Filmpreisverleihung zum Sechsten Gebot

am 27. November 2015 um 20 Uhr


DU SOLLST NICHT EHEBRECHEN
 

 

»Du liebst mich also!
Und was willst du von mir?«
»Das weiß ich nicht.«

(aus Krzysztof Kieślowskis »Dekalog 6« )

 

Programm 

Begrüßung: Dr. Jörg Herrmann, Vorstand »Andere Zeiten e. V.« 

Laudatio: Corinna Kirchhoff, Juryvorsitzende

Vorführung der mit dem ersten Preis ausgezeichneten Filme

1. Preis (2.000 €) Felix Hassenfratz, DER VERDACHT


Still aus »DER VERDACHT«

Der erste Preis geht an den Beitrag »Der Verdacht«, der Abschlussarbeit von Felix Hassenfratz an der Internationalen Filmschule Köln. Der Film erzählt die Geschichte aus der Perspektive einer Ehefrau, wie ihr Mann unter Verdacht gerät, und sie stellt sich im Verlauf des weiteren Geschehens unweigerlich die Frage: Ist er der Mörder jener jungen Frau, deren Leiche in einer süddeutschen Kleinstadt aufgefunden wurde, oder – als der nicht recht heimisch gewordene, ohnehin eingeheiratete Mitbürger – das Opfer einer missgünstigen Gerüchteküche? Eine geradezu klassische Ausgangssituation: Die Frau wehrt jede Unterstellung, Mutmaßung, Nachrede ab, sie steht fest zu ihrem Mann. Es ist, wie der heilige Thomas wußte, die Pflicht der Ehefrau, den Täter vor dem Zugriff der Obrigkeit zu bewahren, so wie es Pflicht der Obrigkeit ist, die Tat aufzuklären und den Täter zu verfolgen. Aber wir leben nicht mehr in einer klassischen Konfliktsituation, sondern in der Zeit des Argwohns: Die Beziehung der beiden Ehepartner wird zunehmend vergiftet durch den Zweifel. Was zu einem nicht minder klassischen Doublebind führt. Etwa so: Er weiß, dass ich ihm nicht mehr glaube, deshalb sagt er nicht, was mir den Glauben an ihn zurückgibt. Das Ende des Films bleibt offen, fest steht aber, um es mit dem guten Chesterton zu sagen: »Liebe ist nicht blind; das ist sie am allerwenigsten. Liebe ist hörig; und je höriger sie ist, um so schärfer hört sie hin.« Absehbar ist immerhin, dass nichts so sein wird, wie es einmal war. Kurzum: Es gelingt dem Regisseur zu zeigen, worin eine wesentliche Dimension der Treue besteht, nämlich im Vertrauen – beides Schlüsselbegriffe, die den Kontext des Gebotes übersteigen, Schlüsselbegriffe, die nicht von ungefähr in vielen Sprachen etymologisch zusammen gehören.

1. Preis (2.000 €) Juri Maia Jost, LAUF DER DINGE


Still aus »LAUF DER DINGE«

Genrewechsel: Der zweite Beitrag, eine Arbeit Iuri Maia Jost, einem Absolventen der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, ist dokumentarischer Art (und von einer solchen Qualität, dass wir ihm gleichranging zu »Der Verdacht« ebenfalls den ersten Preis zuerkannt haben). »Lauf der Zeit«, so der Titel, ist eine Collage, besser vielleicht Bild-Ton-Assemblage von Fotos ehelicher Idylle, bescheidenen Wohlstands und kleinen Glücks, alte Aufnahmen, vielleicht aus den 70er, 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, Zeugnisse eines frühen Liebesglücks, der Ausgelassenheit im Freundeskreis – viel Gelsenkirchener Barock und wenig Spontaneität gelebten Lebens, in der Abfolge immer häufiger durchsetzt mit Bildern – Fotos und Videostills – von Sperrmüll und Haushaltsauflösung. Im Off zwei Stimmen, die aus Briefen eines Ehepaares nach der Trennung vortragen – ein hoffnungsloser Dialog, ein Versuch, die neue Situation zu bewältigen, mit der Vergangenheit fertig zu werden, mit sich ins Reine zu kommen, erstickte Hilferufe, kalenderspruchhafte Beschwichtungen gepaart mit Vorwürfen. Dann wieder Passagen voller Zärtlichkeit, die kaum ausgesprochen oder, da es sich ja um Briefe handelt, kaum niedergeschrieben, sprachlos verhallen. Ein Briefroman, dessen Epilog schon lange zurückliegt. »Lauf der Dinge« ist ein Zeugnis des verfehlten Lebenssinns im geteilten wie im getrennten Leben. Vom Ende her gedacht, das Rad der Zeit zurückgedreht, also jene Erfahrung eingebracht, die frei nach Oscar Wilde die Fehler sind, die wir gemacht haben, könnte sich ein erfülltes Leben einstellen, aber es ist ein Hoffnungstitel ohne Gegenwart und ohne Gegenwert, immerhin aber ein für uns anderen gültiger Hoffnungstitel....auf den, sollte man hinzufügen, das Sechste Gebot implizit abzielt.

2. Preis (1.000 €) Nicolas Ehret, NACH DER WAHRHEIT


Still aus »NACH DER WAHRHEIT«

Den zweiten Preis hat die Jury einem Beitrag mit dem vieldeutigen Titel »Nach der Wahrheit« zuerkannt. Die Arbeit des an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg studierenden Nicolas Ehret entwickelt mit verstörend schönen Bildern (die zuweilen an Tarkowskij oder Lars van Trier erinnern), aber auch mit in ihrem Realismus schockierenden Szenen ein komplex aufgebautes Beziehungs- und Familiendrama. »Nach der Wahrheit« macht somit einmal mehr deutlich, welch universaler Sinngehalt diesem Sechsten Gebot zu Grunde liegt. Nicht ohne Raunen und Pathos, dabei aber doch äußerst sorgsam inszeniert und das auch mit dem Mut zu einem »eigenzeitlichen« Erzählrhythmus schildert der Film die Folgen eines Ehebruchs in Zeiten des Krieges/des Nachkrieges, eines Ehebruchs, der nicht zu verarbeiten war in der Einöde und der Verlassenheit einer verlorenen Generation. Dies wird betont mit raffinierten Stilmitteln: viel Dunkelheit und ein sorgsam ausgewähltes Licht/Gegenlicht. Auch hier versagt sich der Film implizit jeglicher Hoffnung.

3. Preis (500 €) Tatjana Moutchnik, AUF EINMAL


Still aus »AUF EINMAL«

Der dritte Preis geht an den Film »Auf einmal« von Tatjana Moutchnik – auch sie kommt von der Filmakademie Baden-Württemberg. Ein junges Paar steht, wie es heißt vor dem »Fünfjährigen«, einem Jubiläum, das in seiner Bedeutung wohl irgendwie, aber doch nicht so ganz an die Silberne Hochzeit gereifter Ehepaare heranreicht. Eine unbedachte Äußerung im Freundeskreis löst, vielleicht lässt sich das so formulieren, eine Parallelaktion der Untreue aus. Die beiden finden nach dem doppelten Seitensprung zwar wieder zusammen, aber es zeigt sich, dass die Beziehung nicht wie die Schmutzwäsche, die sich unablässig in der Waschmaschine dreht, reingewaschen, der status quo ante also nicht wiederhergestellt werden kann, auch nicht durch den Versöhnungsversuch, der groteskerweise im Wasserbett stattfindet, das als Gipfel der Ausschweifung im spießigen jungpartnerschaftlichem Alltag justament zum »Fünften« angeschafft worden war.

Eintritt frei

Veranstaltungsort: 
Villa Elisabeth
Invalidenstraße 3 | 10115 Berlin


Ein Projekt der Guardini Stiftung und der Stiftung St. Matthäus anlässlich des Reformationsjubiläums 2017

Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages

27. November 2015
20:00 Uhr

Adresse

Villa Elisabeth
Invalidenstr. 3
10115 Berlin
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