lehnert 
gelesen von Lydia Starkulla 

Leah Muir, »DAS SIEBTE GEBOT«

Ausführende:
Irene Kurka, Sopran
Matthias Badczong, Bassklarinette
Lothar Knappe, Orgel
Vokalensemble Kammerton | Leitung: Sandra Gallein


Veranstaltungsort: St. Matthäus-Kirche

 

Aus dem Text von Christian Lehnert:

Der Käfer am Werktor

„Du sollst nicht stehlen!“ Ach, ich bin ein schlechter Zeuge für dieses Gebot! Eine Gewissenserforschung, das Befragen des eigenen moralischen Zustands mittels dieses biblischen „Du sollst!“ saust durch mein Inneres wie ein Bohrer durch morsches Holz. Bang betrachte ich meine mürbe Konstitution in Sachen Eigentumsgrenzen und gelobe, mich auch jetzt genau zu prüfen.

Diese Unsicherheit hat ihre Gründe in meiner Herkunft. Lange hatte ich als Kind eine ganz verworrene Vorstellung von dem, was das Wort „Diebstahl“ meinte. Ich wuchs in Dresden in den 1970-er Jahren in einem Wohnblock auf, der mit drei identischen anderen einen quadratischen Hof umschloß. Die Wohnungen hatten alle den gleichen Grundriß. Das zwang die Mieter zu einer normierten Einrichtung. Beim Nachbarn gab es dinglich nichts zu begehren, besaßen hier doch alle mehr oder weniger dasselbe – insofern das Verb „besitzen“ so noch richtig verwendet ist. Zudem war ich überzeugt von einer quasi naturgesetzlichen Entlarvung und Bestrafung eines jeden, der lange Finger machte. Und das kam so: Als Schüler der dritten Klasse verbrachten wir einen Vormittag im Monat in einem nahen Transformatorenwerk, damit wir früh die sozialistische Produktion kennenlernten. Eines Morgens, als ich am Werktor wartete, sah ich, wie ein fülliger Mann schwer schnaufend aus der Lagerhalle trat. Er schwankte, hielt sich aber doch aufrecht, nahte taumelnd dem Ausgang, Schritt für Schritt in breitbeiniger Anstrengung. War er betrunken? Er kam bis vor das Pförtnerhäuschen, als ihm ein kleiner Kiesel unter den rechten Fuß geriet, wegrollte und ihn ins Straucheln brachte. Er fiel um, rücklings, und so blieb er liegen. Ich dachte erst, er sei bewußtlos, aber dann wand er sich plötzlich, krümmte sich, krabbelte mit Händen und Füßen in der Luft wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen war. Es half nichts, er kam nicht hoch. Der Pförtner kam zu Hilfe, dazu ein besorgter Passant. Aber es gelang ihnen auch zu zweit nicht, dem Mann auf den Beine zuhelfen. Er schien von einer plötzlichen Schwerkraft erfaßt, die ihm ein bleiernes Gewicht gab. Endlich schrie auf, bäumte sich verzweifelt hoch, schlug dann zurück aufs Pflaster und blieb still.  

Ein Sanitäter wurde gerufen. Der dicke Mann wurde entkleidet. Es zeigte sich, daß sein Gebrechen nichts für das medizinische Fach war. Er trug Unmengen Kupferkabel um den Bauch gewickelt. Diese Schuld aber hatte ihn an den Boden gefesselt.

Was wollte er mit den gestohlenen Kabeln? Sicher wollte er sie tauschen gegen Zement, den der Nachbar brauchte, der ihm dafür Zündkerzen für den Wartburg geben würde, die sein anderer Nachbar in der Gartenkolonie brauchte, der ihm dafür eine Rinderzunge versorgen würde, die er dem Klempner schenken würde, damit dieser ihm endlich ein defektes Heizungsventil reparierte... Ich war als Kind beeindruckt von einer wortlos strafenden Natur und frage mich heute: War das eigentlich wirklich ein Diebstahl? 

Aus dem Text von Yoko Tawada:

Eine Woche später steht Paula vor der Haustür. In ihrem Brief hatte sie uns den Eindruck gegeben, eine bedürftige Frau aus der Provinz zu sein. Aber die Frau, die vor uns steht, hat modisch geschnittene Haare und ein neues Oberteil aus Leinen, auf dem das Wort „preisintensiv“ steht. Es ist seltsam, dass man eine Frau, der man helfen wollte, zu hassen beginnt, wenn sie nicht elend genug aussieht.

Paula sagt, sie sei Hochschuldozentin. Das Wort „Politologie“ spricht sie lässig aus, wie „Polyester“. Beim Kaffeetrinken erzählt sie, dass sie auf dem Weg hierher einen Abstecher ins Kunstmuseum gemacht habe, da es gerade eine Ausstellung über „meisterhafte Fälschungen“ gebe. Nachdem sie über genial gefälschte Picassos, da Vincis und Mirós erzählt hat, macht sie sich lustig über ihre Kolleginnen, weil sie jedes Mal brav den Eintritt für Museen bezahlen.

„So etwas galt früher als spießig. Aber heute sind sogar die Künstler gehorsam und machen alles, was ihnen die Behörden sagen.“

„Hast du den Eintritt nicht bezahlt?“

„Nein. Die Kunst muss frei sein. Ich bin durch den Hintereingang in die Ausstellung geschlichen.“

Mir fällt ein Freund in Ostberlin ein, der seit der Wende schwarzfährt, weil er nicht einsieht, dass die Fahrt plötzlich das Zehnfache kostet. Er fahre schwarz für die Gerechtigkeit.

„Wir müssen die Wiedervereinigung aus der eigenen Tasche zahlen, ihr nicht. So weit entfernt von der Grenze, habt ihr von der neuen Völkerwanderung gar nichts mitbekommen. Denkt an unsere Arbeitslosen! Sie haben Angst, dass die neuen Bürger ihnen alles wegnehmen“

sagt Paula. Ich huste und frage:

„Ein Arbeitsloser kann keine Arbeit verlieren. Das Problem gab es also schon vor der Wende.“

Ein kaltes Lächeln macht Paulas Gesicht hell. Anscheinend freut sie sich über die kleine Denkaufgabe.

„Wer nichts hat, dem wird zuerst alles weggenommen.“

„Ach ja, das klingt einleuchtend.“

„Genau das Gleiche kann man über die Obdachlosen sagen.“

„Aber die Wiedervereinigung ist nicht der Grund für Wohnungsmangel.“

„Was ist deiner Meinung nach der Grund?“

„Es gibt internationale Diebe im großen Stil, die uns nach und nach den Wohnraum stehlen. Unauffällig und auch noch juristisch fast legal.“

Paula wechselt plötzlich das Thema und redet von der neuen Regionalwahl. Ich kann nicht mein Wissen über gewisse Immobilienfirmen loswerden, die Sozialwohnungen kaufen, ihre Bewohner auf die Straße setzen, die Häuser renovieren und für einen erhöhten Preis weiterverkaufen. Und all das nur für einen lächerlichen Gewinn von ein paar Millionen Euro, den sie sowieso nicht in die Hölle mitnehmen können.


Ein Projekt der Guardini Stiftung und der Stiftung St. Matthäus anlässlich des Reformationsjubiläums 2017


Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages


10. Mai 2016
19:00 Uhr

Adresse

Guardini Galerie
Askanischer Platz 4
10963 Berlin
Telefon: +49 30 217358-0
E-Mail:
Internet: www.guardini.de

Ă–ffentliche Verkehrsanbindung

S-Bahn: S1, S2, S25 Anhalter Bhf.
Bus: M29, M41 Anhalter Bhf.
Ă–ffnungszeiten der Galerie:
Di-Fr 12-18 Uhr, Sa 14–18 Uhr
  drucken Seitenanfang