Filmpreisverleihung zum Fünften Gebot

am 28. August 2015 um 20 Uhr

DU SOLLST NICHT TÖTEN

 



»Vielleicht wäre es ganz anders gekommen. Vielleicht wäre ich jetzt nicht hier« 
(Jacek Lazarz in der Todeszelle, aus Krzysztof Kieślowskis »Dekalog 5«)

 

Zum fünften Mal in Folge vergeben die Guardini Stiftung e.V. und die Stiftung St. Matthäus im Rahmen ihres DEKALOG-Projektes einen Filmpreis. Preisträger in der aktuellen Wettbewerbsrunde zum Fünften Gebot ist der Filmemacher Andrei Schwartz. Der in Hamburg lebende Dokumentarfilmer erhält den mit 2.000,00 € dotierten Preis für seinen Film »Himmelverbot«. Wegen der überragenden Bedeutung des prämierten Werkes wurde – abweichend von der bisherigen Praxis – auf die Vergabe weiterer Preise verzichtet.

 

Programm

Begrüßung: Dieter Kosslick, Direktor der Internationalen Filmfestspiele Berlin
Laudatio: Corinna Kirchhoff, Juryvorsitzende

Himmelverbot“ ist ein Dokumentarfilm. Der Handlungsstrang ist schnell erzählt, viel weniger schnell, als die Fülle unglaublicher Szenen, die sich aneinanderreihen und einem den Atem rauben. Aber davon werden Sie sich gleich im Anschluss meiner Ausführungen selbst ein Bild machen können. Die Kamera begleitet Gavriel Hrieb, der Anfang der 90er Jahre zwei Menschen umgebracht hatte und als Häftling 21 Jahre in einem Bukarester Zuchthaus verbrachte, auf seinen Weg in die Freiheit. Hrieb versucht in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen, einer Gesellschaft, die sich während seines Gefangenenlebens so radikal gewandelt hat, dass selbst die in Freiheit Lebenden kaum mit den Veränderungen Schritt zu halten vermochten und ihrerseits wie die Schemen ihrer eigenen Vergangenheit durch die neue Wirklichkeit taumeln. Es verschlägt ihn auf die Schauplätze seines Lebens vor der Tat, in die verschiedenen Stadtteile Bukarests, in das Heimatdorf seines Vaters, er landet schließlich, wenn auch nur vorübergehend, als Toiletten-Kassierer und – ein Aufsteiger-Narrativ wird ganz nebenbei ironisch gebrochen – Tellerwäscher im gelobten Deutschland. Man könnte die Schilderung von Hriebs Leben nach der Entlassung als Resozialisierungsstory verstehen und damit gründlich missverstehen. Denn immer wieder kommt die Vergangenheit ins Spiel: die Tat selbst, hinter der die Sühne verblasst.

Ich darf nicht allzuviel verraten, die Schlusspointe nicht vorwegnehmen. Ich will sie andeutungsweise nur so umreißen, dass die Würde des neu ins Leben Getretenen sich in die Fragwürdigkeit der Tat verkehrt. Klar schien zu Beginn des Films und über weite Strecken seines Fortgangs, dass das Vergehen von einer fast schon achtbaren Nemesis, einem gerechten Zorn, geleitet war – eines der beiden Opfer, eine Staatsanwältin des alten Regimes, hatte den bis dahin kleinkriminellen Hrieb immer wieder als „lausigen Juden“ diffamiert, ihn immer tiefer in den Sumpf der Kriminalität getrieben. Der Mörder, folgt man der präzisen Erzählung, macht aus seinem Herzen keine Mördergrube, und dieser Eindruck macht ihn nachgerade sympathisch. Nach und nach stellt sich indessen heraus, dass der Tathergang und seine Vorgeschichte möglicherweise ganz anders waren, und es bleibt letztlich unklar, ob der Mord in Panik geschah oder womöglich ein „acte gratuit“ war, eine absurde, nihilistische Handlung. Fragen tun sich auf: Hatte sich Hrieb eine (letzten Endes brüchige) Schutzidentität aufgebaut, der auch der Regisseur im Laufe seines Projekts aufgesessen ist, und die den Betrachter zeitweise dazu verleitet, der „Sünde Moral anzuschminken“ (wie Karl Kraus sagte)? Oder hat er etwas in sich verdrängt, das sich, wie ihm selbst zunehmend bewusst wird, nicht verdrängen lässt?

Das bleibt für mich, ich spreche jetzt nur für mich, offen – und, gestehe ich – zweitrangig. Wichtiger scheint mir Folgendes zu sein: Die extreme, man könnte sagen: unendliche Distanz zwischen Gut und Böse bestätigt sich einmal mehr; was hinfällig wird, und das zeigt der Film, ist die „illusio“, der Schein, die relativierenden Umstände, ob diese konstruiert sind, oder sich unwillkürlich so ergeben. Unser Verlangen nach Einheit und Sinn macht es uns schwer, von der Illusion Abstand zu nehmen, wir fürchten den leeren Raum der Unwissenheit. Vielleicht ist genau dies die Lektion, die der Regisseur uns und sich erteilt. Und der Täter selbst, was weiß er von sich? Was ist er bereit, von sich und seiner Tat zu vergegenwärtigen – auch das eine Form der Bußfertigkeit, um einen alten Ausdruck zu gebrauchen? Hrieb, der vor Jahren, die fast den Lauf einer Generation ausmachen, gemordet hat,  könnte sich, am Schluss des Filmes angekommen und durch seine eigene Rolle in diesem Filmprojekt verunsichert, die Frage stellen, die Raskolnikow stellte: „Mordet man denn so? Geht man so hin, um zu morden, wie ich damals hinging?… Habe ich denn die Alte ermordet? Mich habe ich ermordet, nicht ich die Alte! Mit einem Schlage habe ich mich umgebracht für alle Ewigkeit.“ Aber man könnte Raskolnikows verzweifelten Aufschrei wiederum die Feststellung Bettina von Arnims entgegensetzen: „Was wir vergessen, töten wir, wessen wir gedenken, das beleben wir. Was uns vergisst, das tötet uns.“

Wie dem auch sei, der Film gibt keine fertigen Antworten, er stellt Fragen, und indem er sie an den Protagonisten stellt, stellt er sie an uns, und sich selbst nimmt der Regisseur, dem ein kompositorisch außerordentlich ausgewogenes Werk gelungen, dabei nicht aus. „Himmelverbot“ berührt mit Lakonie – bar jeglichen Pathos – große Fragen von existentieller Bedeutung. Er bietet keine Katharsis, er beraubt uns vielmehr aller Kategorien, mit denen wir ein Geschehen einzuordnen versuchen,… und bringt uns so der Wahrheit näher.  


Vorführung des prämierten Films »Himmelverbot« von Andrei Schwartz
Im Gespräch mit dem Regisseur: Peter Paul Kubitz, Jurymitglied 


Stills aus »Himmelverbot«

 

Eintritt frei

Veranstaltungsort: 
Villa Elisabeth
Invalidenstraße 3 | 10115 Berlin


Ein Projekt der Guardini Stiftung und der Stiftung St. Matthäus anlässlich des Reformationsjubiläums 2017

Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages

28. August 2015
20:00 Uhr

Adresse

Villa Elisabeth
Invalidenstr. 3
10115 Berlin
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