Filmpreisverleihung zum Vierten Gebot

am 30. November 2014 um 20 Uhr


DU SOLLST DEINEN VATER UND DEINE MUTTER EHREN

 

 

»Vater..., Vater... –  Warte!« 

(Aus Krzysztof Kieślowskis »Dekalog 4«)

 

Verfilmungen der Zehn Gebote zählen zu den Klassikern der Kinogeschichte – der Dekalog lieferte zu allen Zeiten Kintopps verlässliche Plots, die ihren Weg zum Publikum fanden. Doch mehr noch als auf die grandiosen Dioramen mit ihren Allegorien der Sünde und der Leidenschaft, des Zorns und der Gnade, lohnt der Blick auf kleine Werke und Low-Budget-Produktionen. In den Jahren 2013 bis 2017 wird, dies aufgreifend, der DEKALOG-FILMPREIS ausgelobt – ein Preis für filmische Arbeiten, die sich direkt oder indirekt auf den Dekalog beziehen. Der Wettbewerb regt eine filmspezifische Auseindersetzung junger Regisseure mit den Zehn Geboten an und stellt die Frage in den Vordergrund, welchen Stellenwert sie in unserer heutige Gesellschaft haben. Vorgaben – von Thema und technischen Standards abgesehen – werden nicht gestellt. Über die Preisvergabe entscheidet eine unabhängige, interdisziplinäre Jury.

 

Programm

Begrüßung: Dr. Peter Hasenberg, Deutsche Bischofskonferenz, Referat Film

Laudatio: Corinna Kirchhoff, Juryvorsitzende  

Aus der Laudatio 

»Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir's wohl gehe und du lange lebest auf Erden«, wie es bei Luther heißt, ist nicht bloß eine Aufforderung, Vater und Mutter gefälligst nicht aus dem Weg zu räumen und nicht ins Altersheim, pardon: »Senioren-residenz«, abzuschieben, wo sie dann, wie es in den eindeutigen Unternehmensleitlinien heißt, als »Kunden« behandelt (und mancherorts, wie man weiß, auch misshandelt) werden. 

Nein, das Vierte Gebot legt uns vielerlei Verpflichtungen auf, den Eltern gegenüber, den noch Lebenden und den schon lange Toten, aber auch uns selbst und unseren Kindern gegenüber. 

Der englische Schriftsteller und Künstler John Berger sprach kürzlich in einem Interview mit dem »Tagesspiegel« von der Hoffnung, die in dieser zunehmend von Kriegen und Konflikten zerrütteten Welt, noch von Bestand ist. Ich zitiere: »Hoffnung ist zuerst und vor allem die Treue zu den Toten, zu dem, worauf sie hofften, was sie erlitten, was sie erkämpft haben. Hoffnung ist verbunden mit dem Gefühl der Komplizenschaft mit anderen, unzähligen anderen: mit den Lebenden, den noch Ungeborenen und den Toten, die alle gleichermaßen anwesend sind.« John Berger sprach vor vielen Jahren auch einmal davon, dass das Kreuz für ihn ein Sinnbild sei für die Solidarität der Lebenden untereinander (die horizontale Achse) und die Verbundenheit der Lebenden mit den Toten, aber auch den noch nicht Geborenen (vertikale Achse). Man muss ihm in dieser eigenwilligen Auslegung des Kreuzessymbol nicht unbedingt folgen, aber sie gibt uns einen Hinweis darauf, worum es in diesem Vierten Gebot auch geht: Um die Verpflichtung, die uns erwächst aus dem, was unsere Eltern, Großeltern Vorfahren getan (und auch verbrochen haben) und die Verpflichtung, die sich gegenüber unseren Kindern und Kindeskindern ergibt.

 

Aufführung der ausgezeichneten Filme

1. Preis (1.500 €) Levin Hübner, 
»ALTER EGON«


Still aus »ALTER EGON«

»Alter Egon« ist eine kleine kaum 15minütige, vollgepackte, anspielungsreiche Groteske: Mutter fällt tot um, nachdem sie im Kochfisch, den sie gerade ausgenommen hat, eine Mutter entdeckt, die von ihrem heimwerkenden Mann stammt, bei dem – ja darf man das denn sagen? – eine Schraube locker zu sein scheint: Der Tod seiner Frau geht ihm, wie der herbeigeeilte Sohn irritiert feststellt, offensichtlich kaum zu Herzen: Er werkelt unverdrossen weiter an seinem neuen Projekt, einen Kaminofen, denn Mutter soll es warm haben in dieser unbehausten Welt, zögert aber wiederum den Abtransport des Leichnams hinaus. […]

Der Film »Alter Egon«, schon der Titel irritiert (ist das noch ein Kalauer oder schon ein geniales Motto, frage ich mich) führt auf burleske, stellenweise hochmakabre Art und Weise vor, dass »Lieben« und »Ehren« wenig zu einem kategorischen Imperativ taugen, vielmehr ohne den Preis unpassender, ja anstößiger Lebenssituationen weder zu erweisen noch zu haben sind. Doch wenn ich von dem Makabren spreche, das dem Film zweifellos Bewegung verleiht, die Figuren sind keineswegs ihrer Würde beraubt, weder die tote Mutter, noch der altersstarrsinnige, halbdemente Vater, noch der von der Situation überforderte Sohn.


1. Preis (1.500 €) Petra Lottje, »MIR FEHLT NICHTS«


Still aus »MIR FEHLT NICHTS«

 »mir fehlt nichts« von Petra Lottje. Er ist völlig anders, anders sein Thema, anders die Technik. Es handelt sich um einen Animationsfilm, filmästhetisch mit einem japanischen Anime verwandt, mit dokumentarischen, bildvisuellen Überblendungen. Es geht dabei, wie die Regisseurin erklärt, um eine Familiengeschichte. Zu Beginn eine fast schon bukolische Szene, ein unbelastetes Dreieck Mutter, Vater, Kind im Dekorum des einfachen, ruralen Lebens. Das Idyll wird jäh zerstört durch einen Krieg, den Krieg, der uns und unsere Eltern- und Großelterngeneration angeht. Es schließen sich Sequenzen an, die von der nunmehr vaterlosen Familie über den Sohn führen, der sich, inzwischen herangewachsen und selbst Vater, an seiner eigenen Tochter vergeht, […]

Die Idylle wird zur Utopie der unabgegoltenen Erinnerung. Vielleicht ist aber eine ganz andere Interpretation der Schlussszene erlaubt, die man mit einem Motto des österreichischen Autors Peter von Tramin so treffen könnte: »In der Wirklichkeit geht’s immer weiter; und keine Katastrophe ist die letzte.“  Heißt: Wenn wir uns aber dem Gesellschafts- und Familiendrama stellen, wenn wir nicht verdrängen (auch das ist aus dem Vierten Gebot herzuleiten), dann gibt das Wissen, dass keine Katastrophe die letzte ist, den Blick frei auf unsere Verantwortung. Wie auch immer die Interpretation des Films ausfällt, es wird deutlich: Die Generationenfolge ist alles andere als eine Zugewinngemeinschaft oder eine lineare Entwicklung vom Inferioren zum Besseren. Ich darf hinzufügen: Sonst wäre das Vierte Gebot ja gegenstandslos und somit höchst entbehrlich.  
 

3. Preis (500 €) Anna Kohlschütter, »REBECCA«


Still aus »REBECCA«

Zum 3. Preis: der Film »Rebecca« von Anna Franziska Kohlschütter. Die Handlung dieses mit knapp einer halben Stunde Spielzeit längsten Beitrags ist schnell erzählt: Am Anfang steht das Aus einer Liebesbeziehung, am Schluss der Tod und ein Neuanfang (mit Fragezeichen): Die junge Rebecca lässt sich nach der Trennung von ihrem Freund ziellos treiben, bezeichnender-weise hat sie im Durchgangszimmer einer Wohngemeinschaft eine vorübergehende Bleibe gefunden. Der Versuch, sich – wie man so schön sagt – neu zu orientieren ist nicht sehr überzeugend, sie wirkt wie das Strandgut der allerjüngsten verlorenen Generation, die sich gerade eben noch so – allerdings ihrem eigenen Klischee entsprechend – am Leben hält, Party, one-night-stands, Absturz, Katzenjammer, Verbitterung – Alltag im fahlen Licht einer schäbigen Stadt. Die einzige Konstante, die einzige Orientierung in Rebeccas Leben ist der tägliche Besuch ihres – wie man so hässlich zu sagen pflegt – »orientierungslosen« (Fragezeichen) Vaters im Pflegeheim.

Wenige dafür umso intensivere Szenen zeigen ihre Zuwendung zu dem hilflosen Vater. Es ist eine Kulmination von Tiefschlägen, die Rebecca, hinreißend gespielt von Lise Wolle, einstecken muss, und deren schlimmster die Nachricht vom Tod ihres Vaters ist. Der Zuschauer wird von der Rastlosigkeit mitgenommen – im Doppelsinn des Wortes – bis hin zum Schluss, der vieles offen lässt, aber eine (selbst-)versöhnende Note enthält.
 

Lobende Erwähnung – Tobias Sauer, »IMITATION«


Still aus »IMITATION«

»Imitation« ist ein Amateurfilm aus den 30er Jahren, den Tobias Sauer (Studierender an der Kunsthochschule Kassel) zutage gefördert, aufbereitet und mit einem Auszug aus Gustav Mahlers »Auferstehungssinfonie« unterlegt hat. Gezeigt wird in eindrucksvollen Bildern ein kleines Mädchen, das beim Puppenspiel die Rolle der, also seiner Mutter einnimmt. 

 

Veranstaltungsort: 
Villa Elisabeth
Invalidenstraße 3 | 10115 Berlin


Ein Projekt der Guardini Stiftung und der Stiftung St. Matthäus anlässlich des Reformationsjubiläums 2017

Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages

30. November 2014
20:00 Uhr

Adresse

Villa Elisabeth
Invalidenstr. 3
10115 Berlin
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