Rückblick | Der erste Guardini Salon

Was ist Wahrheit? - Die Frage des Pilatus

Der Guardini Salon gibt zu denken! Unter diesem Motto lädt die Guardini Stiftung seit Februar 2019 regelmäßig in ihre Galerieräumlichkeiten ein, um gemeinsam mit geladenen Gästen und einem interessierten Publikum Fragen im Dialog zwischen Kunst, Wissenschaft und Glauben zu erörtern. Nachdem der Salon im 20. Jahrhundert zunehmend aus der europäischen Großstadt verschwunden ist, erlebt er heute, zu Beginn des neuen Jahrtausends, seine Renaissance. Ein Salon ist eine gelungene Symbiose aus Privatheit und Öffentlichkeit, ein Treffpunkt, ein Ort des intellektuellen, künstlerischen und persönlichen Austausches. Ganz im Geiste ihres Namensgebers Romano Guardini, der sich stets in einem Kreis illustrer Freunde und Kollegen bewegte, lässt die Guardini Stiftung diese Tradition wiederaufleben.

Der erste Guardini Salon am 20. Februar 2019 stand im Zeichen der Frage des Pilatus "Was ist Wahrheit?" Eingeladen waren der italienische Philosoph und aktueller Guardini Professur Ugo Perone sowie der Benediktinermönch Pater Nikodemus Schnabel. Es moderierte die wissenschaftliche Referentin der Guardini Stiftung Patricia Löwe. Abgerundet wurde der Abend von Barbara Klaus-Cosca am Akkordeon, die beschwingt Stücke von Yann Tiersen, Jacques Brel und Piazolla spielte.

"Was ist Wahrheit?" lautete auch das Thema der Vorlesung, die Ugo Perone im Wintersemester 208/19 an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin gehalten hatte. Das Salongespräch eröffnete der Hermeneutiker dennoch nicht in seiner Funktion als Professor, sondern er berichtete zunächst, dass alle Berufe, die er hätte ergreifen können und wollen – Rechtsanwalt, Arzt, Priester – etwas mit der Suche nach Wahrheit zu tun hatten. Schließlich entschied er sich für den Werdegang eines Philosophen und damit für eine Laufbahn, in der Wahrheit erster Zweck und wichtigstes Instrument ist. "Die Wahrheit ist etwas Entscheidendes, das mich betrifft und das nicht unmittelbar erscheint. Sie hat die Kraft, uns zu befreien und zu heilen, uns zu schützen. Die Freiheit ist aber nicht eigentlich die Feststellung ‚Es ist so‘, sondern sie liegt in der Entdeckung eines So-Seins, das mein Leben verändert."

Pater Nikodemus Schnabel, der derzeit das Auswärtige Amt bei der Gründung eines Referats für „Religion und Außenpolitik“ berät, war in seiner Rolle als Priester und Ordensmann eingeladen. Auf die Frage, ob er diesen radikalen Schritt, Benedikter zu werden, gewagt habe, weil er im Katholizismus eine Wahrheit entdeckt habe, antwortete er, für ihn habe Religion weniger mit Wahrheit als vielmehr mit einer lebendigen Beziehung zu tun. Pater Nikodemus ist medial als Experte für Religion und Gewalt bekannt. Gerade deshalb lehnt er den absoluten Wahrheitsanspruch des Glaubens ab und appelliert vielmehr an die Einsicht, dass niemand Gott ganz kennen könne. "Mit der Muttermilch habe ich ein ‚Warum?‘ eingesogen – nie zufrieden zu sein mit Antworten, sondern immer noch ein ‚Warum?‘ mehr wagen. Deswegen habe ich bis heute auch keine Wahrheit gefunden, sondern bin auf dem Weg dorthin. Mein Job als Christ und als Mönch – der Heilige Benedikt formuliert das auch in seiner Regel – ist, Gottsucher zu sein. Ich glaube, das größte Missverständnis, das es über Mönche und Priester gibt, ist, sie hätten Gott gefunden."

Fotos: Frizzi Krella, Emanuela Danielewicz

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